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Von Wölfen, Hündchen und Drachen

24. November 2014
von Peter Porsch

Man weiß ja nicht, warum und mit welcher Absicht Väter und Mütter die Vornamen ihrer Kinder auswählen. Der Gründe gibt es sicher viele, von Familientraditionen über Wohlklang im Verein mit dem Nachnamen, bis hin zur Hoffnung, der Name könnte ein Vorzeichen abgeben für das Leben, das Leben in seinem Verlauf prägen. „Nomen est omen“ meinten deshalb die alten Römer. Wollen wir uns aber nicht zu sehr versteigen. Solche Namenssymbolik ist sicher nicht weit weg von Astrologie. Sein kann aber doch, dass Eltern einen Namen wählen, um den Charakter des Sprößlings zu formen.
Warum nennt einer z.B. seinen Sohn Wolf? Ein häufiger Name war das nie und ist es heute nicht. Ganz selten ist er aber auch nicht. Der Wolf bedeutet den Menschen etwas. Nicht immer Gutes. Doch er ist auch „Isegrimm“. Das kommt von „Eisen“ und „grimmig“ und ist etwas, worauf man sich verlassen kann. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, könnte einer denken und kann es auch erfahren haben; erfahren, so wie es heute gemeint ist: dass nämlich die Wölfe des Kapitals einen Werftarbeiter kräftig beißen, wenn er nicht spurt, am Ende sogar den Juden zu Tode hetzen, weil 1936 der schlimmste dieser Wölfe schon „Adolf“ heißt, was zynischer Weise „edler Wolf“ bedeutet. In solcher Zeit kann man sich schon einen Wolf wünschen, der zurückbeißt. Mag sein? Ich weiß es nicht! Der Wolf war aber nun mal da. Und er wusste vom Vater, mit wem er zu heulen und wen er zu reißen hatte. Deshalb wechselte er schließlich sogar das Rudel und den Bau.
Die Geschichte könnte jetzt zum guten Ende gekommen sein – und wenn er nicht gestorben ist, dann heult und beißt er heute noch. Nun, gestorben ist er nicht, er heult noch und beißt und beißt um sich. Aber wie das so ist mit dem Wechsel des Rudels. Fremd bleibst Du dennoch. Das Rudel freut sich über Dich, zum Alpha-Tier taugst Du aber nicht. Im fremden Bau muss der übergelaufene Wolf feststellen, dass es eine sehr feste Ordnung gibt, die ihm gar nicht behagt, und dass Stolz und Eitelkeit und Ehrgeiz nicht erwünscht sind. Das Rudel ist alles – und Schluss! Wer das nicht kapiert und immer wieder dagegen löckt und heult, wird eines Tages rausgeschmissen aus der Wolfshöhle und findet sich – hast Du nicht gesehen – wieder im alten Bau und beim alten Geheul. Solches Schicksal darf keine Niederlage sein oder wenn, dann eine für die andere Seite. Ist sie ja auch. Schon deshalb, weil plötzlich noch so mancher Wolf das Rudel der vorgeblich Guten verlässt. Deren Höhle und ihre Herrscher können jetzt nicht schrecklich genug besungen werden. Am Ende werden die Wölfe von dort immer größer und immer schlimmer. Schließlich sind sie Drachen und Drachenbrut und der verstoßene Wolf wird zum Drachentöter. Die ersehnte Prinzessin hat er dafür nicht gekriegt. Eigentlich – so erzählt man zumindest – sollte es eine Margot sein. Der Name ist eine Abwandlung von Margarethe und bedeutet „Perle“. Sie blieb die Perle des Alpha-Tiers im alten Bau …
In Karl Friedrich Wilhelm Wanders „Deutsches Sprichwörter-Lexicon“ (erschienen in fünf Bänden in Leipzig von 1867 bis 1880) findet man 662 Sentenzen zum Wolf, freilich keine, in der der Wolf Drachen tötet. Seine Opfer sind die Schafe. „Der Wolf frisst das Schaf und die Zeit die Lüge“, finde ich bei Wander. Und so muss der alte Wolf einen Ausweg suchen, um sich die Anerkennung als Drachentöter zu erhalten. Als einsamer Steppenwolf will er nicht sterben. Was ist denn aus den so gefährlichen, gefräßigen, grausamen Wölfen geworden? Die Menschen nahmen sich ihrer an und sie wurden ihre treuesten Begleiter. Sie beißen noch, sie bellen und heulen, dem menschlichen Herren jedoch unterwerfen sie sich, egal was und wie der ist. Den Wolf unserer Geschichte ereilte sein Schicksal. Er bellt gegen die Drachenbrut und ist das Hündchen seiner neuen Herren. Diese geben ersehnte Anerkennung und Streicheleinheiten. Den Nachkommen der „Drachen“ aber sage ich: Drachen waren einst sehr gefürchtet, und nur mit List zu bezwingen. Heute hält man sie für niedlich und lieb. Sie wollen wie der Drache Grisu Feuerwehrmann werden, statt Feuer zu speien. Alle Achtung! Aber auch – Achtung! Das könnte manchmal dem Weg vom Wolf zum Schoßhund gleichen.

