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Vom Hundekot und Vogelschiss

26. August 2019
von Peter Porsch

Unlängst habe ich eine bedenkenswerte Geschichte gelesen: Eine Frau ging mit ihrem Hund spazieren. Das Tier nutzte erwartungsgemäß die Gelegenheit und kotete (so nennt man das, wenn es darauf ankommt, was hinten herauskommt). Das war nicht weiter aufregend. Brav packte die Dame das Endprodukt in eine bereitgehaltene Plastiktüte und suchte einen Abfallkorb zur Entsorgung. Leider fand sie keinen, gab nach einiger Zeit die Suche auf und warf die Tüte resignierend in ein Gebüsch. Der Kommentar des Erzählers: So hatte sie etwas, das in ein bis zwei Wochen verrottet gewesen wäre, durch die und mit der Verpackung für etwa 200 Jahre konserviert. Freilich muss man dennoch einräumen, sie hat auch die Menschen vor dem unästhetischen Anblick eines Hundekots, vor der Gefahr, in diesen hineinzutreten und zumindest die Schuhe zu versauen und damit den Kot weiterzuverbreiten, gerettet. Eine gute Tat, wenn auch eine ökologische Katastrophe.
Man könnte es mit diesen Gedanken bewenden lassen. Aber ich dachte weiter, beziehungsweisse ergriffen mich Assozialtionen. Der Hundekot rief den Gedanken des in der Natur ebenso häufig vorkommenden Vogelschisses hervor, womit das Auftauchen des so fatal sprechenden Namens GAULAND ja wirklich nicht mehr weit sein konnte. Dieser Mann, der schon mit seinem Namen beredte Propaganda für ein anderes Deutschland macht, wollte sein Faible für das andere, das ein altes, kaum vergangenes Deutschland wäre, verharmlosen, indem er meinte, die Zeit Adolf Hitlers und seines Nationalsozialismus wäre im Laufe der tausendjährigen so erfolgreichen deutschen Geschichte nur ein Vogelschiss.
Nun hat jeder Vergleich ein „tertium comparationis“, etwas Drittes, das im Vergleich das mögliche Gemeinsame darstellt. Gauland will uns weismachen, dass dies offensichtlich die geringe Bedeutung dieser Zeit für die deutsche Geschichte insgesamt sei. Und genau dabei hat er sich mächtig verhauen. Würde man mit Hundekot vergleichen, hätte die gemeinte Zeit tatsächlich wenig Belang für das Ganze. Der Vogelschiss verbietet aber eine solche Annahme vollständig. Wie wir bereits wissen, verrottet der Verdauungsrest vom Hund in ein bis zwei Wochen, außer man rettet ihn durch Verpackung. Beim Vogelschiss ist das völlig anders und das bringt auch ein völlig anderes tertium comparationis. In jeder Autozeitschrift ist zum Beispiel zu lesen, dass Vogelschiss auf dem Autolack sehr schnell Schäden hervorrufen kann, man ihn also unvermittelt beseitigen müsse, will man Schäden vermeiden. Auf die Kleidung gekleckst, ist es ebenso geraten, diese Ausscheidungen der gefiederten Welt nicht allzu lange an ihrem Landeplatz verweilen zu lassen. Es träten Zersetzungsprozesse ein, die Flecken oder sogar Löcher in der Kleidung hervorrufen könnten. Andererseits ist der Vogelschiss von solcher Beschaffenheit, dass sicher niemand auf die Idee käme, ihn zu verpacken und auf diese Weise zu entsorgen. Und nun zum Vergleich des Herrn Gauland. Mag sein der Nationalsozialismus war eine Epoche deutscher Geschichte mit der Bedeutung eines Vogelschisses. Es klingt plausibel, denn er kam, kaum vorhanden, zur Wirkung. Es begann Zersetzung, Zersetzung der Gesellschaft in Rassen, Zersetzung der Gesellschaft in Herrenmenschen und minderwertiges Leben, Zersetzung der Gesellschaft in Führer und zu Führende. Der Vogelschiss nagte an der Gesellschaft, ja erklärte ihr selbst den Kriegt durch Krieg, in dem er Millionen Deutscher vernichtete und noch mehr Millionen anderer Völker. Der Vogelschiss scheint, wie Vogelschiss eben, manchmal schon verschwunden zu sein. An seinen Wirkungen ist er jedoch erkennbar – mit fatalen Folgen.
Herr Gauland hat mit seiner Vergleichssuche für Adolf Hitler und die Zeit seines Nationalsozialismus kräftig in den Hundekot oder vergleichbare Exkremente gegriffen. Der „Vogelschiss“ hat tatsächlich gearbeitet, die Gesellschaft zersetzt, noch immer nicht getilgte Spuren hinterlassen. Zu viele noch meinen, auf diesen Spuren fänden sich die Wege in die deutsche Zukunft. Zu viele sondern immer noch Vogelschiss ab. „Menschen seid wachsam!“ (Julius Fucik, ermordet in Berlin Plötzensee am 8. September vor 76 Jahren; er hatte uns lieb.)

