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„Das gab’s noch nie …“

18. November 2019
von Peter Porsch

sagt die österreichische Kronenzeitung (krone.at, 15.11.2019) – und die ist um Sensationen und Einmaligkeiten nie verlegen. Was war es also, was es noch nie gab? Es war ein Eklat in der US-amerikanischen Footballliga NFL. „Mit Helm auf Schädel eingedroschen“, erfahren wir. Ein Spieler hatte seinem Gegner den obligatorischen Helm vom Kopf gerissen und damit auf den Schädel des nun ungeschützten Mannes eingeschlagen. Der Versuch, sich die Köpfe zerdeppern, gehört wohl zu diesem Spiel. Die Konkurrenten schützen sich jedoch voreinander eben mit Helmen. Diese stellen sozusagen das Unüberschreitbare im Wettbewerb dar. Umso böser ist dann eine Überschreitung, bei der der vermeintliche Schutz noch dazu als Waffe genutzt wird.
Das gab es noch nie? Hat nicht erst unlängst ein Fußballspieler in der deutschen Bundesliga den Trainer der gegnerischen Mannschaft im heftigen Kampf um den Sieg umgerempelt? Der Mann stand dem Spieler im Weg beim Bemühen, den Ball schnell wieder ins Spiel zu bringen, um doch noch siegen zu können. Oder – um dem Gegner doch noch die Niederlage beizubringen. Man könnte es ein taktisches Foul nennen. Solche Fouls sind durchaus üblich. In manchen Sportarten werden sie hart bestraft, in manchen gehören sie, wie der Name ja sagt, zur Taktik und werden in jedem Trainingsbuch empfohlen. Sie sind auf jeden Fall eine Regelüberschreitung, ein Regelbruch. Es gibt das aber, und nicht zu selten, auch anderswo.
„Verkehrsteilnehmer werden immer aggressiver“. Das ist die Überschrift gleich neben der Sportmeldung (krone.at, 15.11.2019): Nach einem Überholmanöver parken zwei Kampfhähne ein, steigen aus und gehen wild aufeinander los. Vergleichbares kann man schnell erleben, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt. Auch dort gibt es offensichtlich Konkurrenz und Sieger und Besiegte. Und wo gibt es die eigentlich nicht? Ganze Familien von Nebenbuhlern oder untreu gewordene Partnerinnen werden ausgelöscht, weil wer die „Niederlage“ nicht verträgt. Heimlich werden Abkommen geschlossen, Gelder bezahlt und illegal Vorteile verschafft, um einen Posten zu bekommen, den man sonst nie erlangen würde. Wir leben eben in einer Wettbewerbsgesellschaft. Da zählt am Ende nur der Sieg und schon der zweite Platz wird oft, zu oft als erniedrigend empfunden. Wenn es gar an die Existenz geht, um das bessere Geschäft, die erstrebte Partnerschaft, den Klassenerhalt im Sport, den begehrten Titel, um Geld und eben Erster zu sein, fällt oft, zu oft alle Rücksichtnahme. Die Regeln, die einzuhalten wären, eröffnen dann vielmehr die Chance, doch noch zu gewinnen, indem man sie bricht – rücksichtslos, gnadenlos.
Was lehrt uns das? Der Kapitalismus hat uns offensichtlich alle und überall in einen Wettbewerbsmodus versetzt. Es gibt kein Miteinander. Gepflegt wird das Gegeneinander. Miteinander ist nur so lange erwünscht, so lange es dem Sieg dient. Die Mannschaften im Sport halten zusammen. „Ihr müsst elf Freunde sein“, ist dann die Losung im Fußball; oder war es einst. Heute muss man auch in den Mannschaften möglichst der Beste sein, irgendwie herausragen. Es geht um den Marktwert. Die Tragödie ist jedoch mittlerweile, dass sich der Siegeswille so verselbstständigt hat, dass der Spielgedanke, der doch den Sport prägen sollte, dahinter bereits verloren gegangen ist. Dann streckt man auch schon mal in der 5. Unterliga beim Wochenendvergnügen den Schiedsrichter mit einem Faustschlag nieder. Man vergisst, dass der vermeintlich Gegner doch auch Partner ist. Ohne ihn kann man nicht spielen. Man schaltet ihn jedoch lieber aus, um Sieger zu sein. Das fördert Gewalt und die hat sich ausgebreitet als die einfachste Methode, Überlegenheit zu zeigen und zu sichern. Es geht wild zu zwischen den Staaten, auf der Straße, auf dem Sportplatz, in der Wirtschaft, zwischen den Parteien, in den Parteien … Gemeinsamkeiten wurden zu begrenzten Mitteln zum Zweck und jederzeit auflösbar. Sie sind leider nicht mehr der Zweck selbst, nicht das eigentliche Ziel. So wird auch die Sprache aggressiv. Die AfD hat es fast schon (wieder) zur Perfektion gebracht.

