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Von den Feiglingen in den Laufgittern

26. Mai 2016
von Peter Porsch

Unlängst habe ich im Theater einen Monolog gehört, der in seiner Bildhaftigkeit sehr alltäglich war, in seinem Gehalt aber auf unglaublich eindringliche Weise eine Wahrheit verkündete. Das Ganze fand nicht auf der großen Bühne statt. Es waren Schauspielstudierende, deutschsprachige und holländische, die ein Stück selbst entwickelt hatten und darin und damit ihrem Verhältnis zu sich, ihrem Beruf und zur Welt, in der sie leben – leben müssen – nachgingen. Revolution war ein großes Thema. Einer der Schauspieler stellte fest: Wir leben auf der reichen Seite der Welt und wir leben wie Kinder im Laufgitter, versehen mit reichlich und gutem Spielzeug. Genau deshalb sollten wir aber Revolution machen. In einem revolutionären Akt sollten wir unsere Eltern zwingen, uns aus dem Laufgitter herauszuheben. Wir wollen doch wissen, wie die Welt draußen ist. Ja, wir wollen und brauchen eine Revolution, war zunächst die Quintessenz; eine Revolution gegen jene, die uns ins im Laufgitter in ungewollter Sicherheit und ungeliebtem Wohlbefinden halten. Doch dann kam plötzlich die Angst vor der eigenen Courage. Es kam die Angst auf, was passieren könnte, wenn alle aus den vielen Laufgittern in dieser großen Welt herauskämen. Man würde sich begegnen. Will man das? Was würde einem dann widerfahren? Würde uns was streitig gemacht? Wer weiß das schon? Da bleiben wir doch lieber drin in unseren Laufgittern. Wir spielen doch eigentlich ganz gern mit all unserem schönen Spielzeug. Deshalb – so der Schluss – wird es wohl auf unserer, der schönen, der reichen Seite der Welt zu keiner Revolution kommen. Die Dialektik von zorniger Kritik eines jungen Mannes und bereits an der Realität emporgewachsener Resignation liegt auf der Hand.
Offensichtlich sind in unserem Teil der Welt zu viele der Meinung, sie könnten mehr verlieren als nur ihre Ketten. Die Sicherheit der „Laufgitter“ ist verlockender als eine Welterfahrung, von der man nicht weiß, was sie bringt. Rundum bewegt sich aber doch etwas. Es findet Geschichte statt und zu viele haben Angst davor. Einmischung erscheint gefährlich, sich einschließen wähnt man für sicherer. Geschichte soll draußen stattfinden. Nur, das wird nicht funktionieren und es funktioniert schon lange nicht. Feiglinge sind am Werk; Feiglinge, und wenn sie noch so großmäulig auftreten. Sie schließen sich ein in den Laufgittern der Nationen. Sie reduzieren sich die Welt auf das Spielzeug ihrer Kultur. Sie liefern sich dem Schutz von „Eltern“ aus, die sie in Wirklichkeit ebenso feige gefangen halten. Der österreichische Literat und Essayist Robert Menasse hat recht, wenn er sagt: „Alle politischen Herausforderungen, die wir heute demokratisch gestalten müssen, sind längst transnational: die Finanzströme, die Wertschöpfungsketten, die Bedingungen des Welthandels, die ökologischen Probleme, die Migrationsbewegungen, die modernen Kommunikationsmittel mit ihren Gefahren wie Überwachung und Datenmissbrauch, die Friedenssicherung, und ewig so weiter. Es gibt nichts mehr, das innerhalb der Grenzen eines Nationalstaates geregelt oder an den Grenzen abgehalten werden kann“ (Kurier, 22.05.2016, S. 9). Wir beschwören die globalisierte, die eine Welt und zugleich versucht man uns weis zu machen, dass man sich hinter neuen Stacheldrähten verschanzen könnte, um unausweichlicher Veränderung entgehen und längst unbrauchbar Gewordenes bewahren zu können. Die Gefahr ist groß und zum Teil auch schon Wirklichkeit, dass aus stacheldrahtbewehrten Laufgittern der Feiglinge Schützengräben werden und aus den Spielzeugen Kanonen. War es denn nicht zu oft schon so, dass die Verteidigung der Idylle des Gewohnten gegenüber der Geschichte dazu führte, dass schließlich kein Stein auf dem anderen blieb? Was nützt es, wild um sich zu schlagen, wenn das Laufgitter fällt. Das kann keine linke Lösung sein. Wir müssen die Herausforderungen annehmen. Akzeptieren wir die Notwendigkeit von Veränderungen in globalem Maßstab. Machen wir unsere Geschichte selbst – mutig, friedlich und mit allen Menschen, in dieser einen Welt!

