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Wie schaffen wir Weihnachten ab?

7. November 2016
von Peter Porsch

Was im August und September noch niemand glauben wollte, wird zur Gewissheit: Schon wieder Weihnachten! Das ist die Zeit des größten Stresses im Jahr. Schneller die Menschen nie hasten. Süßer die Kassen nie klingeln? Die letzten vier Wochen vor Weihnachten nahen mit Riesenschritten. Man nennt sie „Advent“ und kann das mit „Ankunft“, „Herankommen“ übersetzen. Lassen wir die Dinge also erwartungsvoll an uns herankommen? Am Ende ist ja doch alles so schön, wenn die Familie im trauten Schein des Lichterbaumes, die funkelnden Augen der Kinder rührselig betrachtend die Geschenke auspackt, um danach oder am nächsten Tag der Gans den Garaus zu machen. Vielleicht schaffen wir aber auch Weihnachten und damit die ganze Hektik endlich ab?
Nein, das geht auf keinen Fall! Und doch wollen es – angeblich – einige versuchen. Es schleicht sich der Verdacht durch die sozialen Netze. Manche wollen es schon ganz genau wissen, dass es so geplant ist. Weihnachten fällt aus, zumindest in der Öffentlichkeit und auch in Kindergärten oder Schulen. Stadtverwaltungen hätten entsprechende Beschlüsse gefasst. Aber warum nur um alles in der Welt? Der Islam ist schuld bzw. die wachsende Zahl von Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland. Ihnen will man dieses tiefreligiöse christliche Fest einfach nicht zumuten. Da geht aber ein Aufschrei durch das Land. Patrioten Europas stellen sich gegen die Islamisierung des Abendlandes. Vorauseilende Opferung des über 2000 Jahre bestehenden innersten Kerns christlich-abendländischer Kultur im Feuer der lodernden Islamisierung der Jetztzeit wird so genannten „Gutmenschen“ unterstellt. Der Kulturkampf tobt und man macht den Weihnachtsmann zum Feldherren, das Christkind zum Märtyrer.
Apropos aber „christlich-abendländisch“, „Weihnachtsmann“ und „Christkind“. Kommt das Christentum nicht aus dem Morgenland? Und was hat der Weihnachtsmann damit zu tun? Aufklärung tut Not. Es begab sich doch, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde und in Windeln gewickelt in eine Krippe gelegt wurde. Der christliche Anlass des Weihnachtsfestes ist also wahrlich nicht abendländisch. Obwohl, man könnte ja den Römern, namentlich Kaiser Augustus, die Schuld an der ärmlichen Geburt in der Krippe geben. Der Kaiser hatte eine Volkszählung veranlasst und sich mit abendländischer Gewalt in den morgenländischen Alltag eingemischt. Aber lassen wir das und fragen wir lieber nach dem Weihnachtsmann. Wie kommt denn der auf Weihnachten? Dass die christianisierten Abendländer und Abendländerinnen die Feier der Geburt des Messias auf die Zeit der Wintersonnwende gelegt hatten, ist verständlich. Feierten sie doch schon lange davor zur gleichen Zeit das Fest „sol invictus“, das Fest der unbesiegbaren Sonne, die sich im Dezember wieder aufraffte, länger zu scheinen. Das Jesuskind war den neuen Christen gleichsam die wachsende Sonne. Solches ist gut für Besinnlichkeit und erwartungsvolle Freude, nicht zu vergessen auch für süßlichen Kitsch. Fürs Geschäft taugt es freilich nicht so sehr. Dafür fand man im Heiligen Nikolaus eine tauglichere Figur. Er beschenkte ja nach der Legende arme Schwestern, um ihnen die Heirat möglich zu machen. Nikolaus transferierte man also vom 6. Dezember etwas verwandelt in die gesamte Weihnachtszeit. Coca-Cola war da nicht unbeteiligt. So ein lieber Alter mit Bart kann doch gut in den Kaufhäusern herumgehen und zu Kauf und Erwartung von teuren Geschenken animieren. Die Weihnachtsgeschichte gab es auch noch her, dass zumindest Kinder zu beschenken sind. Ließ doch Herodes alle unschuldigen Kinder bis zu zwei Jahren ermorden, um damit auch den neugeborenen König der Juden zu treffen. Reichliche Gaben gleichen das heute mildtätig aus. Kommerz hatte also das – wie man neuerdings sagt – geeignete christliche Narrativ. Weihnachten ist abgeschafft, ist zum blanken Geschäft geworden und kann dennoch, nein endlich, abendländisch christlich zelebriert werden. Mit arabischen Flüchtlingen hat dieser Verlust von Weihnachten allerdings nichts zu tun, wenn auch die Ersten, die dem Christkind Gold, Weihrauch und Myrrhe als wertvolle Geschenke brachten, Sterndeuter aus dem Morgenland waren.