Doch es wird Weihnachten: „Friede den Menschen auf Erden“, schallt es allenthalben. Ja, „wenn sie guten Willens sind!“ Sonst hilft auch kein Gott.

(Geschrieben für Links, Dezember 2019, 15.11.2019)

Von den Wahrheiten

14. Oktober 2019
von Peter Porsch

„Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“ Das sagt der alte Stechlin, der Titelheld in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman. Aber was hat es mit diesem Satz für eine Bewandtnis? Er dient gleich am Anfang des Werkes zur Charakterisierung des Hausherren am namensgleichen See. Es geht offensichtlich um die Wahrheit und um ihre Existenz in „Paradoxen“, wie Fontane den Alten sagen lässt. Dem eingangs zitierten Satz geht nämlich unmittelbar voraus: „Paradoxen waren seine Passion. ‚Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn’s andere tun; es ist doch immer was drin.‘“ Die Wahrheit existiert also eher im Paradoxen, denn im unumstößlich Festgestellten. Karl Marx, schreibt seiner Tochter Jenny 1865 ins Poesiealbum, „de omnibus dubitandum“ (an allem ist zu zweifeln). Die Mutter tröstet die Tochter im gleichen Jahr mit dem Eintrag „nil desperandum“ (an nichts muss man verzweifeln). Fontane ist nur anderthalb Jahre jünger als Marx, geboren am 30. Dezember 1819. Gut dreißig Jahre nach Marxens Eintrag in das Album der Tochter legt er unser Ausgangszitat dem Stechlin in den Mund. Der verzweifelt nicht daran, dass die Wahrheit in einer ihr angemessenen Aussage nicht völlig und unanfechtbar enthalten ist. Lenin kann dafür ebenfalls als Zeuge angeführt werden: Jede erreichte Wahrheit hat für ihn stets relativen Charakter in einem dialektischen, wohl unendlichen Prozess der asymptotischen Annäherung an die absolute Wahrheit.
Man muss sich deshalb nicht verzweifelt in einen unentrinnbaren Relativismus versenken. Die Sache mit der Wahrheit ist jedoch auch nichts für einfache Gemüter. Man muss Wahrheit zu finden trachten und zugleich akzeptieren, dass man sie nie ganz finden wird. Für Stechlin ein Ausweg aus Langeweile. Lenin tröstet, dass im Erkenntnisfortschritt jede relativ wahre Aussage einen Teil der Wahrheit erfasst und wir somit immer „tiefere Seiten der absoluten Wahrheit“ erfassen (Wolfgang Röd, Dialektische Philosophie der Neuzeit, München 1986, S141 und vgl. Lenin, Werke, Band 38, S. 212-214). Wie komme ich aber überhaupt darauf? Nicht nur, weil wir demnächst den 200. Geburtstag von Theodor Fontane feiern können. Das auch, denn es hat mich an diesen Stechlin erinnert. Der lebte irgendwie dialektisch. Das 19. Jahrhundert hat ihm vielleicht theoretisch, sicher jedoch praktisch die Dialektik der Wahrheitsfindung eingebläut. Es ist das Jahrhundert der aufwachsenden Wissenschaft, deshalb das Jahrhundert des Zweifels an allem, auch durch Revolutionen und aufkommende Demokratien, das Jahrhundert des Erkenntnisfortschritts in Widersprüchen, weil das Jahrhundert der Einsicht in die Widersprüchlichkeit der Welt. Aus dem 18. Jahrhundert kommt Georg Wilhelm Friedrich Hegel philosophisch-spekulativ damit herein, Marx und Engels verwandeln das in eine Wissenschaft, Lenin trägt es in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, Fontane verarbeitet es am Ende des Jahrhunderts literarisch. Sein Stechlin versucht wacker damit zurecht zu kommen, in der Politik und im persönlich-familiären Leben; bis er stirbt und vieles für ihn offen gelassen zurück bleibt.
Meine Frage nun, wie werden wir diesem Dilemma der Erkenntnis gerecht, wenn wir uns um Wahrheiten streiten? W i r, das muss nicht gleich die gesamte Menschheit sein. Nehmen wir doch bescheiden zunächst nur die Partei DIE LINKE. Der alte Stechlin wurde nicht gleich unglücklich, weil er als konservativer Kandidat eine Nachwahl zum Reichstag gegen einen „Bebelianer“ verloren hatte. Irgendwie war es für ihn auch ein Zeichen, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hatte; verändert auch, weil die Menschen anfingen, systematisch der Welt und ihren Widersprüchen auf den Grund zu gehen. Nun gehen wir doch mal unserer jüngsten Niederlage nach und auf den Grund. Das heißt natürlich, Wahrheit zu suchen, Aber machen wir das selbstgerecht verabsolutierend und spaltend oder machen wir es auf dialektische Art und Weise? Lasst uns die Annäherung an die Wahrheit in jeder begründbaren Aussage akzeptieren. Nehmen wir den Widerspruch nicht als Ausdruck der Feindschaft, sondern als Ansatz zu seiner Auflösung – wohlgemerkt: zu seiner Auflösung in neuer Erkenntnis. Bewerkstelligen wir das miteinander, dann wird es gelingen!

