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Sind Einigkeit und Recht und Freiheit schon des Glückes Unterpfand?

30. Januar 2020
von Peter Porsch

Wir befinden uns mittlerweile, dreißig Jahre nach dem Mauerfall im Jahr 2020, jetzt bald dreißig Jahre nach der Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Bei aller zu erwartender Jubelstimmung und bei aller zu erwartender und sicher berechtigter Kritik am Prozess der deutschen Vereinigung, möchte ich noch einen Gedanken darüber hinaus hinzufügen: Deutschland ist in Europa wohl das einzige Land, das seine wiedererlangte Einheit nach 1990 feiern kann. Bei vielen anderen ist es umgekehrt.
Die einstige Führungsmacht der blockfreien Länder, Jugoslawien, ist zerfallen und damit auch die Bewegung und Kraft der Blockfreien. Das einige Deutschland war daran kräftig beteiligt. Die Trümmer des zerfallenen Jugoslawien sind immer noch umstritten und Objekte unterschiedlicher Begierden.
Tschechien und die Slowakei haben sich weitgehend problemlos getrennt. Möglichkeiten der Korruption mit allen ihren Folgen haben sich allerdings eher verdoppelt.
Spanien kämpft mit den Unabhängigkeitsbestrebungen zumindest Kataloniens und des Baskenlandes. Der Ausgang ist nicht gewiss.
Die Sowjetunion gibt es nicht mehr und die Ukraine und Russland befehden sich immer noch um eine für beide Seiten akzeptable, endgültige und bestandsfähige territoriale und politischen Ordnung.
Der multistaatlichen Europäischen Union ist Großbritannien abhanden gekommen.
Ich beende meine Aufzählung. Es gibt vergleichbare, weil zumindest an der Oberfläche ähnliche Fälle in Europa und in der Welt. Hinter allem steht die Frage, welche Rolle Gemeinschaften, ob ethnisch, national oder regional, manchmal auch religiös und/oder kulturell definiert, eine Rolle für die Legitimation von Staaten spielen. Für Europa scheinen mir, ob mit Unabhängigkeitsbewegungen verbunden oder nicht, die Regionen an Bedeutung zu gewinnen. Welche realen emanzipatorischen Potentiale stecken denn in diesen Prozessen? Die Sache ist für Linke mit Rosa Luxemburgs „Nationalitätenfrage und Autonomie“ 1908 in ihrer Komplexität und für damals aktuell und beispielhaft sicher gut erfasst. Das letzte Wort ist aber nach über 100 Jahren noch lange nicht gesprochen.
Es schwelen Konfliktherde, die jederzeit zum Ausbruch kommen können. Sie würden auch den Verlauf globaler Auseinandersetzungen beeinflussen. Zugleich geht alles auch ins täglichen Leben über: Einer kurdischen Mutter will man die Kinder entziehen, weil sie und die Kinder sich auf Demos zur kurdischen Authentizität und deren Symbole bekennen. Unglaublich!
Der langjährige Pressesprecher der sächsischen Landtagsfraktion DIE LINKE, ein gebürtiger Hamburger und in Hamburg auch aufgewachsen, bekennt sich hinwiederum öffentlich zum Sorbentum (vgl. „Neues Deutschland“, 25. 01. 2020, S. 38. Nach sächsischem Sorbengesetz ist er dann auch Sorbe. Niemand tut ihm was. Er spricht die Sprache, weitgehend autodidaktisch erworben, fließend und arbeitet neuerdings als Pressesprecher der Domowina und persönlicher Referent des Vorsitzenden. Er lebt nach eigenem Bekenntnis unbehelligt in Harmonie mit seiner Familie. Herzlichen Glückwunsch! Solche Vorgänge sind heutzutage keine Einzelfälle.
Es ist jedoch im Gegensatz zu den Möglichkeiten solcher „Grenzüberschreitungen“ in neue alltägliche Lebenswelten die Zahl der Mauern und Grenzsperren als konkrete Form der Zurückdrängung individueller Mobilität von elf im Jahr 1989 auf sechzig bis zum heutigen Tag gestiegen (vgl. „Neues Deutschland“, 22.01. 2020, S. 9). Die Welt wird also nicht nur weiträumiger, sondern auch immer mehr parzelliert; zum Schaden für uns alle.
Klimaveränderungen kennen zum Beispiel keine Grenzen. Genau deshalb ist es umso wichtiger zu wissen, wer die Grenzen für Einflussnahme setzt … und wie und warum. „Wanderer zwischen diesen Welten“ werden – kommen sie aus der falschen Weltgegend und als Hilfesuchende – im Normalfall angehalten, abgeschreckt und abgewiesen. Kommen sie über das Mittelmeer, lässt man sie oft mitleidlos und gegen alles Seerecht einfach ersaufen. Erschrocken erkennen wir: Im Mittelmeer wäscht man seine Hände in Unschuld. Genauso erschrocken registrieren wir aber auch, die Meere werden immer wärmer. Wer zählt schon die Toten daraus resultierender Katastrophen?

