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Ich bin kein Nazi, aber …

30. November 2018
von Peter Porsch

Wie oft höre ich das. Aber was nach dem „aber“ kommt, verstört mich. Es verstört mich politisch und grammatisch. In der Grammatik gilt „aber“ als adversative Konjunktion. Das heißt, sie leitet nach der ersten Aussage zumindest eine die erste Aussage einschränkende oder ihr gar widersprechende Aussage ein. In unserem Fall verwahrt man sich mit dem „aber“ gegen die Einordnung als Nazi, nur weil man etwas sagt, was dies für andere oder auf den ersten Blick unterstützt.
Ich will mich also auseinandersetzen mit dem, was nach „aber“ kommt und warum es nicht für die Qualifizierung als Nazi reichen sollte: Nach 1945 versuchte man sich sowohl in der entstehenden Bundesrepublik und in Österreich als auch in der DDR zumindest antinazistisch oder sogar konsequent antifaschistisch zu definieren. Man berief sich dabei auf unterschiedliche Begründungen. In Österreich und der BRD war es vor allem der brutale Antisemitismus, der im Holocaust, in der Shoa gipfelte. In der DDR hob man den kommunistischen antifaschistischen Widerstand und seine unbestrittenen Heldentaten in einem unmenschlichen Alltag hervor. Das war zwar beides nicht alles, es wirkte aber (!) doch so, dass damit alltägliche faschistische und faschistoide Auffassungen und Praktiken in den Hintergrund traten, unbeachtet blieben. Es begegnete mir als Heranwachsender in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts z.B. ein unkritisch reproduzierter Antisemitismus. Er fiel kaum auf, wenn der lärmenden Schulklasse vom Schuldirektor ein „hier geht es zu wie in der Judenschule“ entgegengeschleudert wurde. Wer assoziierte schon die todbringenden Vorurteile eines Antiziganismus, wenn der unaufgeräumte Raum mit einem „hier sieht es ja aus wie bei den Zigeunern“ beschrieben wurde? Es gibt freilich noch Subtileres. Das Patriarchat behauptete sich. Der Mann blieb noch lange gesetzlicher Haushaltsvorstand. Obwohl juristisch aufgehoben, benehmen sich auch heute noch viele Männer so. Männliche Gewalt in der Familie ist deshalb nicht verschwunden, im Gegenteil, sie ist Alltag für viele Frauen und Kinder geblieben. Für Kinder ist das auch so wegen des Weiterbestehens strenger autoritärer Erziehungskonzepte. Wenn die DDR freudig verkündete, den Frauen mit Waschmaschinen ihre „zweite Schicht“ zu erleichtern, so sagt das sicher auch etwas über die weit verbreitete familiäre Arbeits- und Rollenverteilung. Gesellschaftlich dominante Homophobie macht Heterosexualität nicht nur zur einklagbaren Normalität im Alltag, sondern verdrängt Homosexualität oder Transsexualität in das Ghetto des zu Verbergenden. „Schwul“ ist heute in vielen Milieus immer noch ein Schimpfwort; alles trotz gesetzgeberischer Toleranz vorerst in der DDR, später auch in der BRD und in Österreich. Junge Leute wissen kaum noch von den „Rosa Winkeln“ in den KZs. Ethnozentrismus, die Auffassung von der Überlegenheit des westeuropäischen „weißen Mannes“ ist nicht verschwunden. Im österreichischen Gymnasium verkündete uns der Geografielehrer das „Kulturgefälle von West nach Ost“. Bei einer Zugfahrt in der DDR, Anfang der 1980er Jahre, hörte ich zum ersten Mal die Wörter „Brikett“ für Schwarzafrikaner und „Fidschi“ für Vietnamesen. Das unfreiwillig wahrgenommen, weil ungeniert laut ablaufende, Gespräch junger Männer belehrte mich, dass „Neger“ in der Straßenbahn nicht sitzen dürften, wenn Deutsche stehen, und dass es doch verboten werden sollte, dass sich Vietnamesen für ihren Arbeitslohn Mopeds kauften und in ihre Heimat schickten. Die gehörten doch den Deutschen. Der Beispiele hätte ich noch viele. Der Sprachwissenschaftler weiß, es sind die sogenannten „frames“, die Rahmen, in denen sich das Bild von Welt und Gesellschaft im Alltagsbewusstsein sprachlich verfestigt. Einzelne Wörter sind dort in einen Zusammenhang gebracht, der ihre Bedeutung bestimmt und damit auch die möglichen Textbedeutungen formt, wenn man sie verwendet. Jene frames, in denen meine Beispiele eingerahmt sind, haben Platz gehalten für die Wiederauferstehung eines alten Faschismus. Sie machen Dinge plötzlich wieder aussprechbar, die wir als lange überwunden glaubten. Es passt doch ins gut gerahmte Weltbild. Nein und nochmals Nein! Lasst uns aus dem Rahmen fallen.