(Geschrieben für Links, November 2019, 12.10.2019)

Die Hasen und die Igel

23. September 2019
von Peter Porsch

Es ist Freitag, der 20. September, und bereits abends. Ein langer, schöner Tag neigt sich zu Ende, knapp vor Herbstanfang, mit einem herrlichen Abendrot, das einen sonnigen nächsten Tag verspricht. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe diese Glosse.
Der Tag war lang, weil ich um 9:30 einen Termin in Dresden wahrnehmen musste; Fahrzeit eine knappe Stunde – also spätestens 8:00 Uhr los, aufstehen halb sieben. Kann ja etwas dazwischen kommen. Vor Staus ist man nie gefeit. Hin blieb er mir erspart, zurück war er da. Rechtzeitig ausgewichen, weil durch das Radio gewarnt, gelang mir die Rückfahrt – über vier Umleitungen und zwei lange Aufenthalte vor Ampeln, die wegen Baustellen verengte Fahrbahnen wechselweise frei gaben – in gut zwei Stunden.
Ja, die Fahrt wurde mit dem Auto angetreten. Mit Öffis wäre der Termin nicht zu halten gewesen: Erst drei Kilometer zum nächsten Bahnhof. Von da fährt jede Stunde ein Zug nach Leipzig. Kommt man dort an, fährt der Zug nach Dresden just im gleichen Augenblick weg. Nach einer halben Stunde geht es dann weiter. In Dresden noch Straßenbahn. Wann soll ich da aufstehen, um alles zu schaffen? „Sei nicht so empfindlich“, denke ich. Im Radio höre ich nämlich gerade, dass das GroKo-Bundeskabinett die ganze Nacht „getagt“ hat und immer noch tagt, um die Hausaufgabe eines Klimaschutzprogrammes zum Ende zu bringen. Das erinnert mich an meine Schulzeit – nächtliches Erledigen von Hausaufgaben bringt Fehlerhaftigkeit des Resultats. „Friday for future“ ist der Tag auch noch. Sicher sammeln sich schon allüberall die Schüler*innen und von diesen aufgeweckte Erwachsene zur Fahrt in die großen Städte zur Demo für die Klimarettung. In anderen Teilen der Erde sind sie schon längst auf den Beinen. In Australien und Polynesien ist schon alles wieder fast vorbei. In Frankfurt am Main erwacht indessen der vorletzte Tag der Internationalen Automobilausstellung. Den Zugang in die Hallen haben am ersten Tag Demonstrant*innen blockiert. Wer hinein wollte, musste den Hinterausgang benutzen. Beim Frühstück kann ich schon das zeitig angelieferte „Neue Deutschland“ lesen, mit einem Extrablatt zum FfF-Klimastreik. Am Ende des Tages sticht das Schiff „Polarstern“ von Norwegen aus in See Es soll ein Jahr lang im Eis festgefroren triftend (eine sehr umweltfreundliche, aber nicht verallgemeinerbare Art der Mobilität) das arktische Klima erkunden. Und der Regenwald in Südamerika brennt immer noch.
