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“Vom Pumpen lebt die ganze Welt”

20. Januar 2012
von Peter Porsch

Dies verkündete einst Erich Mühsam in seinem Gedicht „Erziehung“. Es ist der Rat des Vaters an den Sohn, sich zum eigenen Vorteil mit Pump durch die Welt gegenseitiger Ausbeutung zu schlagen. Wie so oft, steht dem eine andere Erkenntnis gegenüber: „Borgen bringt Sorgen.“ Die gilt jedoch üblicherweise nur für den Kleinen Mann und die Kleine Frau. Üblicherweise, denn die Zeit um Weihnachten hat ja wohl gezeigt, dass das Borgen auch ganz Großen Sorgen bringen kann – dem Bundespräsidenten gar – und nicht zu kleine. Obwohl, der hat doch nichts anderes getan, als andere auch. Er hat sich bei mehreren Angeboten das günstigste herausgesucht. Dass es nicht von einer Bank kam, sondern von Freunden, sollte zum Ausgangspunkt des Verhängnisses werden. Vorteilsnahme gewährt, statt Zinsen gezahlt, war der Vorwurf, der den ehemaligen Ministerpräsidenten aus dem höchsten Amt kippen sollte. In wessen Interesse? Wer weiß? „Die große Weltpresse, diese ungeheure Lügenküche … ist abhängig von allen Maklern der Welt, den Spekulanten, den internationalen Banken und von Geheimfonds, die man den Steuereinnahmen entnommen hat.“ Das schrieb Henri Barbusse 1920. Wer solcher Presse gar noch frech kommt, wird erledigt. Unbeholfenheit treibt das Hamsterrad. „Trotz der Widrigkeiten des Metiers“, sei die Presse „eine verteufelte Macht“, erkannte Emile Zola schon im 19. Jahrhundert. Wir wissen das, und wir werden es über Nacht nicht ändern. Ob es mit dem Bundespräsidenten den Falschen, den Unschuldigen traf, sei dahingestellt. Viel interessanter ist doch die Sache mit dem Kredit. Was warf man Herrn Wulff eigentlich vor? Er hat sich doch „marktwirtschaftlich“ verhalten, der Bundespräsident; nicht anders als gleich zu Jahresbeginn die Bundesregierung. Da erreichte uns doch eine unglaubliche Meldung zu einer Neuerung auf den Finanzmärkten, die bisher unvorstellbar war: Es gibt „Minuszinsen“. Das heißt im Klartext, Geldgeber zahlen an Deutschland Gebühren dafür, dass sich Deutschland bei Ihnen Geld leiht. Das hätte sich auch ein Erich Mühsam nicht träumen lassen. Die Wortbedeutungen von „Gläubiger“ und „Schuldner“ wechseln ihren Platz. Der bisherige Schuldner wird gegenüber dem Gläubiger anspruchsberechtigt. Mühsams „Glück ist auf Ruhm und Pump gestellt“, wird auf merkwürdige Weise wahr. Deutschland kann sein Glück nicht fassen und der Ruhm des soliden Gläubigers wächst ins Unermessliche. Das Elend vieler Staaten wird zum Glück Deutschlands. Es ist so, wie wenn Oma den Banken nicht traut und das Geld zunächst in ihren Strumpf und unters Kopfkissen tut. Aus Angst, dass es aber auch dort gestohlen werden könnte, geht sie nun doch zur Bank. Allerdings legt sie das Geld nicht an, sondern deponiert es im sicheren Schließfach. Dafür muss sie natürlich bezahlen. Deutschland, das große, gebührenpflichtige Schließfach für das Geld verunsicherter Anleger! Was früher Schulden waren, ist heute eine vermögensbildende „Sicherungsverwahrung“ für Geld. In Deutschland jedenfalls. Solches musste freilich erst herbeigeführt werden: vornehmlich durch Lohnverfall, Rentenklau und Sozialabbau im eigenen Land. Das machte es erst zum Exportweltmeister, andere jedoch zu Verschuldungsweltmeistern. Solches muss jetzt abgesichert werden: vornehmlich durch Spardiktate, die man anderen aufzwingt. „Borgen bringt Sorgen“, ereilte plötzlich Staaten und erst recht dort die Kleine Frau und den Kleinen Mann. Für sie wurde die Warnung des Polonius in Shakespeares Hamlet Wahrheit: „Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.“ Die „Rating-Agenturen“ tragen durch Herabstufung der Kreditwürdigkeit das Ihrige bei. Können und dürfen sich die meisten europäischen Länder Schulden nicht mehr leisten, was bleibt dann denen übrig, die auf dem Geld sitzen, als es in sicheren Lagern für bessere Zeiten aufzuheben? Natürlich kostet das was. Deutschland reitet munter auf dem Rücken der ausnahmsweise seinen Speichel leckenden Finanzhyänen durch die Welt, und es hat sich Erich Mühsams bittere Warnung dreist in süße Wirklichkeit gewendet: „Was andere schufen, nenne dein! Was andere haben, steck dir ein! Greif zu, greif zu! Gott wird‘s dir lohnen. Hoch wirst du ob der Menschheit throhnen!“ Und wenn alles in Scherben fällt …?