(Geschrieben für Links, Juni 2016, 25.05.2016)

Wacht auf Verdammte …

26. April 2016
von Peter Porsch

Heute, der Tag, an dem ich diese Glosse schreibe, ist der 25. April. Ich weile seit gestern in Graz. Der Schreck über den Wahlsonntag am 13. März, der Schreck über die Erfolge der AfD und die Niederlagen der LINKE sitzt mir auch in Graz noch in den Knochen. Da schlägt neue Unbill zu. Österreich hat den ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl hinter sich. Der Kandidat der FPÖ (Norbert Hofer) hat mit dem patriotischen Imperativ, „Steh auf für Österreich“, einen Kantersieg errungen; den Wählerinnen und Wählern sei Dank aber noch nicht den finalen Wahlsieg. Der Zweite, der Grüne Alexander van der Bellen, zwingt, 15% dahinter, den in Wirklichkeit stramm deutsch-nationalen Burschenschafter der FPÖ zum letzten Gefecht. Sozialdemokratie und Christlich-Konservative sind mit ihren Kandidaten kläglich gescheitert.
FPÖ und AfD sind nicht weit auseinander. Historisch schon, denn die FPÖ geht auf eine Parteiengründung ehemaliger Nazis im Jahre 1949 zurück. Aktuell und programmatisch sind sie fast völlig kongruent. Nationalistisch und migrationsfeindlich geben sie sich als konsequente Kritiker des politischen Establishments und Sachwalter der „Kleinen Leute“. Der Neuordnung Europas mit Hilfe von Stacheldraht applaudieren sie. Die Wahlergebnisse in Deutschland wie in Österreich werden als politische Zeitenwende bejubelt. Sind sie also aufgewacht, die Verdammten dieser Erde? Sieht so aus. Aber was treibt sie um? Offensichtlich unsanft geweckt, rufen sie schlaftrunken und noch von Alpträumen geplagt, „Wir sind das Volk!“. In bester Absicht, nämlich die etablierten Politikkartelle abzustrafen, haben sie aber das Dümmste getan, was man nur tun kann. Sie haben jene gewählt, die sie in die nationalistische Sackgasse führen werden. Sie haben jene gewählt, die den Zufall der Herkunft und Sozialisation zu einem Naturgesetz der Überlegenheit des Eigenen und seiner Gefährdung durch das Fremde umdeuten. Sie haben jene gewählt, die die Verdammten dieser Erde mit ihren Kampfbegriffen wie „Leitkultur“, „Parallelgesellschaften“ oder „Integration“, die eigentlich als Assimilation verstanden wird, aufeinanderhetzen. Die etablierte Politkaste hat versucht, dieses reißende Wasser in die eigenen Kanäle umzuleiten. Das ist kläglich misslungen. Ein österreichischer Politiker hat es auf den Punkt gebracht. „Im Ernstfall wählt man nicht das Schmiedel, sondern den Schmied.“ Die LINKE blieb außen vor, geschätzt von nicht wenigen wegen ihrer humanistischen und sozialen Grundpositionen. Von sehr viel mehr jedoch verunsichert gemieden wegen ihrer Konzeptionslosigkeit für die Umsetzung der Prinzipien. Frau Merkel aber baut ihre potjomkinschen Dörfer. In sechs Stunden Türkeibesuch führt sie die Welt in die Irre mit trachtengekleideten, singenden Flüchtlingskindern in angeblich vorbildlichen Lagern. Was als Ausfluss konkreter türkisch-deutscher Humanität dastehen soll, ist freilich in Wirklichkeit die Realität des Bruchs verbriefter Menschenrechte. Was die makabre Kulisse der „menschenfreundlichen“ Lager betrifft, versage ich mir weitere Assoziationen. Der Spuk war schnell vorbei und es ging Tags darauf zur eigentlichen Sache. Arm in Arm mit Barack Obama sollte TTIP möglichst in Sack und Tüten gebracht werden. Spätestens jetzt ist die Katze aber aus dem Sack und uns bleibt nur die Hoffnung auf Widerstand, der das alles doch nicht in die Tüte kommen lässt: Es geht um die Sicherheit des großen Geschäfts für die großen Geschäftemacher. Alles streng geheim, weil letztlich zum Schaden für jene, „die stets man nur zum Hunger zwingt.“ Was zwischen Europa und den USA immerhin verhandelt wird, wird anderswo mit Waffengewalt erzwungen. Das bringt in der Folge nicht immer schöne Bilder. Wir sehen ertrunkene Kinder. Wir hören von Hunderten im Mittelmeer jämmerlich Ersoffenen. Solche Bilder müssten wir eben ertragen, sagen uns führende Politiker – und nicht zuletzt und am deutlichsten auch jene, die gerade begeistert gewählt wurden. „Verdammt“, möchte man rufen, „mischt Euch doch mal unter die Verzweifelten, fahrt mit ihnen übers Mittelmeer und – macht noch schnell ein Selfie, bevor ihr untergeht!“

