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Herrschaft oder Akzeptanz? Die Sprache als „selbstredendes Dasein“ der Gesellschaft

1. Februar 2016
von Peter Porsch

Gekonnt dialektisch analysiert macht uns Karl Marx auf eine wesentliche Leistung von Sprache aufmerksam: „Die Sprache selbst ist ebenso das Product eines Gemeinwesens, wie sie in andrer Hinsicht selbst das Dasein des Gemeinwesens, und das selbstredende Dasein desselben.“ (MEW, Bd. 42, Berlin 1983, S. 398) Sprache zeigt demnach nicht nur eine einfache Reaktion oder ein trivialen Reflex auf Vorgänge in der Gesellschaft, sondern es findet sich die ganze Dialektik des Gesellschaftlichen auch in Sprache wieder. Am deutlichsten wird das sichtbar im flexibelsten Teilsystem der Sprache, dem Wortschatz.

Wörter verschwinden und es entstehen neue Wörter, neue Kampfbegriffe wie „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“, wie das abfällige „Gutmensch“ und das herrische „Mehrheitsgesellschaft“. Die Rede von „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Armutsflüchtlingen“ delegitimiert die Flucht vor Elend und Perspektivlosigkeit, welche nicht zuletzt der Ausbeutung durch die reichen Kernländer des Kapitals geschuldet sind. An diesen Wörtern hängen Konzepte des Umgangs mit Eigenem und mit Fremdem. Sie erzählen von gesellschaftlicher Praxis. Noch zu Beginn dieses Jahrtausends – und das ist ja nicht so lange her – waren diese Wörter in keinem Deutschen Wörterbuch verzeichnet. Erst seit etwa zehn Jahren tauchen sie dort peu á peu auf. Zugleich werden alte Wörter, böse alte Wörter und Wendungen wieder lebendig: „Volksverräter“ oder „Volksverhetzer zum Beispiel, Der „Eiserne Besen“, mit dem Hitler und seine Kumpane die Demokraten, Fremden und Juden aus Deutschland fegen wollten, werden bei Frau Festerling von Pegida zu „Mistgabeln“. Es wird von solchen Leuten nicht nur zum „Rausprügeln“ aufgefordert, sondern man prügelt schon, und man hat „Feinde“, die man mit Ungeziefer vergleicht. Das Wort „Zecken“ hat Konjunktur. „Rechtsstaat“, „Verfassungsstaat“ geraten in Vergessenheit. Dubioses „Gastrecht“ setzt „Grundgesetz“ und „Völkerrecht“ außer Kraft. Solches entspringt der Vorstellung von einer „Volksgemeinschaft“. Die AfD verwendet dieses Wort bereits wieder. Recht wird dann zu dem, „was dem deutschen Volke nützt“. Dies war das grundlegende nationalsozialistische Rechtsprinzip. Es pfiff auf „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“. Der Weg dahin zurück ist eröffnet. Es ist kein Weg zurück in ein verlorenes „Abendland“. Es ist der Weg zurück in die faschistische Nacht.

Das „selbstredende Dasein des Gemeinwesens“ ist evident. Deshalb lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen. In einem System stehen die Element in Beziehung zueinander. Das System hat Struktur. Die Struktur hat eine Funktion. In ihrem Zusammenhang erzählen uns die Wörter in der Gesellschaft lebendige Geschichten.

Das Wort „Parallelgesellschaft“ z.B. ist in der 4. Auflage DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch (DUWB), Mannheim 2001 noch gar nicht verzeichnet. In der 7. Auflage (2011) finden wir es, in seiner Bedeutung folgendermaßen definiert: „von einer Minderheit gebildete, in einem Land neben der Gesellschaft der Mehrheit existierende Gesellschaft.“ So finden wir es auch in der 8. Auflage, 2015. In der Schulausgabe des Österreichischen Wörterbuches (ÖWB, 42. Auflage, Wien 2012) finden wir für „Parallelgesellschaft“, „organisierte eigene gesellschaftliche Struktur (einer Minderheit), Subkultur“. In allen früheren Ausgaben dieses Wörterbuches war es noch nicht verzeichnet.Man kann kaum leugnen, dass das Wort mit diesen Bedeutungsdefinitionen z.B. auch auf Sorben anwendbar wäre. Dennoch wurde das Jahrhunderte lang nicht gemacht. Das Wort wurde wegen der Sorben so wenig „erfunden“ wie wegen anderer ethnisch-kultureller Minderheiten, seien sie autochthon oder nicht. Warum dann jetzt?

