Skip to content

Die Geschichte von der Geschichte

9. November 2014
von Peter Porsch

Manchmal dümpelt Geschichte vor sich hin, über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende oder wenigstens 40 Jahre, und manchmal legt sie ein Tempo vor, dass Du mit dem Moped nicht hinterher kommst. Da verlässt man z.B. am Montagabend der Herbstmessewoche 1989 das Uni-Hochhaus in Leipzig gegen Sechs und bis nach Hause ist schon alles anders.
Es war noch ein lauer Frühherbsttag. Dennoch war es geraten, für die Fahrt abends mit dem Moped bereits eine Jacke über dem Jackett zu tragen. Fahrtwind ist selbst bei nur 50 km/h etwas Kaltes und Unangenehmes, wenn die Luft sich in die Gegend der 10-Grad-Marke abkühlt. Auf dem Jackett unter der Jacke, links am Revers steckte das Parteiabzeichen. Das wärmte nicht, auch wenn es gleich bis auf die Haut brennen sollte. „Genossen! Für dieses Abzeichen sind Menschen in den Tod gegangen“ tönte vor nicht all zu langer Zeit der Kreissekretär jenen entgegen, die auch in der Parteiversammlung kein solches Abzeichen sehen ließen. Da waren schon zu viele in der Partei, weil halt eine Hand die andere wäscht. Das musste man nicht auch noch vor sich hertragen mit den verschlungenen Händen auf dem kleinen ovalen Ansteckmedaillon. Ich trug es jedoch und war der Meinung, meine Hände wären sauber ohne anderer Hände Zutun. Nur, was einer meint, was wirklich der Fall ist und was andere so denken, das sind dreierlei Dinge. Da ist es manchmal gut, wenn die drei Dinge schon aufeinander treffen sollten, dass man nicht gleich erkennt, dass da einer ist, den man es ausbaden lassen könnte. Denn kaum rechts abgebogen aus der Goethestraße war ich plötzlich eingekeilt und zum Anhalten gezwungen. Eine bewegte Menschenmenge, kam von mehreren Seiten auf mich zu, rannte an mir vorbei, wollte hin zum Bahnhof. Der Motor lief. Das war wahrnehmbar. Das Abzeichen nicht. Es steckte nicht mehr nur so, sondern jetzt muss man sagen zum Glück oder gar Gott sei Dank, unsichtbar unter der Jacke. Wer weiß, was es in diesem Moment anzurichten imstande gewesen wäre. Die Montagsbeter waren ausgerissen. Nicht gleich bis zum Ziel ihrer Träume, dem Westen, aber doch aus der Absperrung um die Kirche, hinaus in die Stadt, hin zum Bahnhof eben. Das waren keine Freunde derer, die das Abzeichen trugen. Und je weiter sie rannten, desto mehr rannten mit ihnen. Es ging eben los, worauf schon viele gewartet hatten. Das Signal dafür war nicht vereinbart und funktionierte doch wie die Muttersprache, die für jeden Menschen plötzlich da ist und zuvor keiner Absprache bedarf.
Der Motor lief und die Menschen liefen. Das vertrug sich irgendwie nicht: „Komm, mach aus. Das dauert jetzt etwas länger“, meinte jovial ein Vorbeieilender zufrieden schmunzelnd und drückte dabei jenen Hebel an meinem Moped, der den Motor zum Verstummen brachte. Und zu Ende war mit dem abgewürgten Motor, was zuvor für dauerhaft gehalten war. Es war mir plötzlich im ganzen Körper spürbar, dass ab jetzt nichts mehr so bleiben konnte, wie es war und lange genug gedauert hatte.
Die Fahrt konnte ich ziemlich bald fortsetzen. Es waren alle im Bahnhof untergekommen. Da drinnen brodelte es. Die Straße war wieder frei – jedenfalls für ein Moped. Im Rosenthal wurde es ein holprig-ängstlicher Ritt durch das Dunkel des Parks und der kommenden Geschichte. Mein Scheinwerfer und die Straßenlichter ließen nicht viel nach vorne erkennen. Meine Gedanken auch nicht. Ich sah den Erlkönig, und trug mich selbst durch die Nacht und den Fahrtwind. Die Hoffnung, mit mir selbst im Arm lebendig anzukommen, war dem Ritt mit dem Moped und der eben begonnenen Reise in eine in einer kurzen halben Stunde mit Gewissheit schon ungewiss gewordenen Zukunft gemeinsam. Es ist alles vorbei und es wird alles anders und wir wissen nicht, was aus uns wird. Das war die Nachricht, die ich am Ende dieses Tages einer noch ahnungslosen Frau und einem nichts ahnenden Kind nach Hause brachte. Dass sich die Ereignisse in den nächsten beiden Monaten überstürzen würden, war noch nicht vorstellbar, auch nicht der neue Anfang, schon gar nicht der lange Weg bis heute.
(geschrieben für Links, November 2014, 28.09.2014)