(Geschrieben fü Links, September 2019, 25.08.2019)

„Wir lagen vor Lampedusa …

29. Juni 2019
von Peter Porsch

… und hatten 40 Migranten an Bord.“ Brechts Lied, in dem das Schiff vor Madagaskar lag, kann man danach unverändert weitersingen (Text gibt es im Internet). Ob Migranten oder von der Pest bedrohte Matrosen, ihr Schicksal ist ähnlich bis fast gleich. Keiner kümmert sich um sie, bis sie verrecken.
Mich erinnert die Geschichte der Migranten auf der „Sea-Watch 3“ und die Courage der Kapitänin Rackete an eine Geschichte aus meiner Kindheit, die plötzlich neue Dimensionen bekommt, für mich bis vor Kurzem noch nicht vorstellbare. Die Fassade unseres Hauses, ein altes Mehrfamilienhaus aus dem 19. Jahrhundert, sollte restauriert werden. Dazu wurde ein Gerüst aufgestellt. Es war schon später Nachmittag, denn meine Mutter war schon von der Arbeit zu Hause, da arbeiteten die Gerüstbauer immer noch. Plötzlich klopfte es an eines unserer Wohnzimmerfenster im 2. Stock. Wir erschraken kurz, dann öffnete meine Mutter das Fenster. Draußen hing, mehr als er stand, ein Gerüster, einen halben Fuß auf dem Fenstersims und mit halber Hand am Fensterkreuz festgekrallt. „Könnten Sie mich reinlassen?“ Das war seine verzweifelte Frage. Irgendetwas war wohl schief gelaufen. Danach war aber nicht zu fragen. Meine Mutter hielt ihm ihre Hand hin, machte den Platz frei und der Mann sprang erleichtert in unsere Wohnung. Wäre es da angemessen gewesen, erst zu klären, ob das nicht vielleicht Hausfriedensbruch hätte sein können? Hätte man dafür nicht erst einen Anwalt holen sollen? War auch nicht zu befürchten, dass der etwas verstaubte Mann Schmutz und Unruhe in unsere ohnehin zu kleine Wohnung bringen könnte? Sind wir ehrlich, solche Überlegungen klingen nicht nur etwas verrückt, sie wären rechtlich auch nicht abgedeckt gewesen, noch dazu wegen der damit verbundenen möglichen Verzögerung, die schlimme Folgen hätte haben können. Unterlassene Hilfeleistung! Meine Mutter wäre straffällig geworden, hätte sie nich sofort geholfen. Hat sie ja auch.
Und nun zurück zur „Sea-Watch 3“ und zur Kapitänin: Sie und viele andere wussten, dass sich im Mittelmeer fürchterliche Tragödien abspielen. Menschen aus Afrika sind bereit, viel, ja alles zu riskieren, um ihrer materiellen Not, um der Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit, um einer oft massiven Einschränkung ihrer Rechte, um der brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und dem Raub ihrer Lebensgrundlagen zu entgehen. Sie wagten eine in ihrem Verlauf nicht vorherzusehende Flucht – natürlich auch in der Hoffnung auf Hilfe und auf Begegnungen mit Mitmenschlichkeit. Eine solche war das Schiff mit Kapitänin Rackete, finanziert eben von Mit-Menschen. Die Alternative zu ihrer Hilfe wäre das Ertrinken im Mittelmeer gewesen oder das Verhungern, Verdursten und Verdorren auf dem Schiff, wenn es nicht anlanden darf. Die Gefahr war real. Es sind nicht alle Menschen Mit-Menschen. Herr Salvini, der italienische Innenminister zum Beispiel nicht. Ihn stört nicht, dass von 2014 bis 2018 auf der Flucht durch das Mittelmeer 1.600 Kinder den Tod fanden, andere Politiker*innen übrigens auch nicht. Sie setzen nur Bürokratie in Gang und wollen die Toten, um andere von der Flucht abzuschrecken. 1.900 Tote an der Grenze zwischen Mexiko und den USA in den letzten fünf Jahren sollen ja auch Herrn Trump nützen. Er hat einen Grund, deshalb „aus Erwägungen der Menschlichkeit“ eine Mauer zu bauen. Mauern sind unpraktisch, das wissen wir, aus der DDR kommend, sehr gut. Das Mittelmeer ist praktischer. Das Mittelmeer braucht keine Mauerschützen. Es tötet mit naturgesetzlicher Gewissheit. Außer Seeleute wie Frau Rackete und hinter ihnen stehende Menschen greifen in den „natürlichen Prozess“, dem man Flüchtlinge überlassen will, mit helfender Hand tatkräftig ein. Und deshalb passiert jetzt etwas Unglaubliches in der langen Rechtsgeschichte und Unerhörtes seit Beginn der „Christlichen Seefahrt“. Man klagt die Lebensretter an. Man klagt sie an, das Leben von Menschen höher eingeordnet zu haben als das Papier, auf dem die Gesetze stehen. Man verhaftet sie und liquidiert damit die Mitmenschlichkeit. Verrecken lassen ist rechtskonform, Rettung ein Verbrechen. Und worum geht es? Es geht um die Unversehrtheit eines europäischen Wohlstandes, den immer weniger genießen können; nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen der Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und immer mehr Bedürftige. Mögen das alle bedenken, die ihre Ferien noch im sonnigen Süden Europas verbringen.