Bei WIKIPEDIA finden wir: „Parallelgesellschaft ist ein politischer Begriff, der eine nicht den wahrgenommenen Regeln und Moralvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechende, von dieser mitunter als ablehnend empfundene gesellschaftliche Selbstorganisation einer Minderheit beschreibt. Der Begriff überschneidet sich in seinem Bedeutungsinhalt mit Gegenkultur und Subkultur.“

WIKIPEDIA und das ÖWB geben uns den Hinweis auf die Überschneidung mit „Subkultur“. Das DUWB bestimmt die Bedeutung des Wortes „Subkultur“ mit: „innerhalb einer Gesellschaft bestehende, von einer bestimmten gesellschaftlichen, ethnischen o.ä. Gruppe getragene Kultur mit eigenen Normen und Werten.“ Das ÖWB sagt dazu: „abweichende Kultur- und Lebensformen bestimmter Gruppen der Gesellschaft“.

„Innerhalb einer Gesellschaft“, „bestimmte Gruppen der Gesellschaft“, darin liegt offensichtlich des Rätsels Lösung. Eigentlich liegt sie schon in der Bedeutungsopposition des Präfixes „sub-“ und des Wortteiles „parallel“. „Sub-“ „bedeutet in Bildungen mit Substantiven, Adjektiven und Verben unter, sich unterhalb befindend, niedriger als … (in räumlicher und hierarchischer Hinsicht)“. „Parallel“ heißt „… an allen Stellen in gleichem Abstand nebeneinander [befindlich]“. (Alles nach DUWB) Demnach haben „Parallelgesellschaften“ keine Berührung miteinander, „Subkulturen“ sind jedoch einer übergeordneten Gesellschaft nicht nur zu-, sondern auch untergeordnet.

Wenn „Subkulturen“ einer „Leitkultur“ untergeordnet sind, haben sie sich einer Macht gebeugt bzw. hat sie eine Macht gebeugt. Sie unterliegen (zumindest partiell) fremder Herrschaft. Diese „Unterwerfung“ trifft für „Parallelgesellschaften“ per definitionem nicht zu. Das ist für Macht gefährlich. Zumindest nimmt sie das an. Ist es aber wirklich und speziell für die Kultur der Mächtigen gefährlich? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es kann doch niemand sagen, dass sich gerade parallel zueinander stehende Konstanten, parallel verlaufende Lebensweisen gegenseitig gefährden. Sie könnten sich akzeptieren und ansonsten in Ruhe lassen. Die Gefährdung tritt erst ein, wenn „Macht“ bzw. Anspruch auf „Herrschaft“ einer Seite in Richtung der anderen ins Spiel kommen. Dann will die eine Kultur die andere „integrieren“, im Sinne einer Unterordnung. Sie will ihre Regeln zu den übergeordneten machen oder die anderen zerstören. Akzeptanz des „Anderen“ wird abgebaut, kommt gar nicht zum Zuge. Das „Andere“ wird zum gefährlichen „Fremden“. Jetzt wird „Parallelkultur“ zur „Gegenkultur“. Das ist laut DUWB die „Kultur einer Gruppe in einer Gesellschaft, die deren Kultur in bestimmten Teilen ablehnt u. dafür eigene Normen u. Werte setzt.“ Feindschaft kommt ins Spiel und damit Macht und Stärke. Solche „Feinde“ gab es auch früher – z.B. die „Juden“, die „Zigeuner“. Das Wort „Parallelkultur“ kommt uns harmlos daher und ersetzt doch nur als Kampfbegriffe unbrauchbar gewordene Wörter und versucht den neuen Kampfbegriff selbst noch zu verharmlosen. Liegen dem – wie oft behauptet – „Angst“ oder „Besorgnis“ zugrunde, so verwandeln sich „Angst“ und „Besorgnis“ in Repression. Die Mehrheitsgesellschaft hat dazu ausreichend Möglichkeiten und nutzt sie auch, weil die definitorische Parallelität keine faktische ist. Warum eigentlich „Angst“ und „Besorgnis“? Diese könnten sich doch auch in Neugierde, Verstehen und Akzeptieren verwandeln. Genau das wäre der Anfang, den Prozess einer „Evolution der Integration“ zu initiieren, einer Evolution, die beide „Parallelen“ betrifft. So weit unsere Kultur eine Subkultur der Kultur der Menschenrechte, Toleranz, Gleichstellung, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie ist, brauchen wir sie nicht ängstlich zu schützen. Sie wird ihre Attraktivität unter Beweis stellen, wenn wir sie niemandem verwehren. Sie braucht sich auch nicht zu verstecken, wenn sie verletzt wird. „Herrschaft“ hat jedoch ein anderes Ziel. Andreas Scheuer, Generalsekretär der CSU, meint: „Die Neuankömmlinge aus anderen Kulturkreisen müssen akzeptieren, dass die deutsche Leitkultur tonangebend und für ihr weiteres Leben in Deutschland der Maßstab ist.“ Integration könne nicht bedeuten, „… dass sich die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht … Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: unsere Werte akzeptieren.“ (Passauer Neue Presse, 10.10.2015) Hier schlägt Neuankommenden nur kalte Macht entgegen, nicht ein Quentchen Akzeptanz, nur Ausgrenzung, keine Neugier. Es ist zugleich das, was in einschlägiger Literatur„Rassismus ohne Rassen“ genannt wird. Herrschaft geht vor Akzeptanz. Die Sprache bringt es zutage: Sie tritt uns tatsächlich als ein „Produkt“ und zugleich „selbstredendes Dasein“ der Gesellschaft entgegen.

