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Die Sache mit der Identität

27. August 2016
von Peter Porsch

„Wenn alles unveränderlich wäre, ließe sich alles in eine unveränderliche Ordnung der Vernunft bringen, wäre jedes Geheimnis ungeboren, jede Frage gefragt, das Unvorhergesehene vorausgesehen, Außervernünftiges nicht denkbar.“ Das stellt Jurij Brezans Krabat erschrocken fest. Nur die Vernunft, nur Vorhergesehenes, keine Veränderung für ewig? Keine Phantasie, nichts Neues, keine Überraschungen – ziemlich langweilig. Oder noch schlimmer? Wenn das so wäre, wäre alles nur mit sich selbst identisch, so wie wir es wahrnehmen und ihm Sinn geben in einer unveränderlichen Ordnung. Nichts wäre uns fremd und wert, es weiter zu erkunden. Allem aber, das diese Bedingung nicht erfüllt, könnten wir keine Bedeutung zumessen. Es wäre fremd, ohne Sinn für uns. Es erschiene uns gefährlich, zerstörerisch und wäre also abzuweisen.
Schwierig zu verstehen? Ich versuche es am Beispiel: Die deutsche Sprache. Wer zu uns kommt, muss sie lernen, sonst kann seines Bleibens nicht sein. Die Dazukommenden lernen eine Fremdsprache. Was für sie Fremdsprache, ist für uns Muttersprache. „Mutter“-Sprache. Das schmeckt wie bei Muttern, das kümmert sich um uns und unsere Gedanken wie eine Mutter. „Mutter“ ist das Unveränderliche in unserem Leben, so auch die Muttersprache; wie auch der „Vater“ – und das Vaterland. Abweichungen sind landläufig „stief–“ und wenn man sie auch noch so liebt. „Stief-ׅ“ kommt vom germanischen „steupa-“ und hatte dort die Bedeutung „abgestutzt, beraubt“. Die Sache wird wieder philosophisch: Stutzt uns das Fremde ab, sind wir angesichts des Fremden der Gefahr der Beraubung ausgesetzt, der Gefahr der Beraubung unserer Identität, des Vernünftigen, der Sicherheit des Vorhersagbaren? Bleiben wir für eine Antwort bei der Sprache. So sehr uns die Muttersprache als Konstante in unserem Leben erscheinen mag: Sie ist alles andere als konstant, weil in ständiger Veränderung begriffen. Diese Veränderung hat verschiedene Ursachen und vielfältige Folgen. Eine wesentliche Ursache ist die Begegnung mit Anderen, mit dem Fremden, mit dem nicht Identischen. Solche Begegnungen sind in dieser bunten und zugleich einen Welt unvermeidbar. Begegnung führt zu Austausch. Die Ergebnisse werdensprachlich fixiert. Deshalb strotzt unsere Sprache nur so von Fremdwörtern, Lehnwörtern, Lehnübersetzungen. Nur durch diese Anreicherungen konnte die deutsche Sprache überhaupt überdauern. Hätten sich die Muttersprachlerinnen und Muttersprachler dagegen gewehrt, wäre die Sprache unbrauchbar geworden, wäre gestorben. Allerdings ist die deutsche Sprache, wie jede andere auch, daraus nicht zu einem ungeordneten, verwirrenden Gemisch von Eigenem und Fremden geraten. Jede Sprache eignet sich das zunächst Fremde auf eigene Art und Weise an. Feilt es sich zurecht. Das Fremde wird so ebenfalls zum Eigenen. Das Fremdwort kann man noch als solches Erkennen. „Administration“ ist uns zwar verständlich, „Verwaltung“ scheint uns dagegen vertrauter. Das Lehnwort hat sich bereits bis zur Unkenntlichkeit seiner Herkunft angepasst. Das „Banner“ ist uns so geläufig wie die „Fahne“. Es klingt nur feierlicher. Klappt es gar nicht mit dem Fremden, brauchen wir es jedoch auch für uns, wird eben Glied für Glied übersetzt und aus dem lateinischen „conscientia“ wird das „Gewissen“. Wir kommen nicht aus ohne das Fremde, das Andere. Wir können es nicht abweisen. Unsere Welt ist kein festgeleimtes Puzzle, in dem jedes Teil seinen unveränderlichen Platz hat. Die Welt ist vielmehr ein buntes Kaleidoskop. Mit jeder Erdumdrehung ordnen sich die Steinchen neu und es entstehen wieder und wieder bunte Bilder einer faszinierenden, aber ständig in Veränderung befindlichen Wirklichkeit. Manche wollen allerdings davon nichts wissen. Deshalb nennen sich „die Identitären“ „Identitäre“. Nur das Eigene, vermeintlich Identische gilt. Multikulturelles, das Fremdes zulässt und gar schätzt, erscheint ihnen einzig zerstörerisch. Viele Kulturen ja, Austausch, gegenseitige Beeinflussung, nein. Bei Jurij Brezan geht es für sie so weiter: „Kein Himmel, keine Hölle. Und keine Furcht.“ Wären Identitäre darob nicht beneidenswert? Nein und nochmals nein. Für Brezan folgt aus „keine Furcht“: „freilich auch keine Hoffnung“. Das heißt aber doch: auch keine Zukunft!