(Geschrieben für „Links“, Dezember 2016, 04.11,2016, vor dem ersten verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten)

Dem Volk aufs Maul schauen

27. Oktober 2016
von Peter Porsch

Bekanntlich hat sich das Martin Luther selbst verordnet, um mit seiner Bibelübersetzung dem Volk verständlich zu sein. Im Wollen steckte jedoch der Teufel, wie man heute noch an den Tintenspuren an der Wand von Luthers Studierzimmer auf der Wartburg sehen kann. Luther schmiss mit dem Tintenfass nach dem Störenfried. “Dem Volk aufs Maul schauen“, das geht nicht immer auf: Eine Frau P. hatte am 10. September diesen Jahres eine Video bei facebook eingestellt, in dem zu sehen ist, wie eine offensichtlich aus dem arabischen Raum stammende Frau einen Busfahrer zu verprügeln versucht. Über den Anlass erfährt man nichts, wohl aber wird die Empörung durch den Begleittext geschürt, „unakzeptabel – bitte teilen“. Und das Volk empört sich weisungsgemäß. „Wes das Herz voll, des läuft der Mund über“, übersetzt Luther Matthäus. Was aus dem Herzen in den Mund fließt, läuft weiter in die Hand und wird geschrieben bei facebook sichtbar. „Rausschmeißen“, „laufen lassen zum Abkühlen“, „am besten gleich bis ins Heimatland“, „eine scheuern, dass sie drei Tage rückwärts rennt“. Das sind die guten Ratschläge. Also: „nichts wie raus aus deutschland solche fotzen haben in unserer Heimat nichts verloren.“ Gehört das zur Sprache der Dichter und Denker, zur Sprache von Goethe und Schiller oder sind die weit ab vom Volk? Eine Frau einfach „Fotze“ nennen? Für Schiller lässt es sich in der Eile nicht überprüfen, aber für Goethe hilft das „Goethe-Wörterbuch“. Und siehe da, zwei Mal verwendet der Dichterfürst das Wort. Einmal im „West-Östlichen Diwan“ und einmal in einer Tagebucheintragung. Freilich gibt es einen Unterschied. Goethe spricht in beiden Fällen nicht per pars pro toto von einer Frau. Er reduziert sie nicht auf den vulgären Ausdruck für ihr Geschlechtsteil; und noch etwas ist anders, das Wort wird nicht ausgeschrieben. Im einen Fall steht nur „F.“ und im anderen ersetzen *** das Wort. Eine Hemmung noch bei Goethe, beim Volk offensichtlich nicht mehr. Einer formuliert aber vielleicht doch vorsichtiger. Er nennt die schlagende Frau „bloede Schnalle“. „Schnalle“ als vulgäres Wort für eine junge Frau kommt aus der Jägersprache. Dort nennt man das äußere weibliche Geschlechtsteil bei Hunden und Haarwild so. Tatsächlich steckt dahinter die Analogie zur Schnalle, in die ein Dorn gesteckt wird, damit etwas zusammenhält. Auch nicht besser als „Fotze“! Was steckt da für ein Frauenbild dahinter? Für die Eintragungen im „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“ versucht man ebenfalls dem Volk aufs Maul zu schauen. Als sechste Bedeutungsvariante von „Schnalle“ steht dort, „(vulgär) junge Frau“. Als aus dem Leben gegriffenes Verwendungsbeispiel bietet das Wörterbuch, „die Schnalle macht mich ganz schön an.“ Das Böse im Weib fließt dem Volk aus dem Maul. Das Wörterbuch bestätigt das. Unter dem Stichwort „spitz“ finden wir unter anderem: „(umgangssprachlich) vom Sexualtrieb beherrscht; geil; sinnlich: die Frau ist so was von spitz; sie macht die Typen spitz und lässt sie dann nicht ran.“ Das Volk muss sich wehren, zumal, wenn solche Frauen aus fremden Landen kommen. Volk meint bei facebook, es täte dies zu wenig: „Deshalb geht Deutschland den Bach runter, weil sich niemand mehr wehrt. Ihr lasst alles mit euch machen, seid stolz drauf und geht unter.“ Es werden ja täglich hunderte Busfahrer in Deutschland von zugezogenen Frauen verprügelt und keiner wehrt sich. Fakt ist freilich, dass sehr viel mehr deutsche und auch hergeholte Frauen (Thailand, Vietnam, Afrika, Karibik …) täglich von deutschen Männern verprügelt werden. Aber das ist Leitkultur und hält uns zusammen.
Linkes Fazit: Man sollte dem Volk schon aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Munde reden.

(geschrieben im August 2016 für DISPUT, Oktober 2016)

Weil sein muss,was nicht sein darf.