(Geschrieben für Links, Februar 2016, 28.01.2016)

Euer Geld für unsere Leut‘

26. Januar 2016
von Peter Porsch

Zur Kommunalwahl in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck im April 2012 plakatierte die – sagen wir es mal vorsichtig – rechtspopulistische FPÖ die Losung: „Heimatliebe statt Marokkanerdiebe“. Damals ging ein Aufschrei durch das Land und zum Teil auch durch Europa. Der Tiroler FPÖ-Vorsitzende Gerald Hauser setzte noch einen drauf und konterte der Kritik mit dem Satz: „Ich lade Marokko höflich ein, seine Kriminellen zurückzunehmen“. Das Königreich Marokko selbst ließ die Dinge nicht lange auf sich sitzen und wurde mit einem geharnischten Protest in Österreich vorstellig. Das Plakat musste schließlich entfernt werden. Das war, wie gesagt, 2012 und im österreichischen Tirol. „Alles fließt“, wussten aber schon die alten Griechen, „es gibt nichts, was feststeht, auf Erden“. Was vor knapp vier Jahren noch als Ungeheuerlichkeit erschien, ist heute Regierungspolitik; nicht nur in Österreich, nein, auch in Deutschland, Dänemark und anderswo. Kriminelle sind kriminell. Wer nordafrikanisch aussieht, ist aber noch krimineller, quasi genetisch kriminell, jedenfalls wenn er den Weg nach Europa gefunden hat. „Wir laden Marokko (wahlweise kann man auch Tunesien oder Algerien einsetzen) ein, seine Kriminellen zurückzunehmen“, ist mittlerweile zur Staatsdoktrin geworden. Zurücknehmen, am besten eben gleich alle, denn man weiß ja nie!
Was heute Staatsdoktrin ist, wurde offensichtlich gut vorbereitet. Wer erinnert sich noch an die NPD-Plakate mit den Losungen „Gute Heimreise“ oder „Guten Heimflug“ und „Geld für die Rückfahrkarte“? Sie lösten Proteste aus. So viele Migrantinnen und Migranten waren ja noch nicht ins Land gekommen, um einen Notstand suggerieren zu können. Heimlich stimmte man den Losungen von Rechtsaußen möglicherweise aber schon zu. Jedenfalls war man auf „bessere“ Gelegenheiten vorbereitet. Als die Zahl der Flüchtlinge, die bei uns seit diesem Sommer ankamen, die Hunderttausende überschritt und schließlich bei der Million ankam, setzte das Erinnerungsvermögen ein. Die Quelle musste man natürlich verheimlichen. Der beste Beweis für die angebliche Richtigkeit der Kriminalisierung einer ganzen Migrantengruppe waren natürlich die kriminellen Taten einzelner aus dieser Gruppe, am besten noch in Gruppen begangen. Köln schickte so manchem Rassisten der Himmel. Es ging gar nicht mehr so sehr um Strafverfolgung. Es ging um die Verdächtigung und Verfolgung ethnischer Herkunft. Einmal angefahren war die Maschine nicht mehr zu stoppen – Strafverschärfung, schnelle Abschiebung, Verteidigung eines „Gastrechtes“ statt eines Asylrechtes … Und überhaupt kommen die doch alle aus „sicheren Herkunftsländern“. Was wollen die überhaupt bei uns? Einzelfallprüfung unnötig! Die Sache