Geschrieben für “Links”, Februar 2012

Laudatio zum 10. Geburtstag “PDS JUGEND/junge LINKE/linksjugend sachsen”

12. Dezember 2011
von Peter Porsch

Hallo! Ihr alle hier, liebe Mitglieder, Sympathisantinnen und Sympathisanten der Linksjugend Sachsen, liebe Genossinnen und Genossen, hallo Jugendbrigade, hallo Jugendclique, liebe Repräsentanten und Repräsentantinnen eines nicht hingekriegten Generationenwechsels, sehr verehrte junge und nicht mehr ganz so junge Mitglieder von Vorständen der Partei die LINKE in Kommunen und auf Landes- und Bundesebene, Sprecherinnen und Sprecher, Koordinatorinnen und Koordinatoren für alles Mögliche, im Dienst und bereits wieder außer Dienst, geehrte junge und nicht mehr ganz so junge Mitglieder von Gemeinde- und Stadträten, Landtagen und des Bundestages und hallo deren jungen und nicht mehr ganz so jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, hallo allen SkateboardfahrerInnen, StudentInnen, HedonistInnen, ComputerspielerInnen und LangschläferInnen usw. und so fort …

So! „Aller Anfang ist schwer!“ Hoffentlich habe ich niemanden vergessen.
Ich wollte eigentlich mit der Anrede schon die 10 Jahre, die es hier zu feiern und schließlich noch mit einer laudatio zu bedenken gibt, umreißen. Die Anrede enthält Zitate von Benennungen für die Linksjugend unterschiedlicher Herkunft, solche, die bereits vor 10 Jahren auftauchten oder auch solche, die ganz aktuell sind, wenn ich an den „nicht hingekriegten Generationenwechsel“ denke. Ich zitiere, nenne aber die Quellen nicht, was mir bitte nachgesehen wird. Der letzte Bundesparteitag der Partei die LINKE und auch der letzte Landesparteitag in Sachsen haben eine Harmonie in der Partei bewirkt und konstatiert, die solche Zitate nur mehr zu Erinnerungsstücken machen. Als Waffen taugen sie nicht mehr und sie sollten für immer in den Waffenkammern rosten.

