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Kein Nachruf, aber ein Zufall

27. Juni 2017
von Peter Porsch

Manchmal spielt der Zufall wirklich verrückt. In der Hitze des Abends suche ich eines Donnerstags im Juni noch eine Einschlaflektüre und stoße auf ein kleines Büchlein aus dem Jahre 1990. Herausgeber Klaus Staeck, Titel: Goldene Worte von Kanzler Kohl, Vorwort von Dieter Hildebrandt, Nachwort vom Herausgeber. Ich vertiefe mich zuerst in die Zitatensammlung, danach in den Schlaf, werde am nächsten Morgen wach und erfahre am Vormittag, dass eben dieser Goldene-Worte-Sager, dieser Kohl verstorben ist. Der Hype um den Toten ist in vollem Gange, als ich facebook aufmache und andere Nachrichtenseiten im Netz. Die Sonne scheint einen Augenblick stehen geblieben zu sein ob des Verlustes eines großen Europäers und möglicherweise sogar des größten Deutschen der vergangenen Jahrhunderte. Größer als Marx jedenfalls, denn folgt man Kerlen von der Jungen Union, so sollten alle Straßen und Plätze, die an Karl Marx erinnern, nun den Namen Helmut Kohls tragen. Kurz überlege ich, ob ich mich auch in die Reihen der Würdiger einreihen sollte – als Unwürdiger mit würdigen Worten. Die Worte wollen jedoch nicht kommen. Es würgt etwas; das am Vorabend Gelesene und Erinnertes. Hatte der Mann nicht Mitglieder der PDS einst als „rot-lackierte Faschisten“ bezeichnet. Die Kontrolle ergibt, dass er das sehr wohl getan, damit aber den Sozialdemokraten Kurt Schumacher zitiert hat. Das macht es nicht wirklich besser. Zu Gorbatschow meinte er, „er versteht etwas von PR; der Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen.“ Klaus Staeck liefert dieses Zitat auf Seite 150. Es stammt aus einem Interview mit Newsweek von 1986. Störung und Störer konnte der große Europäer nicht leiden. Staeck beweist es mit mehreren Zitaten. Ein Beispiel mag genügen: „Die organisierten Dreckschleudern in allen Lagern sind sowieso wie eh und je in Bewegung.“ (bei Staeck Seite 119, entnommen der Frankfurter Rundschau vom 28. 8. 1986) Diese Dreckschleudern waren Kohl „spätpubertäre Nachgeburten der Weltrevolution.“ (Staeck, Seite 118, aus Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 7. 12. 1986) Könnte ja sein, ich gehörte dazu. Kohl wusste, „Man muss spät ins Bett gehen und früh aufstehen, wenn man den Sozialismus besiegen will.“ (Staeck, S. 107, Der Spiegel, 23. 8. 1976) Das trifft. Sozialistinnen und Sozialisten haben etwas verschlafen und mussten böse erwachen. Da hat Kohl wohl recht. Ob seine Nachfahren aber nicht auch einmal verschlafen könnten? Aufpassen, liebe Gegnerinnen und Gegner der sozialistischen Lösungen der Weltprobleme! Es ist ein guter Rat und durchaus im Sinne Helmut Kohls. Dieser verkündete ja am 29. 12. 1983 im „Stern“: „Wir sind dankbar für jeden Ratschlag, aber es muss ein guter sein.“ (Staeck, Seite 109)
Weil wir schon bei den Toten sind. Erich Honecker gehört ja schon längere Zeit dazu. Ich erinnere mich aber noch eines Anrufs eines Journalisten, der wissen wollte, was ich zu Honeckers Tod sagen würde. Nun, ich empfahl dem Journalisten doch bei Helmut Kohl anzurufen. Den hatte Honecker besucht, jener hat ihn mit seiner gesamten Ministerriege und der dazugehörigen Menge Sekt empfangen. Mich hatte der Staatsratsvorsitzende nie zu Hause beehrt. Was sollte ich also sagen? Freilich, der Versuch Honeckers, mit der Bundesrepublik Deutschland ins Vernehmen zu kommen, war auch eine mutige Tat von vielleicht weltpolitischer, aber zumindest europäischer Dimension. Wie man hörte war die sowjetische Führung gar nicht davon angetan. Deutschlandpolitik sollte allein ihr vorbehalten bleiben. Hat das je wer in den Nachrufen zu Honecker gewürdigt? Er stand wahrscheinlich zu klein auf dem Foto neben dem großen Kohl.
Alles erwägend, beschloss ich auf eine Reaktion zu Kohls Tod zu verzichten. Klaus Staecks Nachwort von 1990 war meiner Meinung nach bereits ein nicht zu übertreffender Nachruf. „Eine ausufernde Persönlichkeit benutzt ihren Körper als Waffe. Neben ihm werden immer mehr Leute zu Liliputanern. … Immerhin bündelt kaum jemand alle Vorurteile so gut wie er und wird damit selbst zur Bündelung aller Vorurteile.“ (Seite 188) Nach Staeck ist Helmut Kohl „das schwarze Loch der CDU geworden: Bei einem wie immer gearteten Abgang würde er selbiges hinterlassen.“ (Seite 190) Es ist so weit!