(geschrieben für Links, Dezember 2014, 23.11.2014)

Die Geschichte von der Geschichte

9. November 2014
von Peter Porsch

Manchmal dümpelt Geschichte vor sich hin, über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende oder wenigstens 40 Jahre, und manchmal legt sie ein Tempo vor, dass Du mit dem Moped nicht hinterher kommst. Da verlässt man z.B. am Montagabend der Herbstmessewoche 1989 das Uni-Hochhaus in Leipzig gegen Sechs und bis nach Hause ist schon alles anders.
Es war noch ein lauer Frühherbsttag. Dennoch war es geraten, für die Fahrt abends mit dem Moped bereits eine Jacke über dem Jackett zu tragen. Fahrtwind ist selbst bei nur 50 km/h etwas Kaltes und Unangenehmes, wenn die Luft sich in die Gegend der 10-Grad-Marke abkühlt. Auf dem Jackett unter der Jacke, links am Revers steckte das Parteiabzeichen. Das wärmte nicht, auch wenn es gleich bis auf die Haut brennen sollte. „Genossen! Für dieses Abzeichen sind Menschen in den Tod gegangen“ tönte vor nicht all zu langer Zeit der Kreissekretär jenen entgegen, die auch in der Parteiversammlung kein solches Abzeichen sehen ließen. Da waren schon zu viele in der Partei, weil halt eine Hand die andere wäscht. Das musste man nicht auch noch vor sich hertragen mit den verschlungenen Händen auf dem kleinen ovalen Ansteckmedaillon. Ich trug es jedoch und war der Meinung, meine Hände wären sauber ohne anderer Hände Zutun. Nur, was einer meint, was wirklich der Fall ist und was andere so denken, das sind dreierlei Dinge. Da ist es manchmal gut, wenn die drei Dinge schon aufeinander treffen sollten, dass man nicht gleich erkennt, dass da einer ist, den man es ausbaden lassen könnte. Denn kaum rechts abgebogen aus der Goethestraße war ich plötzlich eingekeilt und zum Anhalten gezwungen. Eine bewegte Menschenmenge, kam von mehreren Seiten auf mich zu, rannte an mir vorbei, wollte hin zum Bahnhof. Der Motor lief. Das war wahrnehmbar. Das Abzeichen nicht. Es steckte nicht mehr nur so, sondern jetzt muss man sagen zum Glück oder gar Gott sei Dank, unsichtbar unter der Jacke. Wer weiß, was es in diesem Moment anzurichten imstande gewesen wäre. Die Montagsbeter waren ausgerissen. Nicht gleich bis zum Ziel ihrer Träume, dem Westen, aber doch aus der Absperrung um die Kirche, hinaus in die Stadt, hin zum Bahnhof eben. Das waren keine Freunde derer, die das Abzeichen trugen. Und je weiter sie rannten, desto mehr rannten mit ihnen. Es ging eben los, worauf schon viele gewartet hatten. Das Signal dafür war nicht vereinbart und funktionierte doch wie die Muttersprache, die für jeden Menschen plötzlich da ist und zuvor keiner Absprache bedarf.
Der Motor lief und die Menschen liefen. Das vertrug sich irgendwie nicht: „Komm, mach aus. Das dauert jetzt etwas länger“, meinte jovial ein Vorbeieilender zufrieden schmunzelnd und drückte dabei jenen Hebel an meinem Moped, der den Motor zum Verstummen brachte. Und zu Ende war mit dem abgewürgten Motor, was zuvor für dauerhaft gehalten war. Es war mir plötzlich im ganzen Körper spürbar, dass ab jetzt nichts mehr so bleiben konnte, wie es war und lange genug gedauert hatte.
Die Fahrt konnte ich ziemlich bald fortsetzen. Es waren alle im Bahnhof untergekommen. Da drinnen brodelte es. Die Straße war wieder frei – jedenfalls für ein Moped. Im Rosenthal wurde es ein holprig-ängstlicher Ritt durch das Dunkel des Parks und der kommenden Geschichte. Mein Scheinwerfer und die Straßenlichter ließen nicht viel nach vorne erkennen. Meine Gedanken auch nicht. Ich sah den Erlkönig, und trug mich selbst durch die Nacht und den Fahrtwind. Die Hoffnung, mit mir selbst im Arm lebendig anzukommen, war dem Ritt mit dem Moped und der eben begonnenen Reise in eine in einer kurzen halben Stunde mit Gewissheit schon ungewiss gewordenen Zukunft gemeinsam. Es ist alles vorbei und es wird alles anders und wir wissen nicht, was aus uns wird. Das war die Nachricht, die ich am Ende dieses Tages einer noch ahnungslosen Frau und einem nichts ahnenden Kind nach Hause brachte. Dass sich die Ereignisse in den nächsten beiden Monaten überstürzen würden, war noch nicht vorstellbar, auch nicht der neue Anfang, schon gar nicht der lange Weg bis heute.
(geschrieben für Links, November 2014, 28.09.2014)

