Skip to content

Warum und zu welchem Zweck manche flüchten

9. September 2018
von Peter Porsch

Ungarn hat in den letzten siebzig Jahren eine merkwürdige Geschichte, was Fluchtbewegungen betrifft, durchgemacht. Im Jahre 1956 zogen über 200.000 Menschen vor den Folgen eines verlorenen Aufstandes zunächst nach Österreich. Dort wurden sie hilfsbereit aufgenommen und konnten sich danach schnell in eine aufnahmebereite westliche Welt verteilen. Warum auch immer das damals so war, frage ich jetzt nicht. Es war halt so. Danach freute man sich viele Jahre über jeden Flüchtling, der den sogenannten „Eisernen Vorhang“ überwunden hatte. Dieser „Vorhang“ hielt auch nicht ewig. Ungarn hob ihn 1989 in die Höhe und viele Bürgerinnen und Bürger der DDR eilten durch das immer größer werdende Loch. Warum auch immer. Ich will es jetzt nicht weiter hinterfragen. Es war halt so.
Aber Geschichte endet nimmer und geht oft merkwürdige Wege. Ungarn hat den „Eisernen Vorhang“ seit einiger Zeit von der Grenze nach Österreich an die Grenze zu Serbien verlegt. Diesmal nicht, um eine Flucht nach draußen zu verhindern, sondern um Geflohene vor einer illegalen Weiterreise durch das Land abzuhalten. „Bild am Sonntag“ beschreibt den neuen Grenzzaun am 19. August 2018 auf Seite 24 so: „Maschendraht, so weit das Auge reicht, Metallpfeiler, messerscharfe Stacheln …“ Naja, halt ein „Eiserner Vorhang“. Auch die dazugehörigen Grenzer fehlen nicht, die mit ihren Geländewagen den Zaun entlang rasen. Alles in allem 175 Kilometer vom Anfang bis zum Ende, vier Meter hoch und 1 MiIliarde Euro Kosten. Es ist das Ungarn Victor Orbans und es ist voller Widersprüche. Gegen unerwünschte Flüchtlinge abgeschottet, ist es nicht so, dass es in diesem Ungarn nicht doch Flüchtlinge gäbe – fast gar keine aus Afrika oder Afghanistan, sehr wohl aber welche aus dem reichen Deutschland. Wer sich für die Aufnahme Asylsuchender auch nur ausspricht, fällt in Ungnade, die Flüchtlinge aus Deutschland heißt man herzlich willkommen. Was sind das aber für Flüchtlinge? Nun, es sind Rentner, die mit ihrer schmalen Rente das billige Ungarn als Ausweg aus realer Altersarmut entdeckt haben. Denen – so belehrt uns „BamS“ an dem bereits erwähnten Sonntag – ist Orban egal. „Ich spare hier 1000 Euro im Monat“, gesteht ein 82jähriger Witwer aus Deutschland (S. 23). Es sei ihm gegönnt und Ungarn auch. Den Magyaren ist die kleine Rente Deutscher willkommener Anteil für einen bescheidenen eigenen Wohlstand. Ob den deutschen Rentnern das Prädikat „Wirtschaftsflüchtling“ oder „Armutsflüchtling“ angeheftet werden kann, ist in dieser „win-win-Situation“ für alle Beteiligten unerheblich. Es ist halt so. Oder ist es doch eine Frage wert, warum es im, wie gesagt, reichen Deutschland, die Fluchtursache „Altersarmut“ gibt? „BamS geht der Frage nicht weiter nach. Linke sollten es und sie sollten die Beseitigung dieser Fluchtursache, wie aller Fluchtursachen, fordern und befördern. Es gibt nämlich, so lehrt uns „BamS, noch andere Fluchtursachen: die Fluchtursache Flüchtlinge beispielsweise. Klingt merkwürdig, der Satz ist aber korrekt formuliert. Am Plattensee gibt es ein Luxus-Altenheim, vornehmlich bewohnt von Deutschen. Aus welchem Grund? „BamS“ klärt wiederum auf: „Einige Rentner stehen derart auf Kriegsfuß mit Angela Merkels Politik, dass sie nach Ungarn auswandern. Sie flüchten vor den Flüchtlingen, leben lieber in einem fremden Land als in einem >>überfremdeten>>.“ (S. 22)
Warum sich Menschen jedoch so verhalten, folgt schon einer merkwürdigen Dialektik des Denkens und Handelns – zumindest auf den ersten Blick. Man zieht in die Fremde, um Fremden in seiner angestammten Umgebung zu entgehen. Um das zu verstehen, muss man eben „um die Ecke denken“, sagt einer zu „BamS“ (S. 23). Und plötzlich kommt ein toller Gedanke: Orban verweigert sein Ungarn zum Leidwesen der EU armen Asylsuchenden. Sind solche aber aus dem reichen „Westen“ und leidlich zahlungsfähig, nimmt er sie auf. Wohlan! Könnten wir nicht ein ungarisches Paradies für unsere Rassist*innen und Ausländerfeind*innen schaffen? Der Lohn für ihr Verschwinden wäre außerdem noch ihre Rettung vor Altersarmut. Nein! – Es schlüge ein solches Quantum an Dialektik doch nur in die neue Qualität von Zynismus um.