(Geschrieben für „Links“, Dezember 2018/Januar2019, 20.11.2018)

„Ungewisse Gewissheiten“ – „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ nach 35 Jahren auf der Hälfte des Weges.

25. Oktober 2018
von Peter Porsch

Es wurde einst ein Wörterbuch übersetzt, das „Dictionnaire Critique du Marxisme (Kritisches Wörterbuch des Marxismus)“, herausgegeben von Georges Labica und Gérard Bensussan. „Herausgeber der deutschen Übersetzung war Wolfgang Fritz Haug. An der französischen Fassung des Wörterbuchs waren über 60, an der deutschen Übersetzung fast 40 Autoren beteiligt.“ (WIKIPEDIA) Das geschah in den Jahren von 1983 bis 1989 . Bald stellte sich heraus, dass zum Verständnis des im Kontext der französischen Marx-Rezeption entstandenen Werks für vorrangig deutsche Benutzer Hilfe nötig ist. Sie sollte mit sogenannten „Supplementbänden“ gewährt werden. Ein schwieriges Unternehmen, wie wir im ersten Band (1994) der nun zum „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ (HKWM) mutierten „Supplemente“ erfahren: „Alle an Marx anschließenden Richtungen waren zur Mitarbeit eingeladen. Als sich das Projekt zwischen dogmatischem Bannfluch und sozialliberalen Berührungsängsten im damals noch zweistaatlichen Deutschland blockiert fand, internationalisierte es sich und suchte nicht zuletzt, soweit möglich, die Zusammenarbeit mit Intellektuellen aus dem >>Trikontinent<< Asien, Afrika und Lateinamerika. Bald wurde die Form eines Supplements gesprengt, schon aus dem äußerlichen Grund, daß es im Umfang auf ein Mehrfaches des übersetzten Werkes angewachsen war.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 1, Berlin 1994, S. I) Als eigenes Projekt gegründet wurde das Wörterbuch am Rande der Veranstaltungen zum hundertsten Todestag von Karl Marx in der DDR. Durch eine Neugründung und der endgültigen Festlegung auf den Namen „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ überlebte das Projekt den Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus. Der erste Band erschien, sehr viel später als geplant, nämlich 1994. Fertig wollte man etwa im Jahr 2000 sein. Nun ist das Projekt in seinem 35. Jahr und gerade mal bis zur Hälfte des Alphabets gediehen. Mir liegt 2018 der Band 9/I vor: „Maschinerie bis Mitbestimmung“. Wann und mit wem das Werk zu Ende gebracht sein wird, ist wohl offen. Aber ich sage es gleich: Zu Ende gebracht werden sollte es. Wurde es ihm zunächst um 1990 auch prophezeit, so ist der Marxismus längst nicht tot. Wolfgang Fritz Haug war sich 1994 sicher: „Sowenig die Geschichte des Christentums mit dem Sturz der ersten christlichen Herrschaft beendet war , so wenig wird die theoretisch-praktische Suche nach solidarischer und umweltverträglicher Vergesellschaftung beendet sein mit dem Sturz der kommunistischen Herrschaft.“ (HKWM, Vorwort, Band I, 1994, S. II) Und er meinte zu Recht: „Das Besserwissen, das sich nach einer Niederlage einstellt, ist nicht unbedingt besseres Wissen.