Die Anrede zeugt davon, wie „heiß umfehdet, wild umstritten“ (das ist ein Zitat aus der österreichischen Bundeshymne und aus meinem Abituraufsatz) die Sache begann und wo sie endete. Nun, als 68er kann ich nur sagen: Es begann als Marsch junger Leute durch die Institutionen, rüttelte und wummerte damals mächtig an deren Toren, verbreitete Angst im Inneren und quittiert nach bereits zehn Jahren über Erfolge, die ich ja in der Anrede auch zum Ausdruck gebracht habe. Wichtige Positionen sind besetzt! Eine erste Frage wäre freilich schon, ist die jeweilige Institution besetzt und deshalb veränderbar oder gar schon verändert oder sind es nur Posten? Eine zweite Frage schließt sich mir als ständiger Widerspruchssucher an: Was hat die Institution unter Umständen an den Besetzerinnen und Besetzern verändert? Es sollen ja schon welche in Turnschuhen ihren Marsch durch die Institutionen angetreten haben und am Ende im Smoking rausgekommen sein. Und die dritte Frage ist ganz unabhängig von den Institutionen, durch die Ihr gerade marschiert: Was wird im Laufe der Jahre aus Menschen, die als Jugendbrigade antreten, als Jugendclique Furcht verbreiten und doch den Zeiten nicht entgehen können, Zeiten, die sich bekanntlich ändern und wir uns mit ihnen?

Drei Fragen, deren Beantwortung heute nicht gelingen wird. Die Zeit reicht nicht einmal für eine halbe und außerdem auch nicht der Anlass. Nehmt die Fragen einfach mit. Beantwortet sie Euch bald oder in zwanzig Jahren. Beantwortet sie Euch aber besser selbst, bevor es die nächste Generation macht. Gestattet mir daher ein bisschen Philosophie über die dritte Frage. Und gestattet mir dabei Volksweisheiten und kluge Sentenzen kluger Leute aufzugreifen. Denn alles, was in Sprichwortnähe kommt oder Sprichwort wird, ist bewährtes Wissen und es ist zugleich so widersprüchlich wie die ganze Welt und ihre Geschichte.

Warum war bei manchen und mancher die Angst so groß und die Abwehr so heftig gegen junge Menschen, die mitmachen wollten und Verantwortung tragen, die ihre und der Gesellschaft Zukunft nicht nur den Älteren überlassen wollten; die nicht nur Kampfreserve sein wollten wie weiland die FDJ, sondern Kampfressource – von Anfang an? „Früh krümmt sich doch, was ein Häkchen werden will“ und „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Und „learning by doing“ ist doch nicht falsch. Welche Angst war das, die dem entgegenschlug? War es die Angst um die Welt oder die Angst um eigenen Bedeutungsverlust? Meine Güte! Ich will über niemanden schlecht reden, auch Ängste akzeptieren. Ansprüche haben aber das gleiche Recht akzeptiert zu werden und, dass man nicht schlecht über sie redet.

Die Älteren haben es leichter. Schon der Volksmund ist auf ihrer Seite: „Jugend hat keine Tugend“ tönt es aus diesem und schon ist die Sache erledigt. Welcher Mund ist aber der Volksmund? In diesem Fall wohl am ehesten der Mund jener, die als Generation der „heutigen Jugend“, wie man so schön sagt, unmittelbar vorausgingen. Die Jugend selbst (was auch immer das sein mag) wird es wohl nicht sagen. Die sagt höchstens „Jugend braucht keine Tugend“! Und die richtig Alten sind eher auf Seiten der richtig Jungen. Die tun ihnen ja nichts mehr, könnten aber als Rächerinnen und Rächer an jener Generation herhalten, die sie, die richtig Alten, einst ebenso verdrängte. Und darum verteidigen sie die Jugend mit ihren Ansprüchen und unterstützen sie. So sind eben die Großeltern zu den Enkelkindern. Jedenfalls manche. Und Theodor Fontane gar, der ja erst im Alter zu schreiben begann, meint: „Jugend hat keine Tugend ist falsch, wie fast alle Sprichwörter; wenn wer noch Tugend hat, so ist‘s eben die Jugend.“

Der hat möglicherweise recht, der alte Fontane, jedenfalls nicht völlig unrecht. Deshalb – und jetzt kommt wieder eine Volksweisheit – deshalb „leiden junge Leute weniger unter eigenen Fehlern als unter der Weisheit der Alten.“ Fast hämisch könnte man jetzt hinzufügen, was einst der im 18. Jahrhundert wirkende irische Staatsmann, Politologe und Philosoph Edmund Burke sagte: „Die Arroganz des Alters muss sich damit abfinden, von der Jugend zu lernen.“