“Der Worte sind genug gewechselt …”

5. Oktober 2014
von Peter Porsch

„… lasst mich auch endlich Taten sehen.“ So beendet der Schauspieldirektor im „Vorspiel auf dem Theater“ den Streit mit dem Dichter. „Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, und keinen Tag soll man verpassen … Das Mögliche soll der Entschluss beherzt sogleich beim Schopfe fassen.“ Das bringt bei Goethe Faust auf die Bühne. Der fordert die Welt heraus, indem er sich mit dem Teufel verbündet und seine Seele doch rettet, in der Gewissheit, einst „mit freiem Volk auf freiem Grund zu stehen.“
Vielleicht ist der Vergleich mit Faust zu hoch gegriffen, aber die Gedanken kamen mir dieser Tage. Bodo Ramelow! Mit wem lässt er sich ein, was will er erreichen und kann es klappen? Es geht eigentlich nur um ein Wort. Leserinnen und Leser, Genossinnen und Genossen mögen dem Germanisten verzeihen, wieder fällt mir Faust ein: „Im Anfang war das W o r t ! Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das W o r t so hoch unmöglich schätzen … Im Anfang war der S i n n … Ist es der S i n n, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die K r a f t ! Doch auch indem ich dieses niederschreibe, Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe. … Auf einmal seh ich Rat. … Im Anfang war die T a t .“ Das Wort ist heute „Unrechtsstaat“. Der Sinn ist umstritten. Das nimmt die Kraft und hemmt die Tat.
Es liegt am Wort! Was hat es damit für eine Bewandtnis? Was benennt es? Offensichtlich die Situation in der DDR als Ganzes. Dafür ist es aber ziemlich jung. In keinem der renommierten Deutschen Wörterbücher findet man es; auch nicht in den neuesten Auflagen. Einzig das „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“ verzeichnet das Wort zumindest seit der 4. Auflage 2001 und in allen danach. Dort wird es platziert als Gegenwort zu „Rechtsstaat“ und definiert als „Staat, in dem sich die Machthaber willkürlich über das Recht hinwegsetzen, in dem die Bürger staatlichen Übergriffen schutzlos preisgegeben sind.“ Solches soll für die DDR gelten. Dann allerdings erfasst das Wort „Unrechtsregime“ sehr viel besser die Verhältnisse. Seine Bedeutung wird im gleichen Wörterbuch mit „Regime, das sich willkürlich über das Recht hinwegsetzt, unter dem die Bürger staatlichen Übergriffen schutzlos preisgegeben sind“, festgelegt. Nun gut, kann man sagen, das eine war das Regime und das andere der Staat, in dem das Regime bis in seine letzten Verästelungen herrschte. Für die von Unrecht Betroffenen war dies einerlei. Ganz so einfach sollte man es sich aber nicht machen, denn der Staat DDR hatte ein Rechtssystem. Dieses unterschied sich von dem der Bundesrepublik, war jedoch vorhanden und anwendbar. Spitzfindigkeit, Wortklauberei und Haarspalterei möchte ich jetzt nicht weiter betreiben. Das Land hatte nämlich auch viele Menschen, die sich ehrlich um sein Wohlergehen, seine Entwicklung und seine Erst- und Einmaligkeit als Sozialismusversuch engagierten. Die trifft das Wort „Unrechtsregime“ in ihrer Ehre nicht. Bei „Unrechtsstaat“ scheint das offensichtlich anders zu sein. Vielleicht ist es Absicht einiger, denen man nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Vielleicht ist es aber auch nur Ungenauigkeit. Sei‘s drum! Es ist passiert. Ich gebe daher die Situation zu bedenken, in der das Wort verwendet wird. Es mussten ich und mit mir viele andere auch schon weit Schlimmeres an übler Nachrede ertragen als dieses Doofwort. Meinen Stolz und mein Wissen um meine Biographie konnte mir damit niemand nehmen. Jetzt geht es aber um etwas anderes: Wenn dieses Wort in der Präambel eines Koalitionsvertrages sichert, dass auch nur ein Lebensweg künftig lebenswerter wird, dann sollten wir es ertragen. Es geht nicht um unseren Stolz, sondern um die künftige Lebensqualität von sehr, sehr vielen Menschen. Ich komme deshalb zurück zu Faust. „…rase draußen Flut bis auf zum Rand … Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben.“ Man kann auch sagen: Der Partei DIE LINKE in Thüringen hat man ihr Wort geglaubt und ihr die Kraft gegeben zur Tat, die Zukunft zu gestalten. Da ist Solidarität gefragt. Es geht um die Karawane und nicht um jedes Gebell, das sie begleitet. Darin liegt der Sinn!

(geschrieben für LINKS Oktober 2014, 04.10.2014)

Spiel mir das Lied vom Tod!

