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Straßburg ist überall!

17. April 2014
von Peter Porsch

Am 14. Februrar des Jahres 842 geschah Merkwürdiges und für die europäische Staaten- und Sprachengeschichte bis heute Bedeutsames: Es waren „Ludwig und Karl in der Stadt, die man früher Argentorate nannte, die jetzt aber Straßburg genannt wird, zusammengetroffen, und es wurden die Eide, welche unten niedergeschrieben sind, von Ludwig auf romanisch und von Karl in der wahren deutschen Sprache geschworen. Und auch das um sie herum versammelte Volk sprach den Eid, die einen in deutscher, die anderen in romanischer Sprache.“ Das ist die Übersetzung eines lateinisch verfassten Berichtes über die sogenannten „Straßburger Eide“. Karl der Kahle, dessen Muttersprache Altfranzösisch (lingua romana) war, und Ludwig der Deutsche, der sich üblicherweise auf Althochdeutsch (lingua theodisca) verständigte, hatten ihren Bruder Lothar 841 in der Schlacht von Fontenoy im Streit um die Aufteilung des Reiches Karl des Großen besiegt und schworen sich gemeinsam mit ihren Heeren fortdauernden Beistand. Die Eide gelten gleichermaßen als Wurzeln Frankreichs und Deutschlands als Staaten und als Eintritt des Französischen und Deutschen in die Geschichte. Das wirklich Besondere an der Sache war jedoch, die Anführer und ihre Krieger schworen jeweils in der Sprache der anderen. Sie wollten beide Zeichen des Vertrauens trotz der Unterschiedlichkeit setzen. Sie übten „Perspektivwechsel“, um zu zeigen, dass sie sich in die anderen verstehend hineinversetzen können. Besser kann man Konfliktpotentiale kaum entschärfen.
Ich weiß nicht, ob solches in der europäischen Geschichte jemals wiederholt wurde. Eher nicht, jedenfalls nicht in so spektakulärem Zusammenhang. Es wäre jedoch so schön gewesen. Es wäre so schön gewesen, z.B. unlängst erst im Osten Europas zwischen Russland und der Ukraine. Stellen wir uns doch vor, die Armeen der beiden Länder – oder wenigstens ihre Politiker und Politikerinnen – hätten sich getroffen und Friedfertigkeit geschworen; die Russen auf Ukrainisch und die Ukrainer auf Russisch. Sie hätten es sicher gekonnt. Leider lief aber alles ganz anders. Jene, die Ukrainisch sprechen, verstanden die Auflösung der Sowjetunion auch als Loslösung vom übermächtigen Einfluss Russlands. Um das zu sichern, wandten sie sich nicht nur den offensichtlich freudig Wartenden aus Westeuropa und den USA zu, sondern meinten auch, das Russische endgültig aus dem Lande bannen zu müssen. Den Russen im Lande und in Russland gefiel das gar nicht, und sie nahmen die eigene Sprache zum Vorwand für Sezession. Welch Frevel an Sprachen! Freilich, es ist etwas dran, wenn Wilhelm von Humboldt nach dem Studium von außereuropäischen Sprachen meint, es läge „in jeder Sprache eine eigentümliche Weltansicht. … der Mensch lebt mit den Gegenständen hauptsächlich, ja … sogar ausschließlich so, wie die Sprache sie ihm zuführt.“ Das gibt der Sprache Macht über Weltwahrnehmung, Denken und Verhalten ihrer Sprecherinnen und Sprecher. Gerade deshalb sollte es aber auch neugierig machen auf die jeweils anderen Sprachen neben der eigenen. Sprachen lernen, Sprachen wechseln heißt neue Perspektiven gewinnen, Anderes verstehen lernen. Humboldts Einsicht hat ein deutscher Sprachwissenschaftler in die Perversion getrieben. Leo Weisgerber wollte uns mit einem „ehernen Gesetz der Muttersprache“ weismachen, dass die gemeinsame Sprache mit naturgesetzlicher Gewalt auch zu staatlicher Einheit drängt. Gemessen an der Realität ist dies gefährlicher Unsinn, denn es gibt keine monolingualen europäischen Flächenstaaten. Staatskonstituierende Einsprachigkeit setzte voraus, dass man andere Sprachen und überhaupt alles andere für unnahbar fremd begreift. Sprachen sind aber keine Burkas, die die Sprecherinnen und Sprecher für Außenstehende unerkennbar verhüllen. Im Gegenteil: Sprachen sind Instrumente, sich zu öffnen – in seiner Unverwechselbarkeit und in seiner Lust auf Austausch. Die Sprachenvielfalt zeigt die architektonische Einmaligkeit des gemeinsamen Hauses Europa. Der Einsturz wäre unvermeidbar, rüttelt man daran.

(geschrieben für DISPUT April 2014)

Sprache macht Macht!