Nun will ich heute nicht den Generationenkonflikt schüren und vielleicht gar endgültig zu Gunsten der Jugend entscheiden. Manche mögen jetzt mein Zurückweichen für die glatte Freundlichkeit eines Wiener Kaffeehauskellners halten. Ihr habt mich ja einmal in diese Rolle gesteckt; zum Landesjugendtag in Weißwasser. Ich weiche nicht zurück, aber ich habe gelernt, zu „leben in Widersprüchen und Bewegung“. Darum wieder eine Volksweisheit: „Man soll die alten Leute nicht auslachen, man will auch einmal alt werden.“ Die Alten hinwiederum sollten sich merken, dass „wie sie einst sungen, so zwitschern auch die Jungen.“ Dieser Spruch muss aber von einem oder einer Alten erfunden worden sein, denn – der Volksmund lässt mich nicht los – „die Jugend nährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerungen“. In der Erinnerung verklärt sich dann das ehemalige Zwitschern zum Gesang und der Gesang der Jugend wird zum Zwitschern herabgestuft. Je nachdem, wie man geworden ist: „Das Alter ermangelt der Güte, wie das trockene Wetter des Taus“ verabsolutieren die Chinesen. „Das Alter verklärt oder versteinert“ sagt Marie von Ebner-Eschenbach. Die Eröffnung dieser Alternative ist mir sympathischer und sie steckt in jedem Alten drin. Da sind die mal so und mal so! Nehmt uns das nicht übel! Das ist die Dialektik des Lebens!

Richtig gefährlich ist etwas anderes in einer chinesischen Weisheit Fixiertes: „Sind die Alten nicht aufrichtig, so lehren sie die Jungen Schurken zu werden.“ Wollt Ihr also nicht Schurkin oder Schurke werden, folgere ich, müsst Ihr die Alten zur Aufrichtigkeit zwingen.

Manchmal denke ich, es waren die Altvorderen doch klüger als die Altjetzigen. Zehn Jahre Linksjugend Sachsen. Ist da jemand, der sich vielleicht nach den Jahren korrigiert und sagt: „Die Jugend ist der großartigste, der beweglichste Teil der Menschheit“? Dies verkündete der sowjetische Politiker Michail Iwanowitsch Kalinin nämlich in seiner Rede auf der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Komsomol. Nachzulesen ist das unter anderem in dem Buch „Über Erziehung zu kommunistischem Bewusstsein.“ Dieses Buch ist zuletzt in Berlin, damals Ost, 1977 erschienen. Die meisten von jenen, die Angst vor der Jugendbrigade hatten, waren 1977 schon alt genug, um Kalinins Rede zu lesen und eigentlich auch angehalten dazu. Die Angst wäre möglicherweise in Optimismus umgeschlagen. Das trifft auch zu auf jene, die die Befürchtung in sich tragen – jetzt zitiere ich wieder – „dass das, was man über viele Jahre aufgebaut hat, nicht ausreichend von Nachfolgern gestaltet wird.“ Ob es ausreichend ist, werden die Nachfolger und natürlich auch die Nachfolgerinnen selbst erleben, dass es anders sein wird und sein muss, als man sich vielleicht vorstellen will, ist sicher. Deshalb übrigens zur Ehrenrettung des Zitierten. Er fügte seiner Befürchtung einen der weisesten Sätze hinzu, den ich je gehört habe: „Wenn es so wäre, kann ich es allerdings auch nicht ändern.“ Punktum, so ist es.