24. September 2014
von Peter Porsch

Lassen wir einmal den allseits bekannten Film weg. Da geht es um Geld und späte Rache im Wilden Westen. Das soll nicht unsere Welt sein. Fragen wir aber, welches Lied das sein kann, das Lied vom Tod, kommen wir zu sehr verschiedenen Antworten. Es ist nicht immer ein trauriges Lied vom Abschied ohne Wiederkehr. Es ist nicht selten ein tröstliches Lied vom ewigen Leben. Dafür muss man freilich glauben. Es ist aber auch ein Lied, das Menschen erst in den Tod treibt. In allen Armeen dieser Welt werden solche Lieder gesungen und nicht nur dort. „Die Trommel ruft zum Kampfe“. Der Takt der Marschmusik treibt Soldaten voran ins Feld und in den Tod, den vorgeblichen Heldentod. „Soldatengrab ein Ehrengrab, kein bess‘res in der Welt“, ist dann der Abgesang, „Ich hatt‘ einen Kameraden“, wird zur letzten wehmütigen Feststellung.
Genug davon! Das fiel mir alles nur ein, weil es aktuell zwei Diskussionen gibt, die aus sehr unterschiedlichen Gründen mit dem Tod zu tun haben und die auf sehr verschiedene Weise mit dem Tod umgehen. In der einen Auseinandersetzung geht es um die so genannte „Sterbehilfe“. Es scheiden sich die Geister an der Frage, ob man einem todkranken Menschen die Schmerzen der letzten Tage und Stunden verkürzen darf, wenn er oder sie es wünscht oder so verfügt hat. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Gilt das auch für jene, deren Würde in den letzten Zügen durch völlige Hilflosigkeit und verlorene Kontrolle über alles Körperliche und Geistige verloren gegangen sein könnte? Ist dann der Tod nicht die Wiederherstellung der Menschenwürde? Ich will nicht behaupten, über gültige Antworten zu verfügen. Auch die Debatte will ich hier nicht weitertreiben. Gerade in Deutschland ist die Entscheidung immer wieder vom Wort „Euthanasie“ begleitet. Nicht ohne Grund: Der Tod war einst ein Meister aus Deutschland. Man darf es nicht vergessen! Suspekt sind mir freilich jene, die sich selbst zum befugten Bewahrer des Lebens im schmerzhaften und vielleicht würdelosen Tod erklären. Gehört der Tod zum Leben und wollen wir ein selbstbestimmtes Leben, sollte der selbstbestimmte Tod ein Teil davon sein.
Mit „selbstbestimmt“ bin ich jedoch bei der anderen Debatte gelandet. Unlängst meldete AFP: „Streit um Waffenexporte. Rüstungsindustrie droht Bundesregierung mit Abwanderung“. Was ist passiert? Wirtschaftsminister Gabriel von der SPD möchte doch tatsächlich Rüstungsexporte einschränken; nicht sehr, aber doch; nicht nach überall hin, aber vor allem nach Russland. Man hört also die Nachtigall trapsen. Russland ist jedoch ein guter Kunde, und es liegt ein ganzes Gefechtsübungszentrum im Wert von 135 Millionen Euro fertig verpackt auf 70 LKW zum Abtransport nach Russland bereit. Jetzt spielt die deutsche Rüstungsindustrie das weinerliche Lied vom Tod – vom Tod des Profits. In Wirklichkeit ist es ein dissonantes Lied von der verhinderten „Sterbehilfe“ im Namen des Geschäfts, von verhinderter Hilfe zu einem überhaupt nicht selbstbestimmten Tod. Frankreich, die USA oder die Schweiz würden doch schon warten, dass dort die Investitionen für Rüstung landen. Von dort könnte man auch die tödlichen High-Tech-Produkte leichter exportieren; wohin man will und wo sie Freund und Feind gleichermaßen brauchen. Der einheimische Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie steht allemal noch vor möglichen Skrupel, todbringende Rüstungsgüter zu verkaufen. Sei ein Soldatengrab auch hundert Mal ein Ehrengrab, so gehört es auch zur Ehre der deutschen Industrie jedem Kunden jede gewünschte Waffe zu liefern. An solcher „Ehre“ hatten Krieger aller Länder teil. Sie schickten sich gegenseitig mit deutschen Waffen ins Ehrengrab. Den Soldaten oder anderen Kollateraltoten wird es allerdings egal gewesen sein, woher die Geschosse stammten, die ihm oder ihr den Garaus machten. Da lohnt es vielleicht die Aufregung gar nicht? Und überhaupt! Wer spricht denn von Waffenexport und vom Lied vom Tod? Herr Pappberger, der die Drohungen ausspricht, ist Präsident des „Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie“. Das lässt die Sache in ganz anderem Licht erscheinen und hat mit fremdbestimmter Sterbehilfe nichts zu tun.

(geschrieben für Links Oktober 2014, 21.09.14)