(vorgeschlagen für Links, Mai 2016, 24.04.2016)

Multikulturalität versus Ethnozentrismus. 12 Thesen

16. April 2016
von Peter Porsch

1.Die Welt gerät entlang der Flüchtlingskrise aus den Fugen. Ein Weltkrieg, getarnt als Krieg der Kulturen, scheint nicht mehr unmöglich. Die Gesellschaft zerreißt und droht in Gewalt unterzugehen. Die Europäische Union zerfällt fast im Minutentakt in nationale und regionale Egoismen. Der Kontinent ist von Stacheldraht durchzogen. Es gab noch nie in Friedenszeiten so viele „Eiserne Vorhänge“, die Europa zerteilten. In dieser Situation ist Verantwortung gefragt, Verantwortung der Politik, der Wissenschaft, der Bildung, der Wirtschaft, der Kunst und aller humanistisch geprägten Menschen. Dieser Verantwortung muss sich auch DIE LINKE stellen. Das ist nicht leicht, wird sich sicher auch kontrovers vollziehen. Vor entsprechenden Debatten dürfen wir nicht zurückschrecken. Konsens muss sein, dass wir Grenzen hin zu Unmenschlichkeit, Rassismus, Ethnozentrismus, Ausländerfeindlichkeit, rechtsradikalen, neofaschistischen Ansätzen nicht überschreiten. Diese Grenzen müssen wir natürlich immer auch selbst definieren, wir finden sie aber nicht zuletzt in den Äußerungen der Trägerinnen und Träger der inkriminierten Einstellungen. Die Gefahr von rechts ist mit Pegida, Afd und verwandten Parteien in den europäischen Ländern oder mit der Bewegung der Identitairen evident. „Wir sind das Volk“, wurde zum Kampfruf einer neuen, kulturell verirrten bzw. ganz und gar kulturlosen, irrationalen, emotional aber aufgestachelten „Revierverteidigung“. Kriminalität wird zum Selbstschutz umgedeutet. Nähe oder gar Übereinstimmung darf da nicht aufkommen. Die Situation verlangt von uns Sensibilität und Genauigkeit.