(Geschrieben für Links, Juli/August 2017, 20.06.2017)

Zweitausend Jahre – und nichts geändert

24. Mai 2017
von Peter Porsch

Aufmerksame Leserinnen und Leser meiner Kolumnen werden sich erinnern, einen ähnlichen Titel gab es schon mal. „Zweieinhalbtausend Jahre – und nichts geändert“ hieß es 2013 in der Novembernummer von „Links“. Es ging damals um die hinterhältig-schmeichelhafte Rede des römischen Konsuls Mennenius Agrippa, mit der er die sich verweigernden Plebejer zur Sicherung römischer Herrschaft wieder nach Rom zurück lockte. Sie waren auf den Heiligen Berg ausgewandert. Das alles hatte für mich große Ähnlichkeit mit Bemühungen verschiedener Parteien im Bundestagswahlkampf, die Einheit aller Deutschen zwecks Sicherung und Ausbau deutscher Stärke zu beschwören.
Heute setzen wir etwa 500 Jahre später an. Um die Zeitwende hatte das Römische Reich bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Gut 500 Jahre zuvor hatte man das Königtum durch eine geniale republikanische Staatsform abgelöst. Alle Ämter durften nur für ein Jahr bekleidet werden und waren doppelt besetzt, bis in die Staatsspitze. An der standen zwei Konsuln. Nur in Krisenzeiten, bei Krieg, innerem Aufruhr oder für bestimmte protokollarische Pflichten, wurde für eine begrenzte Zeit (maximal 6 Monate, oft aber auch nur für Stunden oder Tage) eine Einzelperson als Diktator ernannt. Das funktionierte lange ganz gut, wurde der Republik aber schließlich doch zum Verhängnis. Lassen wir alles zuvor Passierte im Schoße der Geschichte ruhen und kommen wir ins Jahr 44 vor unserer Zeit. Nachdem Gaius Julius Caesar eine Reihe von Kriegen und Machtkämpfen geführt und gewonnen hatte, wurde er schließlich auf sein Betreiben hin vom Senat zum „dictator perpetuus“, zum „Diktator auf Lebenszeit“ ernannt. Seiner Macht entledigte man sich wieder – durch Mord. Seinem Nachfolger Augustus konnte man nicht mehr entkommen. Er erfand das „Prinzipat“ und wurde im Jahr 27 vor der Zeitwende von einem hilflosen und willfährigen Senat mit Sondervollmachten ausgestattet, die pro forma immer wieder erneuert wurden, aber de facto für immer galten. Damit waren die Grundlagen des Römischen Kaiserreiches gelegt, das gut 600 Jahre andauern sollte.
Wem jetzt noch immer nicht der Franzose Emmanuel Macron oder der Österreicher Sebastian Kurz eingefallen ist, dem und der ist nicht zu helfen. Ich will es dennoch versuchen. Übrigens kann man auch noch den polnischen Präsidenten Jaroslaw Kaczynski oder den ungarischen Premier Victor Orban in der Reihe nennen. Sie ist damit längst nicht komplett. Die Wege dieser Männer waren und sind verschieden, das angestrebte Ende ähnelt aber immer dem der römischen Geschichte. Bei Macron und Kurz ist es nicht gleich ein Ende für ihr Land, aber zumindest für ihre Parteien. Macron ließ sich vom Volk die Vollmacht geben, Erster im Staate zu sein. Das ist gelungen. Danach erst hat er eine Partei gegründet, in der er alle Vollmachten hat und die ihm den endgültigen Sieg, den Sieg bei den Parlamentswahlen geben soll. Er bestimmt allein die Regierung und allein die Kandidatinnen und Kandidaten zur Parlamentswahl. Der zornige junge Mann Kurz ging umgekehrt vor. Er bemächtigte sich zuerst der altehrwürdigen Österreichischen Volkspartei und stellte ihr sieben Bedingungen, deren Erfüllung ihm das alleinige Sagen in der Partei gibt. Der Putsch war erfolgreich. Die Parteigranden gaben klein bei wie einst der Römische Senat bei Caesar und Augustus. So ausgestattet will er nun die nach seinem Willen vorgezogenen Nationalratswahlen im Herbst gewinnen. Es ist überhaupt nicht abwegig anzunehmen, dass Macron und Kurz, wenn ihnen ihre Vorhaben glücken, den Staat nicht anders regieren werden als ihre Parteien – autokratisch. Ich will keine platten Vergleiche anstellen, doch wehret möglichen Anfängen. Ähnlich begann das Verhängnis in der Zwischenkriegszeit in Italien und Deutschland. Ein Sieg bei Wahlen brachte Männer an die Macht, die die Diktatur wollten und schließlich auch durchsetzten. Zeus entführte einst die schöne Frau Europa. Was Europa jetzt bleibt ist die Hoffnung, dass jene Frauen, die von den Herren zwar umgarnt, aber letztlich auch nur auf streng quotierte Listen „entführt“ wurden, sich wehren und so mögliche schlimme Vorhaben der „starken Männer“ verhindern könnten.
(Geschrieben für „Links“ Juni 2017, 21.05.2017)