15. Oktober 2016
von Peter Porsch

Literarisch Gebildete mögen erkannt haben, dass ich mich mit diesem Titel an Christian Morgenstern anlehne. Das ist nicht falsch. Die meisten kennen wohl sein Gedicht „Die unmögliche Tatsache“. Morgenstern berichtet vom Missgeschick seines
Helden Palmström, der von einem „Kraftfahrwagen“ überfahren wurde. Nachdem er nach der Ursache grübelt, kommt er zur Erkenntnis, dass 1. der „Kraftfahrwagen“ an dieser Stelle gar nicht fahren hätte dürfen, und deshalb 2. der Unfall nur ein Traum sein konnte: „weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Nun werden Genies immer wieder geboren. Sachsen darf sich eines solchen rühmen. Es handelt sich um den AfD-Abgeordneten zum Sächsischen Landtag, Carsten Hütter. Eine wahre Leuchte seiner Zunft. Wie es sich für alternative und deshalb aufsässige Abgeordnete gehört, stellt er so genannte „Kleine Anfragen“ an die Staatsregierung, vornehmlich zu dem Zweck, um sie in Verlegenheit zu bringen. So weit so gut. Nur mit der Verlegenheit ist es so eine Sache, wie wir gleich feststellen werden. Alternativus Hütter hatte einen Verdacht oder sogar eine Information: Eine Vergewaltigung sollte stattgefunden haben, vielleicht auch nur der Versuch, aber immerhin. Dem Zeitgeist folgend konnte der Täter aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein Ausländer gewesen sein. Das war für den für die deutsche Leitkultur bestellten Hüter Hütter schon klar. Er wusste jedoch auch, dass solches der Wahrung eines positiven Bildes von Multikulti wegen, gerne verheimlicht würde. Sicher, so vermutete er weiter, würde sich die CDU-geführte sächsische Staatsregierung an diesen Schutz von Fremdem und Fremden halten. Sie ist ja landauf, landab für ihre ausländerfreundliche, antipatriotische Haltung bekannt. Also fragte Herr Hütter süffisant: ob es im Mai 2016 im Maxim-Gorki Park eine Vergewaltigung gab, ob diese im Zusammenhang mit einem Asylbewerber stand oder ob durch das Opfer in der Täterbeschreibung ein Hinweis auf einen Asylbewerber gegeben wurde? Gefragt hat er überdies, ob der Fall an die Presse kommuniziert wurde? Hier sei mir der Hinweis auf das vorbildlich-alternative Deutsch gestattet. Vertreter von „Systemparteien“ würden wahrscheinlich anders fragen. Zum Beispiel, ob die Sache an die Presse „gemeldet“ oder „weitergegeben“ wurde. MdL Hütter insistierte aber noch weiter: „Gab es Versuche seitens der Behörden oder Dritter, das Opfer zum Schweigen zu bringen?“ Und: „Welchen Stand haben die Ermittlungen?“ Meine werten Leserinnen und Leser muss ich nun, bevor ich den eigentlichen Fortgang behandle, um Entschuldigung für das von mir gewählte Wort „insistieren“ bitten. Es gefällt mir einfach, weil laut DUDEN „bildungssprachlich“. Und mit der Bildung will man ja der „Alternative“ für Deutsch und ihrem „Kommunizieren“ nicht hintanstehen. Für die einfacheren Gemüter aber: Herr Hütter blieb beharrlich, und die Staatsregierung war um eine Antwort nicht verlegen. Oder doch? Sie wusste nämlich von nichts; nichts von einer Vergewaltigung, auch nichts von einer solchen durch einen Asylbewerber. Deshalb wusste sie natürlich auch nichts von Ermittlungen und konnte nun auch der Logik der Dinge folgend nichts zu einem möglichen Versuch, das Opfer zum Schweigen zu bringen, sagen. Das alles übermittelte („kommunizierte“) sie brav dem Hütter. Ihre leitkulturelle Beflissenheit, doch Licht in das Dunkel zu bringen, betonend, meldete der Innenminister außerdem, dass zwar flugs Nachforschungen eingeleitet worden waren, leider aber auch keine einschlägigen Erkenntnisse gebracht hätten. Welche Schande! Aufmerksame Rezipientinnen und Rezipienten (auch „Leserinnen und Leser“, aber weniger gebildet) der regierungsseitigen (endlich gebildetes Deutsch) Antwort haben aber den wahren Grund für den Misserfolg der Untersuchungsbehörden in der allerersten Frage des Herrn Hütter erkannt. Herr Hütter frug (altes Deutsch) nämlich nach einer Vergewaltigung im Maxim-Gorki-Park. Jetzt waren alle zur Antwort Verpflichteten ratlos. In ganz Sachsen gibt es keinen Maxim-Gorki-Park. Daran trifft Herrn Hütter jedoch keine Schuld, weil für seine alternativen Zwecke wohl sein muss, was nicht sein darf. Ich meine freilich, dass es einen solchen Park in Sachsen tatsächlich nicht gibt, nicht geben darf, ist der eigentliche Skandal.

(geschrieben für „Links“, November 2016, 12.10.2016