2.In den Auseinandersetzungen spielt das Wort „Kultur“ eine besondere Rolle. Mit ihm ist eine Verwischung der Grenzen besonders leicht möglich. Die Vielzahl unterschiedlicher Konzepte von „Kultur“ macht das Wort im Zusammenwirken mit seiner Hochwertigkeit zum Kampfbegriff besonders geeignet. Fehlen genaue Bestimmungen, was unter Kultur zu verstehen ist, treten nicht nur Missverständnisse auf, sondern es eröffnen sich auch vielfältige Möglichkeiten der gegenseitigen Einvernahme oder Diskreditierung, je nach politischer Opportunität. Daran wird fleißig gearbeitet, weshalb es notwendig ist, sich gerade hier in die Debatte einzumischen. Es ist freilich auch die schwierigste Stelle. Nötig, hier aber nicht zu leisten, wäre eine Auseinandersetzung mit der konzeptionellen Trennung von „Zivilisation“ und „Kultur“.

3.Versucht man die Pole im Spektrum der Kulturkonzepte zu bestimmen, so trifft man einerseits auf „Kultur“ als „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“ (Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 8. Auflage, Berlin 2015). Nimmt man dies als ein kulturwissenschaftliches Konzept, das auch alltagssprachlich sehr verbreitet ist, so bilden den anderen Pol eher soziologisch orientierte Kulturkonzepte etwa der Ethnographie der Kommunikation oder der Cultural Studies. Dafür steht z.B.: „A society‘s culture consists of whatever it is one has to know or believe in order to operate in a manner acceptable to its members, and to do so in any role that they accept for any one of themselves.“ (Goodenough, Cultural Anthropology and Linguistics. In: Dell Hymes (Hrsg.) Language in Culture and Society, New York 1964, S. 36). Hans Jürgen Heringer schlägt vor: „Eine Kultur ist eine Lebensform … Kultur ist entstanden, sie ist geworden in gemeinsamem menschlichen Handeln. Nicht dass sie gewollt wurde. Sie ist vielmehr ein Produkt der Unsichtbaren Hand. Sie ist ein Potenzial für gemeinsames sinnträchtiges Handeln. Aber das Potenzial zeigt sich nur in der Performanz, im Vollzug. Und es ist entstanden über Performanz“ (Interkulturelle Kommunikation, Tübingen und Basel 2004, S. 107). Es wird in der einschlägigen Literatur der Ethnographie der Kommunikation, der Ethnomethodolgie oder Kultursoziologie auch von einer jeweils gruppenspezifischen „Grammatik der Erwartungen und Erwartungserwartungen“ gesprochen. Christa Wolf sagt einfach, „Kultur ist, wie man lebt.“ In einem solchen Konzept von „Kultur“ erhält jedes Verhalten soziale Bedeutung. Kulturelle Performanz wird zum jeweiligen Beobachtungsobjekt für das „Eigene“ und das „Fremde“ und liefert so auch die Argumente für Aus- und Abgrenzung. Dem sollte eine Performanzanalyse entgegengestellt werden, die sich am Bewusstmachen der „Unsichtbaren Hand“ ausrichtet, am Verstehen kulturgeprägten Handelns.

4.Je nach Ausgangspunkt eines Kulturkonzeptes wird die Debatte um „Kultur“ selbst, noch mehr aber die um die in den aktuellen Wahrnehmungen und Interpretationen der Flüchtlingsproblematik neu entstandenen Begriffe wie „Leitkultur“, „Parallelkultur“ oder „Parallelgesellschaft“ sowie „Multikulturalität“, „Interkulturalität“ und „Integration“ unterschiedlich geführt werden. Davor sind auch Linke nicht gefeit. Umso mehr ist Verantwortung anzumahnen, um Differenzen nicht zu wohlfeilen Kontroversen für politisches „Abschöpfen“ von rechts werden zu lassen.

5.In einschlägiger Literatur wird festgestellt: „Ideologisch gehört der gegenwärtige Rassismus in den Zusammenhang eines ‚Rassismus ohne Rassen‘, […] eines Rassismus, der – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker über andere postuliert, sondern sich darauf beschränkt, die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweise und Traditionen zu behaupten.“ (Etienne Balibar/Immanuel Wallerstein: Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten. Hamburg 1990, S. 28)) „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.“ (Theodor W. Adorno: Schuld und Abwehr, in: Gesammelte Schriften Band 9/2, Frankfurt/Main 1975).