(Geschrieben für Links, Oktober 2018, 08.09.2018)

Wem gehört Afrika?

27. August 2018
von Peter Porsch

In dem Roman, den ich gerade lese (Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand, 2016), wird über eine Versammlung in einem kleinen brandenburgischen Dorf, mitten in einem Vogelschutzgebiet gelegen, erzählt. Der geschniegelte Agent einer Windradfirma versucht mit einer ausgefeilten Präsentation die Dorfbewohner davon zu überzeugen, auf ihren Grundstücken Windräder aufstellen zu lassen, zum Vorteil ökologischer Energieproduktion, die die Landesregierung ja fördern will, und zum eigenen Vorteil durch den Erlös des notwendigen Landverkaufs. Die Firma, die die Windräder produziert und aufstellt, würde alles dafür tun. Es geht nun zu wie überall. Manche träumen von schnell und leicht erreichtem Wohlstand. Andere fürchten um den langfristigen Nutzen aus ihrem Land. Einige ängstigen mögliche Folgen wie Geräuschbelästigung und Schlagschatten. Die Vogelschützer sprechen von den seltenen Vögeln der Region, die gefährdet wären. Die Region würde ihre touristische Attraktivität für das nahe Berlin verlieren. Eine erst kürzlich aus Berlin zugezogene Frau beschwört Interessengegensätze zwischen Stadt und Land: „So etwas wird in Städten beschlossen und auf dem Land gebaut.“ (S. 127) Sie appelliert an einheimische Solidarität.
Ich lese nicht nur Romane. Ich lese auch Zeitung. Da erfahre ich in meinem Leibblatt „Neues Deutschland“ am 7. August auf Seite 10, dass im ostafrikanischen Uganda reiche Ölvorkommen entdeckt wurden und sich vor allem ein französischer und ein britischer Ölkonzern mit ugandischer Hilfe um die Ausbeutung bemühen. Geplant ist zudem eine Raffinerie und eine Pipeline. Da gibt es viel zu verdienen. Es gibt aber auch Kleinbauern, die seit vielen Generationen von der Bestellung des nun so begehrten Landes leben. Sie sollen – so lese ich – völlig unzureichend für ihr Land entschädigt werden. Dagegen wehren sie sich. Das Land ist nebst ihrer Lebensgrundlage „Träger ihrer Geschichte, ihrer Identität und ihres Wissens .“ (ebenda). Sie wehren sich, scheinen aber wohl auf verlorenem Posten zu stehen. Die Konzerne versuchen die Solidarität der Betroffenen durch unterschiedliche Angebote zu zerstören. Auch Gewalt und illegale Landbesetzung sind im Spiel. Die betroffenen Menschen freilich kämpfen tapfer weiter. Die Chancen zum Sieg sind jedoch ungleich verteilt.
Ich lese nicht nur, sondern ich schaue mir manchmal Ausstellungen an. Da gab es diesen Sommer eine außerordentlich interessante; interessant wegen des Ortes, wegen der Objekte und der Art ihres Zeigens und wegen einiger Inhalte, die sehr nachdenklich machten. Der Ort war Baden bei Wien. Ein Ort, der sich „der kaiserliche“ nennt – mit Recht, denn das war einst das „Naherholungszentrum“ des Kaisers, der Adeligen und Reichen von Wien. Der Reichtum glänzt einem auch heute noch aus fast allen Häusern und Parks entgegen. Die ausgestellten Objekte waren 2000 Fotografien aus Afrika, großflächig angebracht an den Hauswänden der Stadt. Gezeigt wurden Landschaften und Tiere des Kontinents, Menschen, ihre Wohnungen und ihre Arbeitsplätze. Meine besondere Aufmerksamkeit erregten zwei Bilder einer dunklen Landschaft, mit kleinen Feuern und öligen Pfützen. Der Kommentar zu den Bildern belehrte mich, dass es sich um die Bilder „einer illegalen Raffinerie, die in ihrer Umgebung die gesamte Pflanzenwelt vernichtet hat“ handelt. „Der Schmuggel mit dem schwarzen Gold bedeutet nicht nur einen Verlust für die Erdölgesellschaften …“ Moment mal: „Verlust für die Erdölgesellschaften“? Ja wer erlitt denn zuerst den existenzvernichtenden Verlust? Wem gehörte denn dieses Afrika? Hat sich hier nicht Unrecht in Recht verkehrt? Und was machen die raffinierten Illegalen, wenn man ihre Anlagen zerstört? Werden sie nicht versuchen, sich das, was sie sich jetzt in Afrika als Entschädigung für den Landraub der Konzerne erschleichen, in den Heimatländern dieser Konzerne zu holen, wo die Profite landen und sich in übrigens höchst ungleich verteilten Wohlstand verwandeln.
Es wird eben in Europa entschieden, aber in Afrika Beute gemacht; mit Betrug, Gewalt, Bestechung. Egoismus, Rassismus und Entsolidarisierung in Europa sind Kollaborateure. Sie kriminalisieren und weisen jene ab, die sich durch Widerstand und Flucht verweigern.