(Geschrieben für „Links“ September 2019, 25.08.2016)

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen …“

24. Juli 2016
von Peter Porsch

… brennt – wenigstens im Lied – in unsern Herzen eine Sehnsucht, „die lässt uns nimmermehr in Ruh.“ So mag es vielleicht zwei Bergkameraden – korrekt: einem Bergkameraden und einer Bergkameradin – gegangen sein, die am 10. Juni diesen Jahres die Gipfel der Zugspitze erreicht haben. Der eine kam von Tiroler Seite aus, die andere nahm ihren Ausgangspunkt in Bayern. Von beiden Seiten führen ja Seilbahnen in die schwindelnden Höhen. Die Grenze zwischen Deutschland und Österreich verläuft über den Westgipfel. Ein wahrhaft symbolischer Ort für ein Treffen zwischen Österreichs Rechtspopulisten Heinz Christian Strache von der FPÖ und Deutschlands Frontfrau der AfD, Frauke Petry. Der Berg war schon oft Ziel von Leuten, die noch höher hinaus wollten. Es landeten Flugzeuge unterhalb des Gipfels, es flogen Segelflieger von dort ab. Seiltänzer balancierten zwischen dem Ost- und Westgipfel. Andere fuhren die Strecke auf dem Hochseil mit dem Motorrad. Für Nazis war der Berg Symbol Großdeutschlands und einer für sie unnatürlichen Grenze. Sie machten 1933 ihr Symbol, das Hakenkreuz, vom Gipfel weithin sichtbar ins Land Tirol und ins Land Bayern. Und jetzt Strache und Petry. Was machen die da oben? Zwei Leute, die die alten Grenzen in Europa lieber wieder aufrichten und undurchlässig machen wollen, überwinden eine Grenze von jeweils ihrer Seite kommend. Von dpa erfahren wir, „dass Strache und Petry einen Blick hinab auf die deutsche und österreichische Politik werfen wollen.“ Deutsch und österreichisch also streng getrennt. Wer es glaubt, wird selig. Die Reaktionen bei facebook und auf den Seiten vor allem der österreichischen Zeitungen im Netz waren eindeutig. Warum trifft man sich nicht gleich am Obersalzberg, wurde gefragt. War die Wolfsschanze zu weit und geschlossen? Man hörte wohl die Nachtigall der großdeutschen Träume schon wieder trapsen. Kein Wunder: „Sprache, Geschichte und Kultur Österreichs sind deutsch. Die überwiegende Mehrheit der Österreicher ist Teil der deutschen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft.“ So steht es im FPÖ-Parteiprogramm von 2015. Das wollte und konnte man auf der Zugspitze natürlich nicht gleich in Stein meißeln, weshalb man sich zunächst mit der Vereinbarung begnügte, die Kooperation von FPÖ und AfD auf kommunaler Ebene zur vertiefen. Aber es geht perspektivisch um mehr. Es geht um ein – wie sie sagen – „föderales Europa“. Gemeinsame Arbeitsgruppen sollen Themen wie nationale Identität, die (zu beschränkende) Zukunft des Euro und die „moderne Völkerwanderung“, wie Strache die Flüchtlingsbewegungen nennt, behandelt werden. Es geht um die Zusammenarbeit rechter und rechtspopulistischer Parteien in Europa. Am Donnerstag nach dem „Gipfeltreffen“ war Frau Le Pen aus Frankreich Gast bei Herrn Strache; jetzt nicht so hoch droben, aber dafür schon vor Wien. „Unsere Grenzen sind geschlossen. Wir müssen unsere eigenen Grenzen wieder unter Kontrolle bringen“, war dort der O-Ton der Französin. Die Sache ist gefährlich. Der Brexit ist ein Teil davon. Das eingangs zitierte Lied hat eine vierte Strophe: „Beim Alpenglühen heimwärts wir ziehen, Berge, die Leuchten so rot. Wir kommen wieder, denn wir sind Brüder, Brüder auf Leben und Tod.“ Eventuell rotes Leuchten der Zugspitze nach dem Besuch von Petry und Strache war nicht das linke Rot. Es könnte sehr viel eher das heraufdämmernde kriegerische Rot eines erneut zersplitterten „Europa der Vaterländer“ sein. Denn machen wir uns nichts vor, Nationalisten werden nur so lange Geschwister sein, bis sie den Boden für wiederum blutigen Streit um nationale Vorherrschaft und Hegemonie bereitet haben. Hallo Linke! Unser muss – um die Zukunft Europas willen – die dritte Strophe des Lieds sein: „Fels ist bezwungen, frei atmen Lungen, ach, wie schön ist die Welt. Handschlag ein Lächeln, Mühen vergessen, alles auf’s Beste bestellt.“ Es bleibt nicht mehr viel Zeit dafür.