Pünktlich war ich auf die unweite Autobahn aufgefahren und habe mich eingereiht. Das ging gar nicht so einfach, denn auf der rechten Spur bewegte sich eine unendliche, dicht auf dicht fahrende Kolonne von Lkws und links eine ebensolche Schlange von Pkws und kleineren Transportfahrzeugen. Sich da hineinzuschlängeln musste man erst schaffen. Mit Bremse, Gas, Hupe, Übermut und auch etwas Rücksichtslosigkeit war es geglückt. Jetzt war man Teil der Karawane. Fast Stoßstange an Stoßstange bewegte sich auf beiden Spuren der Tross. Die Fahrt verlief jedoch, wie bereits gesagt, ohne Zwischenfälle, dauerte keine ganze Stunde und endete sogar etwas zu früh am Zielort.
Dennoch war Zeit zum Beobachten und Nachdenken. Was bewegte sich eigentlich auf diesem Betonband und wodurch bewegte es sich? So kam plötzlich die Erkenntnis: Ich fuhr an Tausenden brennenden Arbeitsplätzen vorbei. Die befanden sich in den Lkws und sie befanden sich in den Autos vor und hinter mir. Die dagegen anrennen sind die Hasen, kam mir in den Sinn. Sie rennen hinter den Igeln her. Die rufen aber überall, „Ick bin allhier“. Genau dagegen wurde ja am gleichen Tag demonstriert, genau deshalb tagte nächtens die GroKo. Wer wird dieses Rennen gewinnen, war plötzlich die Frage des Tages? Werden die Hasen, so wie im Märchen, eines Tages wegen des nicht zu gewinnenden Wettbewerbs tot umfallen? Oder geben die Igel auf, weil ihnen die Hasen etwas Neues als Ersatz für dieses sinnlose Wettrennen anbieten – mit Gewinn für beide Seiten? Das Märchen beginnt im Original mit dem niederdeutschen Satz: „Disse Geschichte ist lögenhaft to vertellen.“ Das ist der Anfang für die AfD und Konsorten. Die glauben nicht an die drohende Tragödie. Wir wissen jedoch, uns rettet nicht das schöne Wetter des Märchens und dieses 20. Septembers. Wetter an ein paar Tagen ist nicht Klima. Es muss uns etwas einfallen – Für Klima und Arbeitsplätze.

(Geschrieben für Links, Oktober 2019, 22.09.2019)