Nun habe ich Euch mit Volksmund, Weisheiten und Philosophie traktiert. Seht es mir nach. Obwohl man ja von einer laudatio eher erwartet, dass sie alles möglichst lobend anführt, was in den vergangenen und zu feiernden zehn Jahren so passiert ist. Ich glaube, das habt Ihr aber selbst schon gemacht, indem die meisten von Euch in Erinnerungen schwelgten, schwelgen und schwelgen werden. Längst wurden bei facebook die Fotos gesammelt und die Lieder, die ihr gesungen und nicht bloß gezwitschert habt, die Musik, die Euch begleitete. Lars Kleba hat mir alles aufgeschrieben, was da zu würdigen ist: Die Landesjugendtage, die Pfingstcamps, Fraktionsjugendtage, Jugendwahlprogramme, das erste 2004, die Jugendwahlkampftouren, der „neuroticker“ und selbst altvorderste Gründungsgenossen der ersten Jugendstruktur, wie z.B. Andre Hahn und die AG Junge GenossInnen mit ihren „kinder- und jugendpolitischen“ Forderungen. Lars hat mir aufgeschrieben, wer aller im Laufe der Jahre wofür kandidierte und das dann meist auch wurde. Ihr kennt die Namen besser und vollständiger als ich. Ich brauche sie deshalb nicht zu verlesen.

Wenn ich sage, dass KandidatInnen „meist auch wurden“, wofür sie kandidierten, so heißt das natürlich nicht, dass dies auch alles glatt, ohne Auseinandersetzung und immer von Anfang an richtig verlief. Die Wege waren oft verschlungen, nicht gleich nachvollziehbar oder in die Irre führend.

Als ich 1999 zum 2. Landesjugendtag als Landes- und Fraktionsvorsitzender ein Grußwort sprechen sollte, durfte und auch wollte, nahm ich meinen damals 13jährigen Sohn und den 14jährigen Enkel mit. Die beobachteten das Treiben, bis zu meiner Rede und noch ein Weilchen danach. Da wurde abgestimmt, beantragt, in Zweifel gezogen, erneut abgestimmt, abgestimmt, ob man denn überhaupt schon abgestimmt hätte, und was denn nun eigentlich usw. Als wir wieder draußen waren, sagte mein Sohn, der alles sehr interessiert verfolgt hatte: „Papa, angesichts dieses Erlebnisses, habe ich beschlossen, meine Jugend doch mit einem Studium zu überbrücken.“ Das hat er getan und nun schon fast bis zum Ende gebracht. Dafür bin ich dem 2. Landesjugendtag dankbar. Mit 16 ist er aber dennoch – ohne mein Wissen übrigens – in die PDS eingetreten, ist heute noch dabei, bei der LINKEn – im 10. Jahr also Mitglied – und zumindest bei den Pfingstcamps doch häufiger Teilnehmer. Man kann in dieser Partei machen, was man will, man wird wache Jugendliche nicht los. Möglicherweise auch gerade darum, weil man wirklich immer (na jedenfalls fast immer) machen kann, was man will. Manchmal habe ich das unterstützt – denkt an die erste Runde um die Freigabe aller Drogen und lest dazu im aktuellen „Links“. Manchmal gab‘s Stunk. Denkt an die Fußball-WM. Na und! Verboten habe ich nichts und konnte und wollte ich ja auch nicht. Und bei der Fußball-WM ging der heftige Streit sehr viel mehr um die vermisste Tugend bei der Durchsetzung der Aktion als um die Aktion selbst.

Eines aber, eines – lasst mich das sagen – eines habt Ihr immer richtig gemacht: Ihr standet immer ganz vorn und Ihr wart immer die ersten, wenn es gegen alte und neue Nazis ging, gegen Ausländerfeindlichkeit, gegen Rassismus. „Kein Fußbreit den Faschisten“, das ist Eure Volksweisheit, „Nazis raus aus den Köpfen“, ist Eure Kampflosung und beides ist so richtig und wichtig, wie es nur richtig und wichtig sein kann. Wer das in Zweifel gezogen hat, wer das abgetan hat, hat spätestens heute die Quittung. Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen und er gebiert immer wieder Verbrechen. Da kann und darf man Widerstand nicht kriminalisieren. Wer dies tut, macht sich mitschuldig! Lasst Euch in dieser Sache nicht beirren – nie!