6.An die Stelle des offenen Rassismus tritt heute in der Verbindung mit einem sehr vagen Kulturbegriff meist der sogenannte „Ethnozentrismus“. Auch hierfür kann man bei der Definition dem Duden-Universalwörterbuch folgen: „Form des Nationalismus, bei der das eigene Volk (die eigene Nation) als Mittelpunkt und zugleich als gegenüber anderen Völkern überlegen angesehen wird.“ (ebenda). Konstitutiv ist die Voreingenommenheit gegenüber anderen Gruppen, meist anderen Ethnien und die Annahme der Unvereinbarkeit der jeweiligen Kulturen.

7. „Leitkultur“ ist ein im Kontext der Flüchtlingsproblematik entwickelter Kampfbegriff, der die Abwehr von Fremdkulturellem legitimieren soll. So verstanden folgt das Konzept weitgehend dem ethnographischen bzw. soziologischen Kulturbegriff. Es „entpuppt sich … die unsägliche Debatte um die so genannte Leitkultur als nationalistisch-reaktionäres Konzept, das eben die Teilhabe am politischen Leben, der res publica, unter Zuhilfenahme kulturalistisch-rassistischer Argumente zu verhindern sucht. … der Ausschluss der ‚Anderen‘, sei es mittels rassistischer oder kulturologischer Argumente beschädigt aber die Fundamente ‚unserer‘ eigenen Ordnung, denn solche wirkt auf unsere Gesellschaft, ihr Wertesystem zurück.“ (Werner Ruf, Barbarisierung der Anderen – Barbarisierung des Wir. In: Michael Brie (Hrsg.) Schöne neue Demokratie, Berlin 2007, RLS Texte 39, S. 105) Ruf spricht von einer „globalisierten“ und daher zwangsläufig multikulturellen Welt“. (ebenda)

8.Multikulturalität im soziologisch-ethnographischen Kontext betrachtet leugnet nicht die kulturelle Prägung von Verhalten, noch weniger spricht sie der Zerstörung von Kultur das Wort. Sie akzeptiert die Vielfalt von Kulturen, akzeptiert die jeweils wechselseitige Existenz von „Eigenem“ und „Fremdem“, weist aber zugleich den Weg, damit zurecht zu kommen. Dieser Weg führt zu „Interkulturalität“. Die Sache ist gerade in der Germanistik nicht neu. Bereits 1984 wurde eine „Gesellschaft für interkulturelle Germanistik“ gegründet. In ihrem Informationsblatt 6/85 liest man: „Soweit sich die Geschichte der Kulturen überblicken läßt, lernt eine Kultur von der anderen und grenzt sich zugleich von ihr ab. Das Fremde wird so zum Ferment der Kulturentwicklung.“ „Dieses produktive Wechselverhältnis von Fremdem und Eigenem vermag auch die Germanistik zu nutzen, wenn sie sich mehr als bisher auf die kulturelle Vielfalt ihrer Bedingungen besinnt. Außerdem kann interkulturelle Germanistik ethnozentrische Isolierung überwinden helfen, indem sie das Bewußtsein von der hermeneutischen Funktion dieser Vielfalt fördert.“ Es ist die „hermeneutische Funktion“ von Multikulturalität, deren Realisierung für ein menschliche Gesellschaft unverzichtbar ist. Verschließt man sich im konkreten konzeptionellen Kontext davor, läuft man Gefahr, „Kultur“ einer ethnozentristischen Argumentationskette zu implantieren. Man verfängt sich im Bild von den „Parallelkulturen“, die – weil unvereinbar – nur in Assimilation, sprich Zerstörung einer Parallele, aufzulösen sind.