(Geschrieben für Links, Februar 2020, 23. 01. 2020)

„Das gab’s noch nie …“

18. November 2019
von Peter Porsch

sagt die österreichische Kronenzeitung (krone.at, 15.11.2019) – und die ist um Sensationen und Einmaligkeiten nie verlegen. Was war es also, was es noch nie gab? Es war ein Eklat in der US-amerikanischen Footballliga NFL. „Mit Helm auf Schädel eingedroschen“, erfahren wir. Ein Spieler hatte seinem Gegner den obligatorischen Helm vom Kopf gerissen und damit auf den Schädel des nun ungeschützten Mannes eingeschlagen. Der Versuch, sich die Köpfe zerdeppern, gehört wohl zu diesem Spiel. Die Konkurrenten schützen sich jedoch voreinander eben mit Helmen. Diese stellen sozusagen das Unüberschreitbare im Wettbewerb dar. Umso böser ist dann eine Überschreitung, bei der der vermeintliche Schutz noch dazu als Waffe genutzt wird.
Das gab es noch nie? Hat nicht erst unlängst ein Fußballspieler in der deutschen Bundesliga den Trainer der gegnerischen Mannschaft im heftigen Kampf um den Sieg umgerempelt? Der Mann stand dem Spieler im Weg beim Bemühen, den Ball schnell wieder ins Spiel zu bringen, um doch noch siegen zu können. Oder – um dem Gegner doch noch die Niederlage beizubringen. Man könnte es ein taktisches Foul nennen. Solche Fouls sind durchaus üblich. In manchen Sportarten werden sie hart bestraft, in manchen gehören sie, wie der Name ja sagt, zur Taktik und werden in jedem Trainingsbuch empfohlen. Sie sind auf jeden Fall eine Regelüberschreitung, ein Regelbruch. Es gibt das aber, und nicht zu selten, auch anderswo.
„Verkehrsteilnehmer werden immer aggressiver“. Das ist die Überschrift gleich neben der Sportmeldung (krone.at, 15.11.2019): Nach einem Überholmanöver parken zwei Kampfhähne ein, steigen aus und gehen wild aufeinander los. Vergleichbares kann man schnell erleben, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt. Auch dort gibt es offensichtlich Konkurrenz und Sieger und Besiegte. Und wo gibt es die eigentlich nicht? Ganze Familien von Nebenbuhlern oder untreu gewordene Partnerinnen werden ausgelöscht, weil wer die „Niederlage“ nicht verträgt. Heimlich werden Abkommen geschlossen, Gelder bezahlt und illegal Vorteile verschafft, um einen Posten zu bekommen, den man sonst nie erlangen würde. Wir leben eben in einer Wettbewerbsgesellschaft. Da zählt am Ende nur der Sieg und schon der zweite Platz wird oft, zu oft als erniedrigend empfunden. Wenn es gar an die Existenz geht, um das bessere Geschäft, die erstrebte Partnerschaft, den Klassenerhalt im Sport, den begehrten Titel, um Geld und eben Erster zu sein, fällt oft, zu oft alle Rücksichtnahme. Die Regeln, die einzuhalten wären, eröffnen dann vielmehr die Chance, doch noch zu gewinnen, indem man sie bricht – rücksichtslos, gnadenlos.
Was lehrt uns das? Der Kapitalismus hat uns offensichtlich alle und überall in einen Wettbewerbsmodus versetzt. Es gibt kein Miteinander. Gepflegt wird das Gegeneinander. Miteinander ist nur so lange erwünscht, so lange es dem Sieg dient. Die Mannschaften im Sport halten zusammen. „Ihr müsst elf Freunde sein“, ist dann die Losung im Fußball; oder war es einst. Heute muss man auch in den Mannschaften möglichst der Beste sein, irgendwie herausragen. Es geht um den Marktwert. Die Tragödie ist jedoch mittlerweile, dass sich der Siegeswille so verselbstständigt hat, dass der Spielgedanke, der doch den Sport prägen sollte, dahinter bereits verloren gegangen ist. Dann streckt man auch schon mal in der 5. Unterliga beim Wochenendvergnügen den Schiedsrichter mit einem Faustschlag nieder. Man vergisst, dass der vermeintlich Gegner doch auch Partner ist. Ohne ihn kann man nicht spielen. Man schaltet ihn jedoch lieber aus, um Sieger zu sein. Das fördert Gewalt und die hat sich ausgebreitet als die einfachste Methode, Überlegenheit zu zeigen und zu sichern. Es geht wild zu zwischen den Staaten, auf der Straße, auf dem Sportplatz, in der Wirtschaft, zwischen den Parteien, in den Parteien … Gemeinsamkeiten wurden zu begrenzten Mitteln zum Zweck und jederzeit auflösbar. Sie sind leider nicht mehr der Zweck selbst, nicht das eigentliche Ziel. So wird auch die Sprache aggressiv. Die AfD hat es fast schon (wieder) zur Perfektion gebracht.

Doch es wird Weihnachten: „Friede den Menschen auf Erden“, schallt es allenthalben. Ja, „wenn sie guten Willens sind!“ Sonst hilft auch kein Gott.

