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Not macht erfinderisch

18. April 2017
von Peter Porsch

Das weiß das einfache Volk im Vertrauen auf die eigene Kraft. Dass es oft so ist, kann man am Einzelfall belegen, und dass es dazu manchmal mehr der Not als technischer Raffinesse bedarf, auch. So wurde zum Beispiel vor gerade 200 Jahren etwas erfunden, was – glaubt man wieder dem Volk und seinen Weisheiten – nicht noch einmal erfunden werden muss: das Fahrrad. Zwar war es damals eher so etwas, was man heute als Laufrad kennt und nur mehr für Kinder bestimmt ist, aber es fuhr; und es fuhr schneller als man laufen konnte. Es verwertete also den möglichen Energieaufwand eines Menschen für die Fortbewegung besser als die Fußläufigkeit. Die Not dafür war durch eine Missernte gegeben, die vor 200 Jahren nicht nur die Menschen hungern und sterben ließ, sondern auch Pferde. Pferde und ihre Haltung wurden sehr teuer und damit auch das damals übliche Transportwesen. Ein Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn ersann Abhilfe und baute das Laufrad – aus Holz und eben ohne Pedale. Die Pedale und der Kettenantrieb kamen erst 50 Jahre später aus Frankreich, Dazwischen gab es quasi eine Sackgasse der Entwicklung zu höherer Geschwindigkeit, das Hochrad. Dem Kettenantrieb folgte die Gangschaltung usw,, bis das uns heute bekannte Fahrrad mit all seinen Finessen fertig war. Neu erfunden werden musste das Fahrrad tatsächlich nicht mehr, weiterentwickelt und verbessert wurde es sehr wohl. Aber auch seine Nutzung veränderte sich. Vom Hochrad als Statussymbol Wohlhabender wurde es mehr und mehr zum erschwinglichen privaten Verkehrsmittel, und als es als solches in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Auto abgelöst wurde, eröffneten sich die Wege zum Freizeitvehikel einerseits und zum Massensportartikel andererseits.
Und heute? Ja, heute droht neue Not. Der dichte Autoverkehr auf Autobahnen, Schnellstraßen, Fernverkehrsstraßen, mit Autos vollgestopfte und verqualmte Städte, Parkplatznot und immer teurer werdender Brennstoff für die Motoren sind auch durch immer raffiniertere technische Entwicklungen nicht mehr zu bewältigen. Der vorläufige Ausschluss bestimmter motorischer Antriebsarten und die Umstellung auf Elektrofahrzeuge werden nicht die erhoffte Erlösung von der Not bringen. Und weil Not eben erfinderisch macht, erinnert man sich plötzlich wieder der Tatsache, dass man mit dem Fahrrad nicht nur überschüssige Pfunde abbauen kann oder mit ihm irgendwelche Siege und Rekorde zu erringen sind, sondern dass man ja dabei immer auch von einem Ort, von einem Punkt zum anderen kommt. Das Fahrrad wird wieder interessant als einfaches Verkehrs- und Transportmittel. Die Erfinder stehen schon auf der Matte. Die einen erfinden fahrradgerechte Straßen. Sie erfinden sogar Fahrradautobahnen. Die Erkenntnis der Vergleichbarkeit von Fahrrädern mit Autos ist in der eigentlich paradoxen Benennung aufgehoben. Andere suchen neue, leichte Materialien für die Fahrräder, neue, effizientere Kraftübertragungen als den Kettenantrieb und neue Schaltungen. Ganz Schlaue haben das Elektro-Fahrrad (E-Bike) erfunden. Nun mal sehen, wohin das führt.
Karl Drais war 1818 wegen seiner Erfindungen zum Professor der Mathematik berufen worden. Das war just in dem Jahr als ein anderer Karl, nämlich der Karl Marx, in Trier geboren wurde. Jener sah die Not der Proletarier. Er wurde deshalb nicht zum Erfinder, wohl aber zum Analysten. Er ergründete die Ursachen der Not und fand sie in kapitalistischer Ausbeutung. Vor 150 Jahren legte er den ersten Band seiner umfassenden Analysen und der Aussicht auf Lösung der Not in einem künftigen Sozialismus und Kommunismus vor: „Das Kapital“. Danach versuchten viele die Weiterentwicklungen der Gedanken von Marx und auch ihre praktische Umsetzung. Kleinere Versuche scheiterten und auch der erste globale Großversuch, der Staatssozialismus, endete wie das Hochrad wegen der Diskrepanz zwischen Ziel und Mittel in einer Sackgasse. Sage aber niemand, das sei das Ende der Bedeutung von Karl Marx. Neue Not mit dem real existierenden Kapital, seiner Ausbeutung und seinen Kriegen macht die Fähigkeit, Straßen in eine Zukunft ohne Not bauen und angemessen nutzen zu können, wieder nötiger denn je.