“ (ebenda, S. III) Um „besseres Wissen“ geht es. Da steht an erster Stelle die Erkenntnis, dass „Marxismus“ keine monolithische Denkschule, kein enges Korsett des Möglichen ist. Für so manche vielleicht etwas Neues, aber sicher Richtiges - Marxismus ist vielmehr ein pluralistisches Projekt. „Gemessen an der Geschichte marxistischen Denkens gehört zum Neuen heute nicht die Wiederherstellung einer >> geschlossenen Weltanschauung<<, sondern die Wahrnehmung der >> unganzen Ganzheit<< (Sartre) …“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 2, 1995, S. I) Hierin sehe ich den dominanten Wert der Unternehmung. Es öffnet sie für Divergenzen und Differenzen im Theoretischen, für solche im praktisch-politischen Bezug und erweitert die Sichtweise des „Marxistischen“ auf die sich verändernde Welt, ohne sich im Grundsätzlichen aufzugeben. Der Titel des Wörterbuches verdeckt das etwas. Es müsste konsequent eigentlich als ein „Historisch-kritisches Wörterbuch der Marxismen“ angeboten werden. Das Wörterbuch verschreibt sich der Aufgabe, „…die Täuschungen innerhalb marxscher Theoreme und ihre Ideologisierung durch die Marxismen an der Macht historisch-kritisch aufzuarbeiten. Nicht weniger aber gilt es, die Arbeit an der marxistischen Theorie fortzusetzen. Der Sinn des historisch-kritischen Projektes ist die Gewinnung der Zukunft.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 4, 1999 S. III) Diesen Weg geht man gerne mit. Es ist ein Weg auch in ungewisse Gewissheiten. Es war am Anfang des Projektes nicht vorherzusehen, welche Begriffe im Verlauf der Zeit und des Alphabets sich in den Weg stellen würden. Vor allem der „Brückenschlag in die Gegenwart zu neuen sozialen Bewegungen“ (Walter Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 6, 2004, S. III) brachte Neuigkeiten. Wer hätte 1998 schon gedacht, dass im Jahr 2004 Stichwörter wie „Homosexualität“ und „Heteronormativität“ in ein solches Wörterbuch aufzunehmen sind. Wer hätte zu Beginn gedacht, dass 15 Jahre später neben dem Stichwort „Heimat“, „Horror“ oder „Jeans“ auftauchen würden. Überraschen könnten manche und manchen vielleicht auch die Artikel zu „Himmel“, „Hölle“, „Jenseits“, „Diesseits“, „Hexe“. Wer die Artikel liest, wird schnell feststellen, dass eine marxistische Perspektive notwendig ist. „Islamische Revolution“, „islamischer Fundamentalismus“ sind wohl keine Überraschung mehr. Eine große Bereicherung erfährt das Wörterbuch durch die Durchdringung mit marxistisch-feministischer Begrifflichkeit. Hauptsächlich verantwortlich zeichnet dafür Frigga Haug. Die in den ersten sechs Bänden enthaltenen einschlägigen Artikel liegen übrigens zusammengefasst vor in „Historisch-kritisches Wörterbuch des Feminismus“ (Hamburg 2003) Das Wörterbuch vermittelt nicht einfach gesichertes Wissen. Woher sollte es kommen? Es folgt vielmehr dem Pluralismus der „Marxismen“, spaltet sie in ihren relevanten Begrifflichkeiten auf, vermittelt das damit verbundene „bessere Wissen“ aber nie als „Besserwisserei“. Das Werk bleibt sich treu in einer Besonderheit. Wo die Divergenzen offensichtlich und groß sind, schreiben mehrere jeweils ihren Artikel zum gleichen Begriff. Nur so ist auch der Anspruch der Weiterentwicklung der Theorie einzulösen. Wolfgang Fritz Haug bekennt 2015: „Im Blick auf die Widersprüche des Marxismus und des Marxistseins haben wir uns mit aller Kraft bemüht, in der Beobachtung genau und in der Darstellung rücksichtslos offen zu sein. Dass wir das nicht im zeugenlosen Selbstgespräch, sondern öffentlich tun, grenzt an Tollkühnheit.