16. April 2014
von Peter Porsch

Das ist so eine Sache mit der Sprache. Landläufig meint man, sie drücke aus, was wir zu sagen beabsichtigen. Das ist ja auch im Normalfall so. Aber wenn wir uns erst einmal auf sie eingelassen haben, bleibt sie nicht unbeteiligt an dem, was wir sagen, und sie wirkt oft ganz subtil, fast unbemerkt. Aber sie wirkt! „Der Einsatz unter Beteiligung aller Sicherheitskräfte konzentrierte sich zunächst auf die Stadt Slawansk“. Diesen Satz habe ich am 13.04.2014 im Internet bei t-online gelesen. „Der Einsatz … konzentrierte sich“? Wer ist dieser „Herr Einsatz“? Er ist immerhin in diesem Satz grammatisches Subjekt. Aber ist er auch der Akteur bei dem Ereignis, über den der Satz etwas aussagt. Nein, er ist es nicht. Der Satz ist nämlich eine „passivähnliche Konstruktion“, wie man in der Sprachwissenschaft sagt. Passiv und passivähnliche Konstruktionen sind „agensabgewandt“, so wiederum die Linguistik. Das heißt, in solchen Sätzen erfahren wir nichts oder nur wenig und Ungenaues über Akteure, über „Täter“. Man könnte hier nun einwenden, es seien im Beispiel die „Sicherheitskräfte“ als Akteure des Einsatzes mit genannt. Das sind sie. Nur wie? „Unter Beteiligung aller Sicherheitskräfte“ lese ich. Also waren sie zumindest nicht die Hauptakteure. Sie waren nur „beteiligt“. Jener „Herr Einsatz“ bleibt weiter geheimnisvoll im Verborgenen, doch ER „konzentrierte SICH“ auf die Stadt Slawansk. Mag sein, meine Argumentation erscheint spitzfindig, wenn auch linguistisch abgesichert. Es steht jedoch schon zuvor dies im Text: „Nachdem Aktivisten immer mehr Verwaltungsgebäude besetzt hielten, sah sich die Übergangsregierung sich (!) zum Handeln gezwungen.“ Der erste Teil des Satzes steht im Aktiv, und wir erfahren deshalb auch, wer da so aktiv wird. Der zweite Teil wird mit diesem „sah sich“ gebildet – vor lauter Beflissenheit gleich falsch, weil zwei Mal. Und dass ja keine Zweifel aufkommen, wer die eigentlichen Schuldigen am Ereignis sind, kommt noch das Verb „gezwungen“ zum Einsatz – „sahen sich gezwungen“! Wer will jetzt noch an der Verteilung von Schuld und Unschuld zweifeln? Doch es geht munter weiter: „Das Innenministerium warf dem Kreml eine Aggression vor und sah sich nun selbst in die Offensive gezwungen.“ Der „Täter“ der Aggression ist klar benannt, das Innenministerium „sieht sich gezwungen.“ „Quod erat demonstrandum“ sagen die Lateiner, „was zu beweisen war.“
Damit keine Missverständnisse aufkommen, ich habe diesen Text gewählt, weil er demonstriert, wie man mit Sprache Interpretationsmacht erlangt, ohne es ausdrücklich zu sagen. Ob die Verteilung von „Gut“ und „Böse“, die (un)heimlich im Satz mitschwingt, so stimmt oder nicht, darüber enthalte ich mich jetzt des Urteils. Wir wissen aber, Sprache aktiviert Deutungsmuster. Dafür hält sie noch mehr bereit als die Möglichkeit, einen Satz aktiv oder passiv zu formulieren und deshalb Akteure ausdrücklich zu benennen oder die Möglichkeit zu nutzen, über sie zu schweigen. Zum Beispiel ist unser Wortschatz nicht einfach ein ungeordneter Haufen von Benennungsmöglichkeiten. Er ist sortiert. Seine Elemente sind miteinander vernetzt. Quasi in „Planquadraten“ abgelegt findet man jene sprachlichen Mittel, die man braucht, um über bestimmte Wirklichkeitsbereiche zu sprechen oder bestimmte Deutungsmuster hervorzuholen. Die Sprachwissenschaft nennt solche Planquadrate „frames“ (Rahmen). Gerade feiert wieder der frame „Kalter Krieg“ fröhliche Urständ‘. Man spricht vom „Osten“ und vom „Westen“. Die alten Deutungen schwingen mit: „Osten“ gleich „Reich des Bösen“, „Westen“ als „Reich der Freiheit“. Das eröffnet dem frame „Antikommunismus“ Tür und Tor. Putin wird zu Stalin, Russland zur neu geborenen Sowjetunion. Zugleich findet sich in diesem frame das Inventar für einen rabiaten Antiamerikanismus mit Kritik am selbsternannten „Weltgendarm“. Agentenstories schlagen hüben und drüben Kabolz. Alles, was die frames „Völkerrecht“ und „Menschenrechte“ hergeben, haut man sich kreuzweise um die Ohren. Schmerzlich vermisse ich aber auf beiden Seiten die Wiederbelebung des frames der „flower power“, in dem „make love no war“ oder „petting statt pershing“ auf uns warten. Wer steckt Blumen in die Gewehrläufe? Hallo Woodstock – wir haben ein Problem!