(Geschrieben für Links, Dezember 2019, 15.11.2019)

Von den Wahrheiten

14. Oktober 2019
von Peter Porsch

„Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.“ Das sagt der alte Stechlin, der Titelheld in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman. Aber was hat es mit diesem Satz für eine Bewandtnis? Er dient gleich am Anfang des Werkes zur Charakterisierung des Hausherren am namensgleichen See. Es geht offensichtlich um die Wahrheit und um ihre Existenz in „Paradoxen“, wie Fontane den Alten sagen lässt. Dem eingangs zitierten Satz geht nämlich unmittelbar voraus: „Paradoxen waren seine Passion. ‚Ich bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn’s andere tun; es ist doch immer was drin.‘“ Die Wahrheit existiert also eher im Paradoxen, denn im unumstößlich Festgestellten. Karl Marx, schreibt seiner Tochter Jenny 1865 ins Poesiealbum, „de omnibus dubitandum“ (an allem ist zu zweifeln). Die Mutter tröstet die Tochter im gleichen Jahr mit dem Eintrag „nil desperandum“ (an nichts muss man verzweifeln). Fontane ist nur anderthalb Jahre jünger als Marx, geboren am 30. Dezember 1819. Gut dreißig Jahre nach Marxens Eintrag in das Album der Tochter legt er unser Ausgangszitat dem Stechlin in den Mund. Der verzweifelt nicht daran, dass die Wahrheit in einer ihr angemessenen Aussage nicht völlig und unanfechtbar enthalten ist. Lenin kann dafür ebenfalls als Zeuge angeführt werden: Jede erreichte Wahrheit hat für ihn stets relativen Charakter in einem dialektischen, wohl unendlichen Prozess der asymptotischen Annäherung an die absolute Wahrheit.
Man muss sich deshalb nicht verzweifelt in einen unentrinnbaren Relativismus versenken. Die Sache mit der Wahrheit ist jedoch auch nichts für einfache Gemüter. Man muss Wahrheit zu finden trachten und zugleich akzeptieren, dass man sie nie ganz finden wird. Für Stechlin ein Ausweg aus Langeweile. Lenin tröstet, dass im Erkenntnisfortschritt jede relativ wahre Aussage einen Teil der Wahrheit erfasst und wir somit immer „tiefere Seiten der absoluten Wahrheit“ erfassen (Wolfgang Röd, Dialektische Philosophie der Neuzeit, München 1986, S141 und vgl. Lenin, Werke, Band 38, S. 212-214). Wie komme ich aber überhaupt darauf? Nicht nur, weil wir demnächst den 200. Geburtstag von Theodor Fontane feiern können. Das auch, denn es hat mich an diesen Stechlin erinnert. Der lebte irgendwie dialektisch. Das 19. Jahrhundert hat ihm vielleicht theoretisch, sicher jedoch praktisch die Dialektik der Wahrheitsfindung eingebläut. Es ist das Jahrhundert der aufwachsenden Wissenschaft, deshalb das Jahrhundert des Zweifels an allem, auch durch Revolutionen und aufkommende Demokratien, das Jahrhundert des Erkenntnisfortschritts in Widersprüchen, weil das Jahrhundert der Einsicht in die Widersprüchlichkeit der Welt. Aus dem 18. Jahrhundert kommt Georg Wilhelm Friedrich Hegel philosophisch-spekulativ damit herein, Marx und Engels verwandeln das in eine Wissenschaft, Lenin trägt es in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, Fontane verarbeitet es am Ende des Jahrhunderts literarisch. Sein Stechlin versucht wacker damit zurecht zu kommen, in der Politik und im persönlich-familiären Leben; bis er stirbt und vieles für ihn offen gelassen zurück bleibt.
Meine Frage nun, wie werden wir diesem Dilemma der Erkenntnis gerecht, wenn wir uns um Wahrheiten streiten? W i r, das muss nicht gleich die gesamte Menschheit sein. Nehmen wir doch bescheiden zunächst nur die Partei DIE LINKE. Der alte Stechlin wurde nicht gleich unglücklich, weil er als konservativer Kandidat eine Nachwahl zum Reichstag gegen einen „Bebelianer“ verloren hatte. Irgendwie war es für ihn auch ein Zeichen, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hatte; verändert auch, weil die Menschen anfingen, systematisch der Welt und ihren Widersprüchen auf den Grund zu gehen. Nun gehen wir doch mal unserer jüngsten Niederlage nach und auf den Grund. Das heißt natürlich, Wahrheit zu suchen, Aber machen wir das selbstgerecht verabsolutierend und spaltend oder machen wir es auf dialektische Art und Weise? Lasst uns die Annäherung an die Wahrheit in jeder begründbaren Aussage akzeptieren. Nehmen wir den Widerspruch nicht als Ausdruck der Feindschaft, sondern als Ansatz zu seiner Auflösung – wohlgemerkt: zu seiner Auflösung in neuer Erkenntnis. Bewerkstelligen wir das miteinander, dann wird es gelingen!

(Geschrieben für Links, November 2019, 12.10.2019)