fängt an, Schule zu machen. Man kann sich ja noch anderer FPÖ-Plakate erinnern: „Unser Geld für unsere Leut’“ stand da über einem braungebrannten Griechen (die Flagge zeigt es unmissverständlich) in der Hängematte. Der Grieche ist austauschbar. Auf das Geld kommt es an. Austauschbar ist auch das besitzanzeigende Pronomen „unser“ vor Geld. „Euer Geld für unsere Leut’“ tönt es jetzt den Hilfesuchenden an der Grenze entgegen, dann wird ihnen abgenommen, was Wert hat. „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“, meinen NPD und AfD und Herr Seehofer unisono schon länger. Für die Variation der FPÖ-Forderung aber gilt jetzt allgemein, was am 29.07.2015 in der Wiener „Presse“ noch allein für die FPÖ gültig zu lesen war: „Wir nehmen uns, was wir bekommen. Und was wir uns einmal genommen haben, geben wir, wem wir wollen“. Statt Ankömmlingen schnellstens Arbeit zu verschaffen, damit sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen können, nimmt man ihnen, was sie haben, als wären sie Schmuggler und Diebe – eben Kriminelle. Die Staatskasse füllt das alles nicht wirklich, aber der gewünschte Effekt tritt ein: Diese Menschen können sich mangels eigener Ressourcen nicht mehr eigenständig und selbstbestimmt ernähren und bewegen. Sie werden von unseren Almosen abhängig. Man kann mit ihnen nach Belieben umspringen. In der Not werden manche „erfinderisch“ – Geld für den „guten Heimflug“ wird dann zum letzten Einschnitt in die Gleichheit aller vor dem Gesetz.

(Geschrieben für Links, Februar 2016, 24.01.2016)

Gegen die Idiotisierung des Aberlandes

23. Januar 2016
von Peter Porsch

(Rede, gehalten am Liebknecht-Luxemburg-Gedenkstein, Lindhardt, 23.01.2016)

Verehrte Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen!

Es ist mittlerweile zwei Jahre her, dass ich hier stand und zum gleichen Anlass gesprochen habe. Ich war ein Viertel Jahr zuvor in mein siebzigstes Lebensjahr eingetreten und fand die Gelegenheit ganz gut geeignet, einmal darüber laut nachzudenken, was in den siebzig Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der nach meiner Geburt noch ein halbes Jahr getobt und Europa zerstört hat, so alles mein Leben bestimmt hat. Ich will das natürlich heute nicht wiederholen. Aber wenn ich mir und Euch das Fazit kurz in Erinnerung rufe, so habe ich bis damals ein Leben gelebt, wie es kaum einer Generation vor mir in Europa beschieden war: Ein Leben in weitgehender Freiheit, ein Leben in weitgehender Selbstbestimmung, ein Leben in passablem Wohlstand und ein Leben, das nie unmittelbar durch Krieg beeinträchtigt, wohl aber sehr oft bedroht war. Ein Leben, das Krieg aber eigentlich nur vom Hörensagen kannte. Eine zweite Erkenntnis war jedoch, dass ein solches Leben möglicherweise so nicht mehr weitergelebt werden konnte. Kriege rückten näher und näher an dieses Leben heran.