(Geschrieben für Links, Juli/August 2019, 29.06.2019″

Der Morgen danach

27. Mai 2019
von Peter Porsch

Die Nacht war lang. Der Schlaf war unruhig. Europa war nach rechts gerückt. Deutschland war grün geworden, Europa ebenso, aber alles auch brauner. Zeitig begrüßte mich der Morgen mit dem vorläufigen Wahlergebnis in Leipzig – für die Europawahl und für die Kommunalwahl. Der Unterschied zwischen den beiden Wahlergebnissen konnte nicht größer sein und nicht symptomatischer für die Situation unserer Partei: Im Stadtrat sollte DIE LINKE stärkste Partei werden, die Grünen auf dem zweiten Platz, dann die CDU und die AfD erst Vierter.
Mag sein, es hat sich noch etwas geändert. Der Unterschied zum Ergebnis der Wahl zum Europaparlament war deutlich und ist es sicher auch geblieben: Diese Wahl gewannen in Leipzig die GRÜNEN vor CDU und AfD. Für DIE LINKE blieb hier nur der vierte Platz. Ich tippte meine erste Reaktion unter diese Wahlergebnisse in facebook. „Für die ‚großen‘ Fragen sind offenbar andere zuständig, wir sollen die vielen ‚kleinen‘ Sorgen, die in Summe den Alltag beschwerlich machen, lösen. Die Dinge hängen doch zusammen. Wie können wir das deutlich machen?“ Wir haben tapfer gekämpft und nichts von den Gemeinheiten ausgelassen, die uns der Kapitalismus so alltäglich beschert – wachsende Armut und wachsender Reichtum, Wohnungsnot, Bildungsnotstand, Pflegenotstand, abgehängter Osten, die Geschlechterfrage, Krieg und Frieden, damit verbundene Fluchtursachen und das für uns wichtige „Refugees welcome“ und noch und noch. Ich bin stolz darauf. Wir kennen die Welt und ihre Verästelungen bis in unseren Alltag. Hat es was gebracht? Für Europa im Bund und im Land herbe Verluste, in den Kommunen viel erfreuliche Gewinne. Die beiden Sieger für Europa haben etwas anders gemacht als wir: Sie haben die Vielfalt der Symptome beschwerlichen Lebens im Kapitalismus jeweils reduziert auf ein bis zwei Hauptthemen, denen dann alles andere zugeordnet wurde. Die GRÜNEN griffen die Klimakatastrophe auf, gingen damit auf die Wurzeln ihrer Partei zurück, waren dadurch authentisch und glaubwürdig und gewannen so vor allem massenhaft Jugendliche, die ja gerade das Thema auf der Straße eindrucksvoll thematisierten und als ihr herausgehobenes Zukunftsthema darstellten. Das war beneidenswert realpolitisch. Zur AfD ist nicht viel zu sagen. Sie und ihre Gesinnungsgenoss*innen überall spielten zumeist erfolgreich mit den Ängsten der Menschen, verbanden sie mit den Migrationsbewegungen und im Osten Deutschlands noch mit der realen und deshalb auch gefühlten Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen. Sie wurden Erste in Brandenburg und Sachsen. Die Warenkörbe der Volksparteien konnten dem nur wenig entgegensetzen. Der LINKE ging es nicht anders, wenn auch aus anderen Gründen und mit einem anderen „Warenkorb“; siehe oben. Offensichtlich haben Wählerinnen und Wähler den Zusammenhang unserer kritischen Vielfalt mit unserer kapitalismuskritischen Grundfrage nicht wahrgenommen. Oder sie haben vielleicht – besser als wir – den Charakter von Wahlen in parlamentarischen Systemen begriffen. Da geht es nämlich nicht so sehr um Grundsätzliches, sondern um die nächsten vier oder fünf Jahre. Da greift man auf, was einem unter den Nägeln brennt und verändert werden muss; ob im ökonomischen und politischen System oder gegen dieses System. Lothar Bisky hat einmal bemerkt, wir wären Systemopposition. Ja, das sollten wir sein und bleiben. Das alltägliche Leben zwingt uns dazu und liefert uns die Begründungen dafür. Rosa Luxemburg nennt die Kunst, Systemopposition und Alltag zu verbinden, „revolutionäre Realpolitik“. Das ist die Kunst, die wir beherrschen müssen.

(geschrieben für Links, Juni 2019, 27. Mai 2019)