(Geschrieben für Links, Mai 2017, 17.04.2017)

Winter ade …

8. März 2017
von Peter Porsch

In einer österreichischen Zeitung lese ich: „Der kalte Winter ließ die Heizkosten in die Höhe schnellen. Der Verbrauch liegt um 10 bis 20 Prozent über den Vorjahreswerten.“ Das wird anderswo in Europa, das wird in Sachsen wohl so ähnlich gewesen sein. Dabei war der diesjährige Winter nur ein wenig kälter als die vorhergehenden eher milden. Im Schnitt – so lese ich auch – machen die Heizkosten rund 200 Euro mehr pro Haushalt aus. Für Fernwärmekunden war es billiger; 60 Euro mehr im Schnitt. Was die heizenden Menschen belastet, freut die Wärme- und Brennstoffproduzenten. Vor Kälte muss man sich schützen. Der Schutz kostet Geld. Das belastet viele und bringt wenigen Profit So ist das eben!
So ist das eben? Nun es ist so, wenn man erstens eine beheizbare Bleibe hat und zweitens Geld, auch wenn es knapp ist, manchmal vorne und hinten nicht reicht und der kalte Winter die Schulden in die Höhe treibt. Was ist aber, wenn man erstens keine beheizbare Bleibe hat und zweitens gar kein Geld, was selbst das Schuldenmachen unmöglich macht? Wenn das so ist, dann sitzt man zum Beispiel als Flüchtling in Belgrad fest und fragt sich: „Was tun?“ Viel geht da nicht. Der Bahnhof selbst – ein etwas verbrauchtes Prunkgebäude des 19. Jahrhunderts – kann für Tausende keine Wärmestube sein. Nun, Bahnhöfe haben Wirtschaftsgebäude, die oft leer stehen. Davon gibt es in Belgrad aber kaum noch welche. Das alte weitläufige Bahnhofsgelände ist eine Trümmerwüste. Ich war im Herbst dort und habe das gesehen. Was an noch leidlich warmen Septemberabenden fast noch romantisch aussieht, wenn die Lagerfeuer der Flüchtlinge zwischen den Trümmer brennen, was bei der aufkommenden Kühle noch wärmt, kann im Winter keine Erleichterung bringen. Wie wird das im Winter, habe ich mich im Herbst gefragt. Die Welt hat es damals noch nicht interessiert. Die Antwort gab die Realität. Einige Ruinen, die noch defekte Dächer tragen, helfen da auch nicht weiter. Das Heizmaterial ist feuchtes, verschimmeltes Holz oder gar Plaste. Der Qualm treibt die Leute sehr bald in die Kälte. Es bestand bereits damals und es besteht im Winter noch sehr viel mehr eine große Diskrepanz zwischen der lebendigen jungen Stadt, dem aufkommenden Tourismus über Donau und Save und dem „Leben“ der Flüchtlinge. Es besteht unabhängig von der Jahreszeit ein grausiges Missverhältnis zwischen der Trümmerwelt, in der die Flüchtlinge Schutz suchen, und einem neu entstehenden Prunk-Boulevard unmittelbar daneben an der Save. Der Boulevard ist nur der Anfang. Der derzeitige Bürgermeister will ein ganzes Prunk-Viertel bauen. Die Zerstörung des Bahnhofareals macht dafür Platz. Das wird dann ein Quartier, in dem sich auch die Belgrader und Belgraderinnen keine Wohnungen werden leisten können. Es gibt nämlich auch noch viele andere Probleme in Serbien, die vor allem junge Menschen bewegen. Eine Fahrt mit der S-Bahn, voll von jungen Studierenden, von Novi-Sad nach Belgrad, belehrt Dich: Auch diese Menschen sind meist nur mehr auf Abruf in ihrer Heimat. Sie wollen weg an die vermeintlich vollen Futtertröge Westeuropas. NATO und EU machen im ehemaligen Jugoslawien „ganze Arbeit“. Die Region ist zersplittert, die Völker sind verfeindet, es sind jedoch überall die gleichen Konzerne, die ihre Geschäfte machen und die Zersplitterung für sich ausnutzen. Prinzip: zerteile und herrsche. Zu verdienen gibt es da für die Einheimischen nicht viel. An Serbien zerrt neben der EU auch noch Putins Russland. Und nicht nur in der S-Bahn merkt man bei Gesprächen, dass das die Bevölkerung in ihren Sympathien für die einen oder den anderen spaltet – oft Jung und Alt. Der Jugoslawienkrieg und die Bombenangriffe auf das Land sind noch nicht von allen vergessen.
Aber zurück zu den Flüchtlingen. Politikerinnen und Politiker in Österreich und Deutschland schwadronieren von Auffanglagern in Nordafrika. In Belgrad ist ein solches im Wildwuchs bereits seit längerem entstanden. Die Menschen kommen nicht weiter, weil – wie die gleichen Politiker und Politikerinnen mit Stolz verkünden – die Balkanroute geschlossen ist. Dieser hinterhältigen Politik vertrauen sich die Flüchtlinge nicht an. Sie hoffen auf Frühling. Ich mache das auch und schäme mich dabei.