Not macht erfinderisch

18. April 2017
von Peter Porsch

Das weiß das einfache Volk im Vertrauen auf die eigene Kraft. Dass es oft so ist, kann man am Einzelfall belegen, und dass es dazu manchmal mehr der Not als technischer Raffinesse bedarf, auch. So wurde zum Beispiel vor gerade 200 Jahren etwas erfunden, was – glaubt man wieder dem Volk und seinen Weisheiten – nicht noch einmal erfunden werden muss: das Fahrrad. Zwar war es damals eher so etwas, was man heute als Laufrad kennt und nur mehr für Kinder bestimmt ist, aber es fuhr; und es fuhr schneller als man laufen konnte. Es verwertete also den möglichen Energieaufwand eines Menschen für die Fortbewegung besser als die Fußläufigkeit. Die Not dafür war durch eine Missernte gegeben, die vor 200 Jahren nicht nur die Menschen hungern und sterben ließ, sondern auch Pferde. Pferde und ihre Haltung wurden sehr teuer und damit auch das damals übliche Transportwesen. Ein Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn ersann Abhilfe und baute das Laufrad – aus Holz und eben ohne Pedale. Die Pedale und der Kettenantrieb kamen erst 50 Jahre später aus Frankreich, Dazwischen gab es quasi eine Sackgasse der Entwicklung zu höherer Geschwindigkeit, das Hochrad. Dem Kettenantrieb folgte die Gangschaltung usw,, bis das uns heute bekannte Fahrrad mit all seinen Finessen fertig war. Neu erfunden werden musste das Fahrrad tatsächlich nicht mehr, weiterentwickelt und verbessert wurde es sehr wohl. Aber auch seine Nutzung veränderte sich. Vom Hochrad als Statussymbol Wohlhabender wurde es mehr und mehr zum erschwinglichen privaten Verkehrsmittel, und als es als solches in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Auto abgelöst wurde, eröffneten sich die Wege zum Freizeitvehikel einerseits und zum Massensportartikel andererseits.
Und heute? Ja, heute droht neue Not. Der dichte Autoverkehr auf Autobahnen, Schnellstraßen, Fernverkehrsstraßen, mit Autos vollgestopfte und verqualmte Städte, Parkplatznot und immer teurer werdender Brennstoff für die Motoren sind auch durch immer raffiniertere technische Entwicklungen nicht mehr zu bewältigen. Der vorläufige Ausschluss bestimmter motorischer Antriebsarten und die Umstellung auf Elektrofahrzeuge werden nicht die erhoffte Erlösung von der Not bringen. Und weil Not eben erfinderisch macht, erinnert man sich plötzlich wieder der Tatsache, dass man mit dem Fahrrad nicht nur überschüssige Pfunde abbauen kann oder mit ihm irgendwelche Siege und Rekorde zu erringen sind, sondern dass man ja dabei immer auch von einem Ort, von einem Punkt zum anderen kommt. Das Fahrrad wird wieder interessant als einfaches Verkehrs- und Transportmittel. Die Erfinder stehen schon auf der Matte. Die einen erfinden fahrradgerechte Straßen. Sie erfinden sogar Fahrradautobahnen. Die Erkenntnis der Vergleichbarkeit von Fahrrädern mit Autos ist in der eigentlich paradoxen Benennung aufgehoben. Andere suchen neue, leichte Materialien für die Fahrräder, neue, effizientere Kraftübertragungen als den Kettenantrieb und neue Schaltungen. Ganz Schlaue haben das Elektro-Fahrrad (E-Bike) erfunden. Nun mal sehen, wohin das führt.
Karl Drais war 1818 wegen seiner Erfindungen zum Professor der Mathematik berufen worden. Das war just in dem Jahr als ein anderer Karl, nämlich der Karl Marx, in Trier geboren wurde. Jener sah die Not der Proletarier. Er wurde deshalb nicht zum Erfinder, wohl aber zum Analysten. Er ergründete die Ursachen der Not und fand sie in kapitalistischer Ausbeutung. Vor 150 Jahren legte er den ersten Band seiner umfassenden Analysen und der Aussicht auf Lösung der Not in einem künftigen Sozialismus und Kommunismus vor: „Das Kapital“. Danach versuchten viele die Weiterentwicklungen der Gedanken von Marx und auch ihre praktische Umsetzung. Kleinere Versuche scheiterten und auch der erste globale Großversuch, der Staatssozialismus, endete wie das Hochrad wegen der Diskrepanz zwischen Ziel und Mittel in einer Sackgasse. Sage aber niemand, das sei das Ende der Bedeutung von Karl Marx. Neue Not mit dem real existierenden Kapital, seiner Ausbeutung und seinen Kriegen macht die Fähigkeit, Straßen in eine Zukunft ohne Not bauen und angemessen nutzen zu können, wieder nötiger denn je.

(Geschrieben für Links, Mai 2017, 17.04.2017)