Am 25.02.2005 meinte ein flotter Journalist in den DNN – wahrscheinlich im Auftrag – schreiben zu müssen: „Katja Kipping, mit 27 Jahren immerhin PDS-Bundesvize hinter Lothar Bisky, ist in Sachsen vollends ohne Profil. Außer flotten Sprüchen („kein Fußbreit den Faschisten“) hat der Jungstar seit Monaten nichts zu bieten … dieses miserable Erscheinungsbild hat viel mit Peter Porsch zu tun.“ Ehrlich, und wenn Katja bis heute nicht mehr zu bieten hätte als den einen Satz, „kein Fußbreit den Faschisten“, ich wäre stolz, wenn es mit mir sehr viel zu tun hätte.

Was die Erinnerungen und die Fotos betrifft, so konnte sogar ich ein Foto von mir beisteuern, das mich als ABC-Schützen in der ersten Volksschulklasse 1950 in Wien zeigt und dass Ihr einst dafür verwendet habt, auf den wachsenden Bildungsnotstand aufmerksam zu machen. Ach, war ich da lieb und brav und ebenmäßig schön. Und heute? Das ist der Zeiten und des Lebens Lauf. Ihr werdet davon nicht ausgenommen sein. Und manches an diesem 10. Jahrestag erinnert ja auch schon an ein Veteraninnen- und Veteranentreffen. „Traue keinem über 30“, war die 68er-Losung. Gut, ich habe das dann jedes Jahr und nunmehr schon seit 37 Jahren für mich heimlich um ein Jahr verlängert – natürlich als nur für mich gültig. Auf alle anderen über 30 trifft es zu. Nein – nicht wirklich, aber schon als Warnung!

Wenn sich einst hier Menschen zum 20. Gründungsjubiläum versammeln, so müssen die Jungen auch Neue sein, die Gründungsmenschen nur noch Ehrengäste. Menschen sind keine „Unechten Karettschildkröten“, die 50 Jahre benötigen, um die Geschlechtsreife zu erreichen. Denkt daran, Ihr habt einst eine Jugendquote beschlossen: Höchstalter für Landesjugendtage 27 Jahre, für Landtagsmandate 30 Jahre und für Bundestagsmandate 35 Jahre. Ich hoffe der Beschluss gilt noch und bleibt gültig! Alternde Gremien wie Kardinalskollegien oder Politbüros zeigen die Tendenz, solche Beschlüsse außer Kraft zu setzen.

Liebe Leute, eine letzte und sehr ernste Sentenz: „Keiner so alt, der nicht noch ein Jahr leben will, und keiner so jung, der nicht heute sterben kann.“ Darin steckt einzig und allein Wahrheit, schmerzliche und brutale Wahrheit. Es waren junge Leute vor 10 Jahren dabei, die sich engagierten, die Euch und uns weiter brachten und die dennoch heute nicht mehr hier sein können. Ich weiß von vier, deren Tod wir beklagen müssen: Anja Steglich, Erik Richter, Sascha Wagener und Stefan Grunwald.

Vergesst sie nicht, wenn Ihr heute tanzt.
…………………..
Danke dafür und danke für alles in diesen 10 Jahren!