(geschrieben für Links Mai 2014, 15.04.2014)

Die Taten der Europäer

20. März 2014
von Peter Porsch

Wilhelm und Jacob Grimms Sammlungen von Sagen und Märchen kennt wohl jede und jeder. Zumindest gehört hat man schon davon. Aber, wer kennt schon die „Gesta Romanorum“ (Die Taten der Römer)? Nur so viel: Es ist eine in Latein geschriebene Sammlung von „Exempeln“ aus dem Mittelalter. Ins Deutsche übersetzt hat sie 1842 ein gewisser Johann Georg Theodor Graesse, seines Zeichens Privatbibliothekar des sächsischen Königs Friedrich August II. Da gibt es eine merkwürdige Geschichte. Der ungarische König Conan belagert ein Schloss. Die Schlossherrin erkennt von der Mauer herab, dass dieser Ungarnkönig ein sehr schöner Mann ist. Heimlich schreibt sie ihm, falls er sie zur Frau nähme, würde sie ihm die Burg übergeben. Der Ungar lässt sich darauf ein. Die Ehe wird vollzogen. Die bereits vorhandenen Kinder der Frau fliehen. Das war der erste Tag. Was aber tat der grausame Magyare schon am zweiten Tag? Er übergab die frisch angetraute Frau zwölf Ungarn, „um sie öffentlich zu beschimpfen“, und schon am dritten Tag „ließ er sie am ganzen Körper bis an die Kehle durchbohren“. Die Begründung? „Ein solches Weib, die vor fleischlicher Lust ihre eigene Stadt ins Verderben gestürzt hat, muss auch einen solchen Ehemann bekommen“. Bei der Lektüre war ich bisher immer erzürnt über die Grausamkeit, mit der sexuelles Begehren von Frauen bestraft wurde. Männern ist dies ja in den meisten Sagen und Märchen nicht nur gestattet, Frauen sind dann auch noch der Preis für Heldentaten. Wie es heute ist, mag jede und jeder selbst bewerten. Die ganze Sache schien mir aber gerade deshalb Anfang März im Umfeld des Frauentages zitierenswert. Und dann kam uns allen etwas dazwischen: die Ukraine und die Krim. Die Geschichte jedoch blieb mir im Kopf! Wie das?
Mir fielen plötzlich die vielen „Freierinnen“ ein, die sich der sie „belagernden“ EU und NATO willig ergeben hatten oder das noch machen wollten. Ist doch geil – oder? An Folgen malte man sich die schönsten Beglückungen aus. Nun drohte nach dem Vollzug der Vermählung nicht gleich der qualvolle Tod. Die Beschimpfungen blieben aber oft nicht aus. Die Griechinnen und Griechen, Portugiesen und Portugiesinnen und manch andere Völkerschaften können das Lied davon singen. In der Ukraine wollte man es nicht hören. Und hätte man die Finger von der Liaison gelassen, wie es einige durchzusetzen versuchten, sollte man hinterher jammern wie die stolze Prinzessin im Märchen vom König Drosselbart: „Ach hätte ich ihn doch genommen, den König Drosselbart!“ Vom Märchen wissen wir, dass sie ihn schließlich „genommen“ hatte – nicht freiwillig und zunächst unter Vorspielung falscher Tatsachen. Dieses Märchen hat aber ein „happy-end“. Der die Braut zunächst zum Betteln gezwungen und bösen Schikanen ausgesetzt hatte, entpuppte sich am Ende doch als der verschmähte König und späte Glücksbringer. Wer glaubt, dass es auch heute so enden könnte, … siehe oben. Oder es wäre anzunehmen, dass Stolz und freier Wille einer Seite zuvor gebrochen werden müssten, ehe das Glück einkehren könnte. Dass im Fall der Ukraine gleich zwei Freier konkurrierend auftauchten, machte die Sache nicht besser und ließ kaum alternative Perspektiven erhoffen. Die Wirklichkeit enteilte ohnehin der Analogie zu Märchen und Sagen. Wie sie sich am Tag des Erscheinens dieser Kolumne darstellen wird, ist noch nicht abzusehen. Den Freiern ist die Braut nicht mehr wert als ein Regenwurm, den man in zwei weiterlebende Hälften zerteilen kann. An die Stelle ästhetischer Sprache tritt im Kampf um die Hälften die Brutalität der Schmähreden. Durch die Sprachrohre dröhnen die gegenseitigen, vergangen geglaubten Schuldzuweisungen. Die Welt aber hat Angst. Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und fünfundsiebzig Jahre nach dem Aufflammen des größten Weltenbrandes aller Zeiten, des Zweiten Weltkrieges, geht die Furcht vor neuerlicher Wiederholung um. Moment mal! „Ausbruch“? „Aufflammen“? Nein, das gilt für Kriege nicht. Sie werden noch immer von Menschen gemacht. Märchen und Sagen sind hierzu übrigens sehr präzise.

(geschrieben für Links April 2014, 20.03.2014)