“Der Worte sind genug gewechselt …”

5. Oktober 2014
von Peter Porsch

„… lasst mich auch endlich Taten sehen.“ So beendet der Schauspieldirektor im „Vorspiel auf dem Theater“ den Streit mit dem Dichter. „Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, und keinen Tag soll man verpassen … Das Mögliche soll der Entschluss beherzt sogleich beim Schopfe fassen.“ Das bringt bei Goethe Faust auf die Bühne. Der fordert die Welt heraus, indem er sich mit dem Teufel verbündet und seine Seele doch rettet, in der Gewissheit, einst „mit freiem Volk auf freiem Grund zu stehen.“
Vielleicht ist der Vergleich mit Faust zu hoch gegriffen, aber die Gedanken kamen mir dieser Tage. Bodo Ramelow! Mit wem lässt er sich ein, was will er erreichen und kann es klappen? Es geht eigentlich nur um ein Wort. Leserinnen und Leser, Genossinnen und Genossen mögen dem Germanisten verzeihen, wieder fällt mir Faust ein: „Im Anfang war das W o r t ! Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das W o r t so hoch unmöglich schätzen … Im Anfang war der S i n n … Ist es der S i n n, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die K r a f t ! Doch auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. … Auf einmal seh ich Rat. … Im Anfang war die T a t .“ Das Wort ist heute „Unrechtsstaat“. Der Sinn ist umstritten. Das nimmt die Kraft und hemmt die Tat.
Es liegt am Wort! Was hat es damit für eine Bewandtnis? Was benennt es? Offensichtlich die Situation in der DDR als Ganzes. Dafür ist es aber ziemlich jung. In keinem der renommierten Deutschen Wörterbücher findet man es; auch nicht in den neuesten Auflagen. Einzig das „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“ verzeichnet das Wort zumindest seit der 4. Auflage 2001 und in allen danach. Dort wird es platziert als Gegenwort zu „Rechtsstaat“ und definiert als „Staat, in dem sich die Machthaber willkürlich über das Recht hinwegsetzen, in dem die Bürger staatlichen Übergriffen schutzlos preisgegeben sind.“ Solches soll für die DDR gelten. Dann allerdings erfasst das Wort „Unrechtsregime“ sehr viel besser die Verhältnisse. Seine Bedeutung wird im gleichen Wörterbuch mit „Regime, das sich willkürlich über das Recht hinwegsetzt, unter dem die Bürger staatlichen Übergriffen schutzlos preisgegeben sind“, festgelegt. Nun gut, kann man sagen, das eine war das Regime und das andere der Staat, in dem das Regime bis in seine letzten Verästelungen herrschte. Für die von Unrecht Betroffenen war dies einerlei. Ganz so einfach sollte man es sich aber nicht machen, denn der Staat DDR hatte ein Rechtssystem. Dieses unterschied sich von dem der Bundesrepublik, war jedoch vorhanden und anwendbar. Spitzfindigkeit, Wortklauberei und Haarspalterei möchte ich jetzt nicht weiter betreiben. Das Land hatte nämlich auch viele Menschen, die sich ehrlich um sein Wohlergehen, seine Entwicklung und seine Erst- und Einmaligkeit als Sozialismusversuch engagierten. Die trifft das Wort „Unrechtsregime“ in ihrer Ehre nicht. Bei „Unrechtsstaat“ scheint das offensichtlich anders zu sein. Vielleicht ist es Absicht einiger, denen man nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Vielleicht ist es aber auch nur Ungenauigkeit. Sei‘s drum! Es ist passiert. Ich gebe daher die Situation zu bedenken, in der das Wort verwendet wird. Es mussten ich und mit mir viele andere auch schon weit Schlimmeres an übler Nachrede ertragen als dieses Doofwort. Meinen Stolz und mein Wissen um meine Biographie konnte mir damit niemand nehmen. Jetzt geht es aber um etwas anderes: Wenn dieses Wort in der Präambel eines Koalitionsvertrages sichert, dass auch nur ein Lebensweg künftig lebenswerter wird, dann sollten wir es ertragen. Es geht nicht um unseren Stolz, sondern um die künftige Lebensqualität von sehr, sehr vielen Menschen. Ich komme deshalb zurück zu Faust. „…rase draußen Flut bis auf zum Rand … Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben.“ Man kann auch sagen: Der Partei DIE LINKE in Thüringen hat man ihr Wort geglaubt und ihr die Kraft gegeben zur Tat, die Zukunft zu gestalten. Da ist Solidarität gefragt. Es geht um die Karawane und nicht um jedes Gebell, das sie begleitet. Darin liegt der Sinn!

(geschrieben für LINKS Oktober 2014, 04.10.2014)