“ (HKWM, Vorwort zu Band 8/II, 2015, S. II) Herzlichen Dank für den Mut dazu! Genau deshalb kann man sich über das Wörterbuch selbst kritisch in die Marxismen einbringen. Man lernt zu unterscheiden zwischen „positivem Nichtwissen“ und Pseudowissen. Es ist in jeder Zeile des bisher Erschienenen die persönliche Verantwortung der jeweiligen Autorin oder des Autors für das Ausgeführte und seine möglichen Konsequenzen erkennbar. Obwohl in sich widerstreitend ist damit wohl auch ein Subjekt des Marxismus oder zumindest ein wichtiger Teil dieses Subjektes erkennbar. Damit wird das HKWM zu einem Bekenntnis persönlicher menschlicher Verantwortung für den Fortgang und konkreten Verlauf der Geschichte unter marxistischen Vorzeichen. Es unterscheiden sich damit im HKWM nachlesbar marxistische Theorie und Praxis und ihre Akteure und Akteurinnen fundamental von jenen des Kapitalismus. Sie erfüllen eine historische Aufgabe. Den Herausgeberinnen und Herausgebern, den Institutionellen Unterstützungen, den Sponsorinnen und Sponsoren sei deshalb gesagt. Es lohnt alle Mühe: „Wer, wenn nicht in marxscher Kritik der politischen Ökonomie gebildete, kapitalismuskritische Geister sollte sich die brennende Problem-, Konflikt- und Krisenwelt des Kapitalismus aufladen? Die Kapitalisten, ihre staatlichen >Gesamtkapitalisten< und ihr intellektueller Anhang sind absorbiert vom Unmittelbaren des Moments bzw. vom absehbaren Unmittelbaren der nahen Zukunft. Sie müssen sich der Weltprobleme nur insofern annehmen, als diese die Grundlage des Weiter-so unmittelbar gefährden. Der Gefahr, die der Kapitalismus selbst darstellt, kehren sie den Rücken zu. Da Kapitalismus eine in ständiger Wandlung sich reproduzierende, prozessierende Struktur antagonistischer Akteure ohne einheitliches Subjekt ist, muss niemand für ihn die Verantwortung übernehmen.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 8/II, 2015, S. IIf.) Freilich, wer die marxsche Kritik in die Gesellschaft tragen will, wer möglichst viele in der Gesellschaft dazu befähigen will, muss in der Gesellschaft verstanden werden. Die Sprache des HKWM ist dazu eher selten unmittelbar geeignet. Alltagssprache ist zwar in vielen Stichwörtern präsent, sehr viel weniger jedoch in den Artikeln. Das ist ein Problem der Arbeitsteilung in der Gesellschaft, die akademische Eliten kennt. Genau dies muss aber von Marxistinnen und Marxisten auch aufhebbar sein. Es kann werden, je mehr marxistische Gesellschaftskritik greift, weil die Arbeitsteilung selbst als Ausbund des Kapitalismus natürlich auch Gegenstand der Kritik werden muss. Das HKWM kann schon in seiner heutigen Qualität eine Gehhilfe sein beim Weg in eine Gesellschaft, „… wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 33,) Akademische Debatten in politische Bildung verwandeln, ist eine aktuelle Aufgabe. Das HKWM sollte sich auf der zweiten Hälfte seines Weges etwas mehr bemühen, ohne Qualitätsverlust an der Lösung dieser Aufgabe mitzuwirken. Artikel zu „Sprachkritik“ oder „Soziolinguistik“ könnten da noch zur Selbsthilfe beitragen. (25.10.2018)