Ein Gläschen in Ehren …

18. November 2011
von Peter Porsch

… kann niemand verwehren“, höre ich aus Volkes Mund. „Im Wein die Wahrheit“, auch
das weiß der Volksmund. Analog gilt das natürlich für all die anderen Drogen, die zu unserem Alltag gehören: „Bier her, Bier her oder ich fall‘ um!“ Und weil es auf Hawaii kein Bier gibt, fahren wir auch nicht hin. „Die Landschaft ist wie vom lieben Gott gekämmt“, lese ich in einer Zeitung über den Anblick von Weinbergen. „Schade, dass man den Wein nicht streicheln kann“, seufzte einst Kurt Tucholsky, und wer ein wahrer Deutscher ist, wünscht sich das Wasser des Rheines in goldenen Wein verwandelt und möchte so gerne ein Fischlein sein. Bis das aber so weit ist, trinken national gesinnte deutsche Studenten Bier – oft mehr als sie vertragen. Da steppt der Bär beim Kommers, wenn die Füchse voll sind und durch Trinksprüche angestachelt zum dritten Mal kotzen, kultiviert natürlich; denn auf der Toilette gibt es ein eigenes Kotzbecken, groß genug, dass nichts danebengeht, und auch in der richtigen Höhe angebracht. Es macht einen eigenenTon, wenn es benutzt wird. Deshalb heißt der Vorgang bei manchen auch „Ulfrufen“. Das ist alles ein Heidenspaß. Mit Drogen hat es nichts zu tun. Die verachtet man, zumal die Linken diese jetzt auch noch freigeben wollen. „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“, das ist natürlich Spaß. Der Drogentote auf der öffentlichen Toilette nicht. Nein, ist er auch nicht, aber genau so wenig wie die Schnapsleiche. Neben dem „Gläschen in Ehren…“, wissen wir freilich auch, dass „wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Sorgen drängen wohl öfter zur Droge als das Gläschen in Ehren. Missbrauch von Alkohol, Nikotin und Medikamenten kostet die Gesellschaft jährlich Milliarden von Euro, vornehmlich im Gesundheitswesen, illegale Drogen machen außerdem horrende Kosten bei der Polizei.
Es sind nicht zuletzt die Folgen ungelöster persönlicher Probleme, entstanden in einer Gesellschaft, die Wettbewerb vor Solidarität, Ellenbogen vor Mitmenschlichkeit stellt, die so auf die Gesellschaft zurückfallen. Käme aber deshalb jemand auf die Idee, die Weinberge zu bombardieren, wie man es für die Mohnfelder in Burma immer wieder vorschlägt? Wer wollte schon den von Gott gekämmten Scheitel zerstören! Käme jemand auf die Idee, die Schnapsbrennereien, Pharmafabriken und Brauereien zu stürmen? Ist der Winzer, ist der Braumeister schuld am Alkoholkranken? Da spricht
man dann doch eher von der Freiheit und Verantwortung des Einzelnen und stellt diese zwischen den Trinker und den Erzeuger und die Entziehungsanstalt. Freilich können sich Freiheit und Verantwortung im Falle der Not so sehr nicht mehr entfalten, weshalb es auch
niemandem erlaubt sein kann, Verzweiflungstaten von Menschen in Not, sei es Drogenmissbrauch oder Suizid, dem freien Willen zuzuordnen. Solche Menschen brauchen nichts als unsere Hilfe. Jede Kultur hat ihre Drogen, eigene und aus anderen Kulturen übernommene. Der Wein, im Alten Testament als Lebenswasser
gepriesen, kam über die Römer zu uns. Kaffee und Tabak kommen aus Amerika, genauso wie die Kartoffel, der Grundstoff für Wodka. Zuerst verpönt, dann kultiviert! Jede Kultur hat ihre Drogen und ihre Drogenprobleme. Letztere kann man nicht ernst genug nehmen. Ihre Ursachen liegen aber nicht vordergründig in den Drogen. Deshalb reicht es überhaupt nicht, Drogen in gute und schlechte einzuteilen. Es gibt nicht gute und schlechte Drogen. Es gibt nur – sagen wir einmal vorsichtig – etwas weichere, wie Bier oder Cannabis, und deutlich härtere, wie Schnaps oder Heroin. Es gibt in der Kultur angekommene, wie bei uns Wein oder Tabak, und solche, die noch an die Tür der Kultur klopfen. Deshalb ist der Umgang mit Drogen zu lernen und zu kontrollieren wie der Umgang mit Streichhölzern und mit Automobilen. Darin liegt unsere Verantwortung. Verbote und Kriminalisierung von Erwerb und Besitz sind da zu einfache Lösungen und der Aufkleber „Rauchen kann tödlich sein“ auf der frei verkauften Zigarettenpackung ist merkantiler Zynismus pur.

Geschrieben für “Links”, Dezember 2011