(Geschrieben am 29.06.2016 für DISPUT, August 2016)

Jurij Brezan – 100 Jahre

26. Juni 2016
von Peter Porsch

Das sorbische Volk, ob in der Niederlausitz oder in der Oberlausitz, ist gar nicht arm an bedeutenden Schriftstellern, die ihren unverwechselbaren Anteil an der Bewahrung von Sprache und Kultur dieses kleinen, noch dazu in zwei Varianten existierenden Volkes haben. Das gilt für Vergangenheit und Gegenwart. Mit einigem Stolz kann deshalb der Sorbische Künstlerbund Ende Juni, Anfang Juli 2016 schon sein 38. Fest der sorbischen Poesie feiern. Natürlich ragen, wie in jeder Sprachgemeinschaft, einige aus der Menge heraus. Dazu gehört sicher Jurij Brezan. Der Einzige ist er natürlich nicht. Wenn man nach ihm fragt, wird fast jede und jeder im Osten sagen, „natürlich, den kenne ich.“ Was man von ihm gelesen hat, steht vermutlich schon auf einem anderen Blatt. Wie man sich seiner erinnert, zehn Jahre nach seinem Tod und zu seinem 100. Geburtstag, steht erst recht etwas fragwürdig im Raum.
Brezan beginnt seinen Roman „Krabat oder die Verwandlung der Welt“ mit einem sehr dialektisch gedachten und zugleich so berührend bildlich dargestellten Zusammenhang von engster landschaftlicher Bindung und Welt: „Genau im Mittelpunkt unseres Kontinents – wie viele hierzulande irrtümlich glauben, also auch der Welt – entspringt die Satkula, ein Bach, der sieben Dörfer durchfließt und dann auf den Fluß trifft, der ihn schluckt. Wie die Atlanten, so kennt auch das Meer den Bach nicht, aber es wäre ein anderes Meer, nähme es nicht auch das Wasser der Satkula auf.“ Das mit dem „anderen Meer“ steht auch auf dem Grabstein Jurij Brezans und meint mit Recht, die Welt wäre eine andere, gäbe es die Sorben nicht. „Ihr lebt vom Brot Eurer Enkel“ und „Jeder kennt bloß noch die Hektare und keiner mehr die Krume“, setzt er maßloser Ausbeutung bodenständiger Lebensgrundlage seines Volkes entgegen. Man kann hier Brezans Hinterlassenschaft sicher nicht ausreichend und umfassend würdigen. Es ist auch nicht meine Absicht. Einen Hauch davon konnte man jedoch bei einer Veranstaltung aus Anlass des hundertsten Geburtstages Jurij Brezans im Bautzener Steinhaus verspüren. Jurij Brezan, der auf sorbisch wie auf deutsch gleichermaßen souverän beglückend, bereichernd und in Einmaligkeit schreiben konnte, wird sicher nicht zu Unrecht oft der bedeutendste Dichter der Sorben im 20. Jahrhundert genannt. Das heißt nicht, dass er unumstritten wäre. Nein dies ist sogar unvermeidliches Element seiner Größe. Seine Poesie überzeugt alle, die das Herz dafür offen haben. Sein politischer Weg durch die Labyrinthe seiner Lebenszeit ist für manche Anlass zu Ablehnung oder wenigstens Skepsis. Wer ihn versteht, findet aber gerade in der Poesie die Erklärungen dafür, geboren aus einer ständigen Auseinandersetzung mit sich selbst, der engsten Heimat, ihrer Landschaft, ihren Geschichten, ihren Menschen. Eingebettet ist darin die Auseinandersetzung mit der Welt.
Den 95. Geburtstag des 2006 kurz vor seinem 90, Geburtstag Verstorbenen hatte seine Familie einst im engen Kreis in Horni Hajnk gefeiert. Man hoffte auf größere Ehrungen zum Hundertsten. Das wurde nicht ganz so. Sein Tod war allseits bemerkt worden, eine Ehrung zum 100. Geburtstag, ja auch nur eine ehrende Erwähnung blieben weitgehend aus. Die Stadt Bautzen rang sich nie zur Ehrenbürgerschaft durch, obwohl beantragt. Wo ist die Jurij-Brezan-Gasse in Bautzen, Kamenz oder anderswo im obersorbischen Siedelgebiet? Wo ist wenigstens eine Ehrentafel? Caren Lay und Heiko Kosel, Abgeordnete aus der Region im Bundes- und Landtag für DIE LINKE, ergriffen die Initiative, organisierten die Ehrenveranstaltung und ersparten so mögliche Enttäuschung. Der Stellvertreter des Bautzener OBM hielt die Laudatio, in einer Podiumsdiskussion erfuhren wir bisher Unbekanntes über die Rezeption von Jurij Brezans Werk, von persönlichem Zugang und von Privatem. Florian Brezan präsentierte Jurij Brezans auf obersorbisch verfassten „Brief an meine Enkel“ in eigener sensibler Übersetzung. Menschen aus lokaler und sächsischer Kultur und Politik lasen aus Texten Brezans und machten damit ihre durchaus unterschiedlich begründete Zuwendung deutlich. Alles in allem eine nicht nur notwendige, sondern auch sehr gewinnbringende Veranstaltung.

(Geschrieben für Links Juli/August 2016, 20.06.16)