(Geschrieben für „Links“, April 2017, 07.03.2017)

„Ich bin eine Dame von Stand …“

6. Februar 2017
von Peter Porsch

„… und i bin des Dirndl vom Land.“ So begann ein Dialog, den wir als Kinder immer wieder aufsagten. Es gibt ihn in hunderterlei Variationen verschiedener Längen. Auch die Dialekte des Dirndls wechseln. Die Dame spricht natürlich Hochdeutsch, was ihre Bildung hervorhebt. Die mir bekannte Version ging so weiter: „Ich spreche sieben Sprachen und spiele Klavier.“ – „Und i tua Sau füttern dafür.“ – „Pfui, vom Schweinefüttern möchte ich überhaupt nichts hören.“ – „Ja, aber Schinken fressen, des tuns gern.“ – „Mir küsst jeder feine Herr die Hand.“ – „Und wann mir der Hansl a Bussel gibt, is es a ka Schand!“ Punktum, das Dirndl hat sich behauptet. Natürlich war unsere Sympathie beim Dirndl, auch wenn wir Stadtkinder waren. Im Arbeiterbezirk gab es nur gelegentlich „durchrauschende“ Damen, die Hausbesitzerin zum Beispiel, oder Möchtegern-Damen. Solche nannte meine Oma spöttisch „Frau Sachen“.
Ich will mich jetzt nicht als Schulmeister hervortun. Die geneigten Leserinnen und Leser können sich sicher die „Moral von der Geschicht’ “ selbst erschließen. Jeder und jede auf seine oder ihre Art. Ich kann mich aber nicht zurückhalten und stelle mit Freude zunächst fest, dass wir Kinder schon sehr früh und sehr wohl um Standes- und Klassenunterschiede wussten. Wir konnten sie auch festmachen, an Essgewohnheiten, an Sprache und an unterschiedlich nützlichem Wissen und Können. Wobei uns eigentlich nur das Wissen und Können des Dirndels auch als nützlich erschien. Was muss ich Klavier spielen können. Dass man damit angeblich Glück bei den Frauen hat, war uns nicht bekannt und musste es auch noch nicht. Sieben Sprachen!? Mit wem sollten wir die sprechen. Es war uns nicht gesungen, dass wir unser Milieu verlassen könnten. In diesem Milieu war man jedoch maximal eineinhalbsprachig: Man begegnete sich im Dialekt, was Vertrauen schuf, und übte sich für die Schule in einem eigentlich fremden und meist lächerlich geradebrechtem Standarddeutsch. Selbst ins Gymnasium verschlagen, quälten wir uns schon mit zwei oder drei Sprachen; und warum da Latein dabei sein sollte, konnte uns damals niemand schlüssig beantworten. Heute könnte ich das vielleicht, aber wahrscheinlich nicht verständlich für alle, sondern meist nur für jene, die das gleiche „Glück“ mit Latein hatten. Dass Sprachen wichtig sind für die „Flucht“ aus einem Milieu, das kein großes Prestige genoss, bei uns nicht und auch nicht bei den anderen, wissen unsere Kinder heute. Kann sein, ein anderes Wissen ist damit aber in den Hintergrund getreten oder gar verloren gegangen. Es ist das Wissen darum, dass das Schweinefüttern der einen die Voraussetzung für das Schinkenfressen der anderen ist. Reichtum ist sehr unterschiedlich verteilt. Die, die die Schweine füttern, haben nicht so viel auf dem Konto. Andere sind so reich, dass sie sich das Schweinefüttern als Hobby leisten können. Da verschwimmen Unterschiede, und der einen schwere Arbeit erscheint den anderen als originelles Vergnügen. Stolz gibt man vor zu wissen, woher der Schinken kommt.
Nun will ich die Veganerinnen und Veganer aber nicht mehr länger reizen. Das Schweinefüttern, das Sieben-Sprachen-Sprechen, das Klavierspielen und Schinkenfressen, Busserl und Handkuss sind hier nur Metaphern für soziale Unterschiede. Letztere aber gab es und gibt es noch immer. Sie entscheiden nicht nur erheblich über mögliche Lebenswege, sondern auch über das jeweilige Bild von der Welt sowie von der eigenen und der anderen Wahrheit, formuliert in der eigenen oder der anderen Sprache. In welchen Milieus sind wir Linken heute eigentlich angesiedelt? Unsere Klientel sollten mit Sicherheit jene sein, „die Schweine füttern“. Diese Erkenntnis kann aus Erfahrung kommen oder sie kann Ergebnis scharfer wissenschaftlicher Analyse sein. Damit tun sich freilich zwei neue Fragen auf: Verstehen uns jene, für die wir Partei ergreifen, eigentlich als ihre Sachwalter, wenn wir dies in ebenso scharfer wissenschaftlicher Sprache verkünden und begründen? Und: Haben die „Schweinefütterer“ nach getaner Arbeit noch Zeit und Muße, 71 Seiten Wahlprogramm zu lesen, um letztlich und aus gutem Grund überzeugt davon zu sein, dass es nur so und nicht anders für sie zum Besten wird?

(Geschrieben für „Links“ – März 2017, 04.02.2017)