Ich sagte vor zwei Jahren, „Kriege werden wieder geführt“: Ich zeigte mich überrascht, wie schnell und rücksichtslos der Kapitalismus wieder zur alten Brutalität fand nach dem Ende der so genannten Systemauseinandersetzung, die ihn durchaus bändigte und Kreide fressen ließ. Ich stellte fest, wie überraschend schnell jene europäischen Mächte, die Rosa Luxemburg Imperialisten nannte, vereint mit den USA zwar nicht mehr übereinander herfielen, aber sehr wohl über die übrige Welt, weil niemand da war, ihnen in den Arm zu fallen.

Davon ist heute nichts zurückzunehmen. Im Gegenteil: Die heißen Kriege, die kalten Kriege und die sozialen Kriege sind in den vergangenen zwei Jahren alle mehr und gefährlicher geworden. Krieg in allen seinen Erscheinungsweisen, mit allen seinen Folgen ist globale Realität. Krieg dringt ein in die Mitte Europas, die wir so sicher wähnten – grenzenlos sicher. Krieg kehrt dahin zurück, von wo er seit Jahrhunderten politisch, ökonomisch, kulturell und militärisch seinen Ausgangspunkt genommen hat. Die Kriege kehren an ihren europäischen Ausgangspunkt zurück, sie kehren zurück mit den vielen, vielen Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Elend fliehen. Wir wissen nicht wirklich, was da noch kommt und wie wir es schließlich bewältigen. Wir müssen es aber bewältigen, denn wer meint, man könnte sich dagegen abschotten, der und die irren gewaltig und vergrößern die Probleme am Ende nur. Kriege kehren mit Schrecken und Tod an ihren europäischen Ausgangspunkt zurück, weil sich Verzweiflung und Perspektivlosigkeit mit zornigem Widerstand, mit blinder Wut, mit religiöser Selbstüberhöhung, mit selbstmörderischer Rücksichtslosigkeit zu blutigem Terror verbündet haben.

Man kann erschrecken vor den damit verbundenen Herausforderungen. Wundern darf man sich aber eigentlich nicht: Rosa Luxemburg schreibt in ihrem Buch, „Die Akkumulation des Kapitals“ schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, dass der Kapitalismus in seinem Expansionsdrang stets neue Märkte erschließen müsse. Sei die Welt schließlich vollständig durchdrungen, schlügen die damit einhergehenden Konflikte mit neuer Wucht auf den Alten Kontinent zurück.

Unter dem Eindruck dieser „Wucht“ werden wir heute Zeugen einer Wiederbelebung nicht nur des Nationalen – das wäre schon schlimm genug – sondern des faschistoiden oder bereits offen faschistischen Nationalistischen.
Helga Grebing, Mitglied der Historischen Kommission der SPD, schreibt über Rosa Luxemburg: „Spätestens seit 1912 war sie in der SPD … isoliert; im Gegensatz dazu gewann sie auf der internationalen europäischen Ebene an Einfluss durch ihren Kampf gegen den drohenden Krieg, der für sie den Absturz in die Barbarei bedeutete. Die Annäherung großer Teile des internationalen, nicht etwa nur des deutschen Proletariats an den jeweiligen nationalen Staat nannte sie ‚ein Unglück für die Menschheit.‘“ So weit die Sozialdemokratin Grebing.

Sie bzw. Rosa Luxemburg haben ja so recht. Was wir bräuchten, sind von Vernunft getragene Reaktionen auf die Herausforderungen. Wir bräuchten
– eine Entwicklungshilfe, die diesen Namen verdient,
– wir bräuchten ein uneingeschränktes Recht auf Asyl für politisch Verfolgte und Opfer von Krieg und Gewalt,
– wir bräuchten eine Regelung von Einwanderung ohne Diskriminierung und ökonomischem Egoismus,
– wir bräuchten Integrationsangebote ohne Drohgebärden, getragen von gegenseitigem Respekt verschiedener Kulturen und der Lernbereitschaft aller Seiten,
– und wir bräuchten eine ehrliche Friedensdiplomatie.