Warum und zu welchem Zweck manche flüchten

9. September 2018
von Peter Porsch

Ungarn hat in den letzten siebzig Jahren eine merkwürdige Geschichte, was Fluchtbewegungen betrifft, durchgemacht. Im Jahre 1956 zogen über 200.000 Menschen vor den Folgen eines verlorenen Aufstandes zunächst nach Österreich. Dort wurden sie hilfsbereit aufgenommen und konnten sich danach schnell in eine aufnahmebereite westliche Welt verteilen. Warum auch immer das damals so war, frage ich jetzt nicht. Es war halt so. Danach freute man sich viele Jahre über jeden Flüchtling, der den sogenannten „Eisernen Vorhang“ überwunden hatte. Dieser „Vorhang“ hielt auch nicht ewig. Ungarn hob ihn 1989 in die Höhe und viele Bürgerinnen und Bürger der DDR eilten durch das immer größer werdende Loch. Warum auch immer. Ich will es jetzt nicht weiter hinterfragen. Es war halt so.
Aber Geschichte endet nimmer und geht oft merkwürdige Wege. Ungarn hat den „Eisernen Vorhang“ seit einiger Zeit von der Grenze nach Österreich an die Grenze zu Serbien verlegt. Diesmal nicht, um eine Flucht nach draußen zu verhindern, sondern um Geflohene vor einer illegalen Weiterreise durch das Land abzuhalten. „Bild am Sonntag“ beschreibt den neuen Grenzzaun am 19. August 2018 auf Seite 24 so: „Maschendraht, so weit das Auge reicht, Metallpfeiler, messerscharfe Stacheln …“ Naja, halt ein „Eiserner Vorhang“. Auch die dazugehörigen Grenzer fehlen nicht, die mit ihren Geländewagen den Zaun entlang rasen. Alles in allem 175 Kilometer vom Anfang bis zum Ende, vier Meter hoch und 1 MiIliarde Euro Kosten. Es ist das Ungarn Victor Orbans und es ist voller Widersprüche. Gegen unerwünschte Flüchtlinge abgeschottet, ist es nicht so, dass es in diesem Ungarn nicht doch Flüchtlinge gäbe – fast gar keine aus Afrika oder Afghanistan, sehr wohl aber welche aus dem reichen Deutschland. Wer sich für die Aufnahme Asylsuchender auch nur ausspricht, fällt in Ungnade, die Flüchtlinge aus Deutschland heißt man herzlich willkommen. Was sind das aber für Flüchtlinge? Nun, es sind Rentner, die mit ihrer schmalen Rente das billige Ungarn als Ausweg aus realer Altersarmut entdeckt haben. Denen – so belehrt uns „BamS“ an dem bereits erwähnten Sonntag – ist Orban egal. „Ich spare hier 1000 Euro im Monat“, gesteht ein 82jähriger Witwer aus Deutschland (S. 23). Es sei ihm gegönnt und Ungarn auch. Den Magyaren ist die kleine Rente Deutscher willkommener Anteil für einen bescheidenen eigenen Wohlstand. Ob den deutschen Rentnern das Prädikat „Wirtschaftsflüchtling“ oder „Armutsflüchtling“ angeheftet werden kann, ist in dieser „win-win-Situation“ für alle Beteiligten unerheblich. Es ist halt so. Oder ist es doch eine Frage wert, warum es im, wie gesagt, reichen Deutschland, die Fluchtursache „Altersarmut“ gibt? „BamS geht der Frage nicht weiter nach. Linke sollten es und sie sollten die Beseitigung dieser Fluchtursache, wie aller Fluchtursachen, fordern und befördern. Es gibt nämlich, so lehrt uns „BamS, noch andere Fluchtursachen: die Fluchtursache Flüchtlinge beispielsweise. Klingt merkwürdig, der Satz ist aber korrekt formuliert. Am Plattensee gibt es ein Luxus-Altenheim, vornehmlich bewohnt von Deutschen. Aus welchem Grund? „BamS“ klärt wiederum auf: „Einige Rentner stehen derart auf Kriegsfuß mit Angela Merkels Politik, dass sie nach Ungarn auswandern. Sie flüchten vor den Flüchtlingen, leben lieber in einem fremden Land als in einem >>überfremdeten>>.“ (S. 22)
Warum sich Menschen jedoch so verhalten, folgt schon einer merkwürdigen Dialektik des Denkens und Handelns – zumindest auf den ersten Blick. Man zieht in die Fremde, um Fremden in seiner angestammten Umgebung zu entgehen. Um das zu verstehen, muss man eben „um die Ecke denken“, sagt einer zu „BamS“ (S. 23). Und plötzlich kommt ein toller Gedanke: Orban verweigert sein Ungarn zum Leidwesen der EU armen Asylsuchenden. Sind solche aber aus dem reichen „Westen“ und leidlich zahlungsfähig, nimmt er sie auf. Wohlan! Könnten wir nicht ein ungarisches Paradies für unsere Rassist*innen und Ausländerfeind*innen schaffen? Der Lohn für ihr Verschwinden wäre außerdem noch ihre Rettung vor Altersarmut. Nein! – Es schlüge ein solches Quantum an Dialektik doch nur in die neue Qualität von Zynismus um.

(Geschrieben für Links, Oktober 2018, 08.09.2018)