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Dem Volk aufs Maul schauen

27. Oktober 2016
von Peter Porsch

Bekanntlich hat sich das Martin Luther selbst verordnet, um mit seiner Bibelübersetzung dem Volk verständlich zu sein. Im Wollen steckte jedoch der Teufel, wie man heute noch an den Tintenspuren an der Wand von Luthers Studierzimmer auf der Wartburg sehen kann. Luther schmiss mit dem Tintenfass nach dem Störenfried. “Dem Volk aufs Maul schauen“, das geht nicht immer auf: Eine Frau P. hatte am 10. September diesen Jahres eine Video bei facebook eingestellt, in dem zu sehen ist, wie eine offensichtlich aus dem arabischen Raum stammende Frau einen Busfahrer zu verprügeln versucht. Über den Anlass erfährt man nichts, wohl aber wird die Empörung durch den Begleittext geschürt, „unakzeptabel – bitte teilen“. Und das Volk empört sich weisungsgemäß. „Wes das Herz voll, des läuft der Mund über“, übersetzt Luther Matthäus. Was aus dem Herzen in den Mund fließt, läuft weiter in die Hand und wird geschrieben bei facebook sichtbar. „Rausschmeißen“, „laufen lassen zum Abkühlen“, „am besten gleich bis ins Heimatland“, „eine scheuern, dass sie drei Tage rückwärts rennt“. Das sind die guten Ratschläge. Also: „nichts wie raus aus deutschland solche fotzen haben in unserer Heimat nichts verloren.“ Gehört das zur Sprache der Dichter und Denker, zur Sprache von Goethe und Schiller oder sind die weit ab vom Volk? Eine Frau einfach „Fotze“ nennen? Für Schiller lässt es sich in der Eile nicht überprüfen, aber für Goethe hilft das „Goethe-Wörterbuch“. Und siehe da, zwei Mal verwendet der Dichterfürst das Wort. Einmal im „West-Östlichen Diwan“ und einmal in einer Tagebucheintragung. Freilich gibt es einen Unterschied. Goethe spricht in beiden Fällen nicht per pars pro toto von einer Frau. Er reduziert sie nicht auf den vulgären Ausdruck für ihr Geschlechtsteil; und noch etwas ist anders, das Wort wird nicht ausgeschrieben. Im einen Fall steht nur „F.“ und im anderen ersetzen *** das Wort. Eine Hemmung noch bei Goethe, beim Volk offensichtlich nicht mehr. Einer formuliert aber vielleicht doch vorsichtiger. Er nennt die schlagende Frau „bloede Schnalle“. „Schnalle“ als vulgäres Wort für eine junge Frau kommt aus der Jägersprache. Dort nennt man das äußere weibliche Geschlechtsteil bei Hunden und Haarwild so. Tatsächlich steckt dahinter die Analogie zur Schnalle, in die ein Dorn gesteckt wird, damit etwas zusammenhält. Auch nicht besser als „Fotze“! Was steckt da für ein Frauenbild dahinter? Für die Eintragungen im „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“ versucht man ebenfalls dem Volk aufs Maul zu schauen. Als sechste Bedeutungsvariante von „Schnalle“ steht dort, „(vulgär) junge Frau“. Als aus dem Leben gegriffenes Verwendungsbeispiel bietet das Wörterbuch, „die Schnalle macht mich ganz schön an.“ Das Böse im Weib fließt dem Volk aus dem Maul. Das Wörterbuch bestätigt das. Unter dem Stichwort „spitz“ finden wir unter anderem: „(umgangssprachlich) vom Sexualtrieb beherrscht; geil; sinnlich: die Frau ist so was von spitz; sie macht die Typen spitz und lässt sie dann nicht ran.“ Das Volk muss sich wehren, zumal, wenn solche Frauen aus fremden Landen kommen. Volk meint bei facebook, es täte dies zu wenig: „Deshalb geht Deutschland den Bach runter, weil sich niemand mehr wehrt. Ihr lasst alles mit euch machen, seid stolz drauf und geht unter.“ Es werden ja täglich hunderte Busfahrer in Deutschland von zugezogenen Frauen verprügelt und keiner wehrt sich. Fakt ist freilich, dass sehr viel mehr deutsche und auch hergeholte Frauen (Thailand, Vietnam, Afrika, Karibik …) täglich von deutschen Männern verprügelt werden. Aber das ist Leitkultur und hält uns zusammen.
Linkes Fazit: Man sollte dem Volk schon aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Munde reden.