(Geschrieben für „Links“, September 2018, 26.08.2018)

Hatschi Bratschi

23. Juni 2018
von Peter Porsch

„Was kommt dort durch die Luft geflogen und immer näher hergezogen? Es ist, man sieht es deutlich schon, ein großer roter Luftballon. Drin sitzt, die Pfeife in der Hand, ein Zauberer aus dem Morgenland. Der böse Hatschi Bratschi heißt er, und kleine Kinder fängt und beißt er. O Fritzchen, Fritzchen, lauf davon, sonst kommst du in den Luftballon!“ So beginnt eine gereimte Geschichte, die mich, wie viele andere Generationen seit 1904, in meiner Kindheit begleitete und vor dem Bösen warnte, das zuerst aus dem „Türkenland“ oder später „Morgenland“, weil „Türkenland“ zu konkret war, kommt. Erschienen ist das Buch in verschiedenen Verlagen, zuletzt 1968. Der Autor heißt Franz Karl Ginzkey, ein Mensch sehr wechselhaften rechten Lebens, bis dass dieses 1871 begonnene 1963 der Tod in Salzburg gnädig beendete. Sein Leben kann man googeln und wird erstaunt sein, wie man sich über alle Wellen eines k. und k. Patriotismus, eines Austrofaschismus, der Sympathien für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, schließlich auch für den Nationalsozialismus in einen beschaulichen, rechtem Denken frönenden Lebensabend im schönen Salzburg retten konnte. Bleiben wir aber bei Hatschi Bratschi. Dieser Zauberer fängt das ungehorsame, trotz Verbots auf eine Wiese gelaufene Fritzchen. Als sich der Zauberer später aus dem Korb beugt, um ein weiteres Kind zu fangen, nutzt Fritzchen die Gunst der Stunde, gibt ihm einen Schubs, Hatschi Bratschi fällt in einen Brunnen und kommt nicht wieder. Fritzchen ist nun allein dem Flug des Ballons ausgesetzt, der zielsicher das Morgenland ansteuert. Es warten Abenteuer auf der Fahrt, zum Beispiel ein Gewitter oder die Hexe Kniesebein, die sich Fritzchens bemächtigen will, schließlich aber abstürzt, in einen Schornstein fällt und verbrennt. Gefährlich sind auch Menschenfresser, die, eine Menschenkette eine Palme hinauf bildend, den Ballon entern wollen und erst im letzten Moment ihr Ziel verfehlen und ins Meer stürzen. Die „Menschenfresser“ waren später Gegenstand von Kritik und wurden durch Affen ersetzt. Man könnte natürlich auch sagen, sie wurden mit Affen gleichgesetzt und deshalb mit