9.In komplexen Gesellschaften existiert auch „innergesellschaftliche Multikulturalität“. „Die Idee von einer einheitlichen Kultur ist das Konstrukt von Eliten“ (Jochen Oltmer, Wohin gehöre ich?. In: der Freitag, Nr. 14, 2016, S. 15). Wer diese Tatsache zugunsten einer „Leitkultur“, oder unter verkürzendem Missbrauch des Konzepts von „Nationalkultur“ verwischt, landet unweigerlich und in letzter Konsequenz bei der „Volksgemeinschaft“. AfD und Pegida verwenden dieses Wort auch schon wieder. Man muss wissen, dass damit unausweichlich sowohl die Ausblendung sozialer Differenziertheit der Gesellschaft als eines ihrer Wesensmerkmale verbunden ist als auch die kulturologisch-rassistische Abgrenzung gegen das „Fremde“ manifest wird. Das Gerede von „Integration“, die man von Asylsuchenden verlangen will, wird de facto zu einem Zwang zur Assimilation: Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, lässt die Katze aus dem Sack: „Die Neuankömmlinge aus anderen Kulturkreisen müssen akzeptieren, dass die deutsche Leitkultur tonangebend und für ihr weiteres Leben in Deutschland der Maßstab ist.“ Integration könne nicht bedeuten, „dass sich die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge auf halbem Weg treffen und daraus eine neue Leitkultur entsteht“. „Es gibt bei der Leitkultur nur eine Richtung: unsere Werte akzeptieren.“ ( alles Passauer Neue Presse/pnp.de 10.10.2015).

10.Warum eigentlich „Angst“ und „Besorgnis“ vor Trägerinnen und Trägern „fremder“ Kulturen? Diese könnten sich doch auch in Neugierde, Verstehen und Akzeptieren verwandeln. Genau das wäre der Anfang, den Prozess einer „Evolution der Integration“ zu initiieren, einer Evolution, die beide „Parallelen“ betrifft. So weit unsere Kultur eine Subkultur der Kultur der Menschenrechte, Toleranz, Gleichstellung, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie ist, brauchen wir sie nicht ängstlich zu schützen. Sie wird ihre Attraktivität unter Beweis stellen, wenn wir sie niemandem verwehren. Sie braucht sich auch nicht zu verstecken, wenn sie verletzt wird.

11.Eine der „Gründungsurkunden“ des „poströmischen Europa“ sind die „Straßburger Eide“ vom14. Februar 842. Karl der Kahle, dessen Muttersprache Altfranzösisch (lingua romana) war, und Ludwig der Deutsche, der sich üblicherweise auf Althochdeutsch (lingua theodisca) verständigte, hatten ihren Bruder Lothar 841 in der Schlacht von Fontenoy im Streit um die Aufteilung des Reiches Karl des Großen besiegt und schworen sich gemeinsam mit ihren Heeren fortdauernden Beistand. Die Eide gelten gleichermaßen als Wurzeln Frankreichs und Deutschlands als Staaten und als Eintritt des Französischen und Deutschen in die Geschichte. Das wirklich Besondere an der Sache war jedoch, die Anführer und ihre Krieger schworen jeweils in der Sprache der anderen. Sie wollten beide Zeichen des Vertrauens trotz der Unterschiedlichkeit setzen. Sie übten interkulturellen „Perspektivwechsel“, um zu zeigen, dass sie sich in die anderen verstehend hineinversetzen können. Besser kann man Konfliktpotentiale kaum entschärfen.

12.Die „europäische Tragödie“ besteht darin, dass der am Verstehen des „Fremden“ orientierte „interkulturelle Perspektivwechsel“ immer wieder ethnozentristischen, kulturologisch-rassistischen Anwandlungen unterlag. Die Multikulturalität Europas wurde so von einer Stärke zu einer Quelle der Kriege, Unterdrückung und Ausbeutung. Dem sollten sich Linke entgegenstellen. Die Chancen, dabei erfolgreich zu sein, liegen wie die Gefahr zu scheitern gleichermaßen in europäischer Multikulturalität.