(geschrieben im August 2016 für DISPUT, Oktober 2016)

3 Kommentare kommentieren →
  1. Fränkle permalink
    27. Oktober 2016

    ist es nicht so,lieber Peter, dass die Linke sich von der Bühne derer verabschiedet hat, die dem Herrschenden staatsmonopolitschen Kapitalismus, der Macht des großen Kapitals, die Macht der Millionen in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen, und konsequente antikapitalistische Positionen bezieht, die Eigentumsfrage in den Mittelpunkt stellt, als die wirkliche Alternative für Deutschland, und damit sich die Diskussion von selbst erledigt, ob die Linke und die AFD gleiche Forderungen haben, und erwächst daraus nicht auch beim „Volk“ die Erkenntnis, dass Flüchtlinge, Andersdenkende, Arme , „Abgehängte“den gleichen Gegner haben, der sich da immer noch Klassenfeind nennt, und mit dem Prinzip teile und herrsche die Menschheit bei der Stange halten will,
    könnte die Linke sich nicht endlich wieder mit sowas anfreunden,statt mit sowas wie „Frauenversteher“,Wessi Ministerpräsidenten mit Unrechtsstaat Fantasien , oder mecklenburger Landträumereien eines Holter, dessen Land so schön geworden ist, dass ihm seine Fraktion den Stuhl vor die Tür gesetzt hat, und was soll dieses Träumereigetue, die SPD links machen zu wollen, macht euch doch endlich selbst mal wieder links, dann wißt ihr Bescheid über den wirklichen Zustand von Gabriel und seinen noch übriggebliebenen Hilfstruppen
    Ist der hunderttausendfache Protest gegen CETA und TTIFF nicht das Beste Beispiel dafür, wies richtig geht und nun SPD Schulz in Brüssel und sein Junker nach Luft japsen, anstatt dass sich hundert Hinterzimmer „Linke“über was austauschen, was niemand versteht und schon gar keiner der rotlackierten und olivgrünen wirklich will?
    Denk mal drüber nach Peter, dann wirds vielleicht so kommen, dass der Busfahrer und die Flüchlingsfrau gemeinsam gegen den wirklichen Feind kämpfen, der Allmacht des Kapitals, und für die Überwindung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Richtung Sozialismus, aber bitte schön für einen neuen Realen, und nicht für einen nebulösen Godesberger Programm SPD „demokratischen Sozialismus“, wo der geendet hat sehen wir ja heute.

  2. Fränkle permalink
    27. Oktober 2016

    ….eben, eben, die Leute sind nicht dumm, deswegen sollte die Linke sich mal darauf besinnen, sagt ein „Besserwisser“

  3. Peter Porsch permalink
    27. Oktober 2016

    Wenn ich mich immer nur dem „Mittelpunkt“ stelle, kommt der Kreis mit all seiner Fläche und seinem Umfang ins Hintertreffen. Die Menschen, ob Busfahrer oder Flüchtlingsfrau, verstehen sehr wohl, was das Kapital ihnen anrichtet, und sie verstehen es genau deshalb, weil sie unter den Symptomen der letzlichen Ursache leiden. Es wäre doch ,mehr als arrogant, dies und diese zu übersehen. Eine Glosse für eine Zeitschrift ist nicht „Das Kapital“ von Marx. Und die Leute sind nicht dumm, sondern können Zusammenhänge durchaus herstellen. Der Kampf gegen die Missachtung und Beleidigung von Frauen gehört genau so zur Überwindung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wie der Protest gegen CETA und TTIP. Eines ist aber ganz sicher: Besserwisserei bringt uns nicht weiter.

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