solchen austauschbar, was Rassismus versteckte, allerdings nicht wirklich überwand. Fritzchen aber erreicht nach all den Abenteuern das Schloss von Hatschi Bratschi. Die Diener Hatschi Bratschis anerkennen Fritzchen als den neuen Herren und unterwerfen sich ihm. Dieser befreit alle gefangen Kinder, die glücklich nach Hause laufen. Fritzchen war der Held, die Mutter schloss ihn küssend in ihre Arme, der Vater wartete aber mit dem Rohstock auf ihn wegen des ungehorsamen Beginns.
Das Buch wurde mir nicht gefährlich. Ich weiß um seine unverhohlenen rassistischen und zumindest faschistoiden pädagogischen Ladungen. Ich bin ihnen nicht verfallen. Andere, die Kinder ihren Eltern entführen, brauchen das Buch wiederum gar nicht. Ziemlich sicher hat es Donald Trump nicht gelesen und dennoch hat er jüngst dafür gesorgt, dass mir die Geschichte wieder in den Sinn kam. Er wurde mir in empörter Phantasie zum Hatschi Bratschi. Dieser Hatschi Bratschi Trump hat keinen Luftballon, Er fängt aber ebenso Kinder. Er fängt sie an der Grenze zwischen den USA und Mexico. Wenn dort in Not verzweifelte Eltern mit ihren Kindern diese Grenze überschritten, dann kamen seine Schärgen, stellten die Grenzverletzer, trennten Eltern und Kinder und sperrten die Erwachsenen ein. Die Kinder weinten herzzerreißend, wurden aber gnadenlos in Camps verfrachtet, wo ihr verzweifeltes Weinen und Schreien von zynischen Bewachern als „Konzert“ bezeichnet wurde, dem nur der „Dirigent“ fehle. Menschen in aller Welt wandten sich gegen diese Grausamkeiten, selbst die Gattin von Hatschi Bratschi Trump und seine Tochter. Dieser sehr abendländische Hatschi Bartschi meint aber, dass die Schuld bei den Eltern läge. Sie hätten ja nur in Mexico bleiben müssen, um nicht von ihren Kindern getrennt zu werden. Hätte, hätte Fahrradkette – Fritzchen hätte ja auch nicht auf die Wiese laufen sollen. Gehorsam statt Spieltrieb, Unterwerfung, statt Kind-Sein hätten ihn gerettet? Nein, auch das hilft nichts! Die Welt ist voller Hatschi Bratschis. Ihre kleinen Opfer werden ausgebeutet, liegen zerschossen und ersoffen herum, bekommen, manchmal zwangsweise neue Eltern oder werden selbst bewaffnet und zum Kriegführen gezwungen …

(Geschrieben für Links, Juli/August 2018, 20.06.2018)