Habe ich vor zwei Jahren noch Hoffnung in die EU gesetzt, so kann man diese Hoffnung heute weitgehend begraben. Es wachsen die Grenzzäune in Europa. Es herrschen die nationalen Egoismen. Solidarität verkommt zur Worthülse, ebenso wie Demokratie, Frieden, Menschenwürde und Toleranz.

Es entstehen neue Wörter, neue Kampfbegriffe wie „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“, wie das abfällige „Gutmensch“ und das herrische „Mehrheitsgesellschaft“.

Die Rede von „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Armutsflüchtlingen“ delegitimiert die Flucht vor Elend und Perspektivlosigkeit, welche nicht zuletzt der Ausbeutung durch die reichen Kernländer des Kapitals geschuldet sind.

Diese Wörter tun so, als wären sie seit jeher etabliert. Sie sind neu – glaubt einem Sprachwissenschaftler – sie sind noch zu Beginn dieses Jahrtausends – und das ist ja nicht so lange her – noch in keinem Deutschen Wörterbuch verzeichnet. Erst seit etwa zehn Jahren tauchen sie dort peu á peu auf. Zugleich werden alte Wörter, böse alte Wörter und Wendungen wieder lebendig: „Volksverräter“ oder „Volksverhetzer zum Beispiel, Der „Eiserne Besen“, mit dem Hitler und seine Kumpane die Demokraten, Fremden und Juden aus Deutschland fegen wollten, werden bei Frau Festerling von Pegida zu „Mistgabeln“. Es wird von solchen Leuten nicht nur zum „Rausprügeln“ aufgefordert, sondern man prügelt schon, und man hat „Feinde“, die man mit Ungeziefer vergleicht. Das Wort „Zecken“ hat Konjunktur. Der Rechtsstaat, der Verfassungsstaat gerät in Vergessenheit. Dubioses „Gastrecht“ setzt „Grundgesetz“ und „Völkerrecht“ außer Kraft. Solches entspringt der Vorstellung von einer „Volksgemeinschaft“. Die AfD verwendet dieses Wort bereits wieder. Recht wird dann zu dem, „was dem deutschen Volke nützt“. Dies war das grundlegende nationalsozialistische Rechtsprinzip. Es pfiff auf „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“. Der Weg dahin zurück ist eröffnet. Es ist kein Weg zurück in ein verlorenes „Abendland“. Es ist der Weg zurück in die faschistische Nacht. Wir müssen ihn nachhaltig versperren. Es ist ein Weg in die von Rosa Luxemburg beschworene Barbarei.

Die Barbarei ist evident. Die scheinheilige Berufung auf Werte und Leitkultur zum Beispiel ist nichts als infame Lüge. Wenn Herr Seehofer tönt, es gelte den „Respekt vor Frauen“ zu verteidigen, so frage ich, wer hat denn Frauen zur wohlfeilen Ware gemacht, die auf den verschiedensten Sendern und in zahlreichen Zeitschriften offen angeboten wird: „Zwei Frauen für 1 €“ tauchte unlängst beim Zappen auf meinem Bildschirm auf. Was Ware ist, verlockt zu Raub und Diebstahl. Massenansammlungen sind dafür gut geeignet. Betuchte weiße Männer reisen aber zum wohlfeilen Sex-Angebot nach Kambodscha oder Thailand, wie andere um billige Butter nach Helgoland.

Als Kronzeugen für die faschistoide Abschottung der Gesellschaft werden immer wieder die „besorgten Bürger“ bemüht. „Das Boot ist voll“, ist deren Losung. Die „Obergrenze“ für die Gewährung von Menschenrecht will eingezogen werden. Die große Zahl der Bewerberinnen und Bewerber für Asyl wird zum Argument für aggressive Inhumanität. Das ist nicht neu. Es entspringt einem Rassismus, der die große Zahl nur nach außen braucht, um seine davon unabhängige innere Überzeugung tarnen zu können. Wir hatten in den Jahren 1991/92/93 schon einmal brandschatzende Aggressionsakte gegen Ausländer und Flüchtlinge. Ich erinnere an Rostock oder an Hoyerswerda. Damals kamen die gleichen Argumente wie heute: Zu viele Fremde wären es angeblich. Eine halbe Million käme in den nächsten Wochen noch hinzu, wenn man keine Barrieren errichte. Fremde würden auf Kosten unserer Armen ausgestattet, ernährt und untergebracht. Mit ihnen käme eine Welle der Kriminalität, der wir uns nicht werden erwehren können. Alter Wein in Schläuchen, die nicht weniger alt sind. Solche Sätze beschreiben weder das wirkliche Problem, noch zeigen sie den Weg zu Lösungen auf.

„Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber …“ „Ich bin kein Faschist, aber …“ Das hört man oft. Das Abendland ist zum „Aberland“ geworden. Das Wort „aber“ aber zum gefährlichsten Wort überhaupt. Es öffnet jeglicher Relativierung von Recht Tür und Tor. Es ist das „Sesam öffne Dich“ für Selbstjustiz und Gewalt. Wir brauchen eine andere GIDA-Bewegung, eine Bewegung „gegen die Idiotisierung des Aberlandes.“ (Das habe ich schon vor zwei Jahren geschrieben.)

Neben „Gutmensch“ ist eines der mittlerweile am meisten zur Diskriminierung und zum Schüren von Ängsten verwendeten Wörter das Kurzwort zu „Multikulturalität – das Wort „Multikulti“. Niemand leugnet, dass es beim Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen auch Probleme gibt. Die einschlägigen Wissenschaften untersuchen seit Langem „interkulturelles Verstehen und Missverstehen“. Die Begegnung von Kulturen, richtig verstanden und richtig praktiziert ist jedoch zuallererst eine Quelle für Toleranz und Weltoffenheit, eine Quelle konsequenter Abneigung gegenüber Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Gewalt, gegenüber nationalistischer Überhebung. Rosa Luxemburgs Leben ist ein beredtes Beispiel genau dafür. Dass sie das geworden ist, was sie ist, hängt sicher mit ihrer Herkunft und ihrem multikulturellen Lebensweg zusammen. Welcher Nationalität war denn die 1871 im damals zu Russland gehörigen polnischen Zamosc geborene Jüdin, die einige Jahre in der Schweiz im Exil zubrachte, dort promovierte und schließlich einen Deutschen heiratete und in Deutschland lebte? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Sie ist sinnlos gestellt und entlarvt die Sinnlosigkeit nationaler Beschränkung und Überheblichkeit. Rosa Luxemburgs Perspektive war die der sozialen Frage und des Friedens. Und da stand ihr übrigens Liebknecht nicht nach. Das machte sie ihren Gegnern überlegen, die sich schließlich nur mit sinnlosem Mord ihrer entledigen konnten.

Verehrte Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen,
als ich vor zwei Jahren hier sprach, war meine jüngste Enkelin auf dem Weg in diese Welt. Heute ist sie bald zwei Jahre alt. Niemand hat sie gefragt, ob sie überhaupt auf diese Welt kommen wollte. Niemand hat ihr von Risiken und Nebenwirkungen eines menschlichen Lebens gesprochen, bevor es für sie begann. Das heißt aber, dass diejenigen, die vor ihr da waren, auch Verantwortung für sie und ihr Leben tragen. Sie wird es irgendwann in die eigene Hand nehmen; eigentlich ist sie schon kräftig dabei. Aber welche Möglichkeiten sie dazu hat, unter welchen Bedingungen sie es tun kann, dafür tragen wir Verantwortung. Meine Enkeltochter heißt „Frida“ – ohne „ie“, weil nordisch geschrieben – aber eindeutig dem Frieden zugeordnet, einem Frieden, den wir alle brauchen, wir alle, die wir hier leben, ob seit Generationen oder erst seit Kurzem, und natürlich zuvörderst alle unsere Kinder, wiederum ausdrücklich alle. Das Wort „Frieden“ hat durch seine Herkunft auch etwas mit „Schutz“, mit „Schonung“, mit „Wohlwollen“ zu tun. Frieden ist mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Wir müssen den Begriff heute so weit fassen.

Wahrscheinlich wird meine Enkeltochter Frida das Lied von der „Kleinen weißen Friedenstaube“ in der Kita nicht lernen.

Macht nichts!

Hauptsache wir geben die Friedenstaube nicht dem Vergessen anheim, Hauptsache wir geben sie nicht zum Abschuss frei!