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Akademikerball: Josef S. geht in Berufung

25. Juli 2014
von Peter Porsch

Szene bei einem Wiener Heurigen:

A, B, C, (singen): …. ein Prosit der Gemütlichkeit …

A: Der Josef S. geht in Berufung? „Gut so – warum sollte er es nicht probieren, wenn es Kinderschänder, Finanzamtsbetrüger und andere Verbrecher auch probieren.“

B: „Ich würde lachen wenn das gegenderte Milchbubi dann noch mehr Strafe bekommt.“

C: „ Kommt nach Österreich um zu randalieren und wird von SPÖ und GRÜNEN in Schutz genommen? Unsere Regierung sollte man mit dem Typen sofort aus dem Land werfen!“

A: „ Jetzt verursacht dieser Randalierer zusätzlich Kosten u. narrt die Republik. Das ist, wenn man zu lange zuschaut – und das haben diese Roten und Grünen in Wien, ausreichend geliefert.“

C: „Hätten ihn bei der Demo mit der Gummiwurst einen Scheitel gezogen wär schon längst Ruhe.“

A: „Unser lieber Josef, bettelt um eine höhere Strafe, nun, schauen wir mal was sich da noch ausgeht.“

C: „Bei solchen Typen müssen Exempel statuiert werden! Wo kommen wir da hin, wenn jeder Ausländer nach Belieben Randale auf unseren Straßen machen kann?“

B: „Vielleicht wird er zum Mistkübel aufstellen verdonnert, das kann er ja laut seiner Aussage schon.“

D (mischt sich ein): „Die Staatsanwaltschaft hat aber keine Rechtsmittel ergriffen, also kann die Strafe nicht höher werden. Ihr habt wohl keine Ahnung. Da die Polizei unfähig ist wirkliche Randalierer zu fangen müssen sie sich mit jemanden begnügen der anscheinend nichts anderes getan hat, als sein demokratisches Recht wahrzunehmen zu demonstrieren. Ich hoffe der Josef S. geht den Weg bis zum Gericht in Straßburg, das Urteil ist eine Farce. Die die wirklich randaliert haben gehören hinter Gittern aber doch nicht der.“

A: „Kein Pardon für Randalierer – Zuerst Steine fliegen lassen, Auslagen einschlagen, PKWs zerstören – und dann war es keiner – alle unschuldig – haahh.“

C: „Als Eltern würde ich mich schämen für so ein Gfraßt.“

D: „Ich möchte die hier keifende Meute mal sehen, wenn sie selbst trotz Mangels an Beweisen und einer möglicherweise befangenen Anwalts- und Richterschaft verurteilt werden würde. Ob man dann die Klappe noch soweit aufreißen würde?“

A: „Allen, die jetzt zu dem ,Herrn‘ Josef halten sei gesagt, es hat ihn niemand eingeladen von Jena nach Wien zu düsen und Krawall zu machen.“

B: „Wieso stehen diesem Knilch gleich zwei Anwälte zur Verfügung und wer bezahlt sie ? Wenn hier nicht endlich dem Gesetz genüge getan wird, müssen künftig diese “Berufsrandalierer” es ja nahezu als Aufforderung zu Gewaltakten und Zerstörung ansehen weil ihnen ja ohnedies nichts passiert !“

A: „Da sprechen einige Grüne sogar davon, Landfriedensbruch abschaffen zu wollen!“

C: „Bei der nächsten Krawalldemo einfach Gummiwürste raus und ordentlich drauf auf die hohlen Birnen, dann erspart man sich sowas weil man auf die zusätzliche Bestrafung verzichten kann wenn ein paar Tage der Schädel brummt.“

B: „Eine Schande, dass eigentlich viel zu wenige von diesen Chaoten (Spucken, Kratzen, Vandalen usw. auch Politiker sind dabei), angeklagt werden. Wir Steuerzahler dürfen den Schaden bezahlen. Wann wird endlich durchgegriffen und Politiker, die diese Angehauchten unterstützen zum Teufel gejagt?“

C: „Das Demokratieverständnis der mitteleuropäischen linken Szene ist erschreckend schlecht ausgebildet bis gar nicht vorhanden.“

A: Nun „wird sich zeigen,was der Rechtsstaat in Österreich wert ist.“

A, B, C (im Chor): „Also wie bei uns mit harmlosen Touristen umgegangen wird . . . .“

(Die Szene ist frei erfunden ebenso wie die Verteilung auf die Sprecher. Alle Zitate unter Anführungsstrichen sind Kommentare verschiedener Personen zu einem Artikel unter dem gleichen Titel in www.krone.at vom 24. Juli 2014.)

Wenn Genscher sieht, was Du nicht siehst …!

25. Juni 2014
von Peter Porsch

Alle kennen das Spiel: „Ich seh‘, ich seh‘, was Du nicht siehst und das ist …“ Ein ehrliches Spiel, muss man doch am Ende den Gegenstand nennen, der die gefragte Farbe hat. Eine gar nicht so ehrliche Abart dieses Spiels findet sich im ebenso bekannten und oft strapazierten Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Alle, die nicht dumm sein oder es vermeiden wollten, ihr Amt zu verlieren, erblickten und lobten die gar nicht vorhandenen Kleider des Kaisers. „Sie sahen, sie sahen“ bunt gemustert, was nicht wirklich existierte. Erst ein Kind deckte den Schwindel auf. Der Kaiser aber „… er dachte bei sich: ,Nun muss ich aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.“ Kann man so einfältig sein? Oder waren der Kaiser und die Kammerherren besonders schlau? Märchen verallgemeinern in einer schönen und lehrhaften Geschichte, was die Wirklichkeit immer wieder konkret, brutal und gar nicht so schön bietet. Weil im Krieg zum Beispiel die Wahrheit immer zuerst stirbt, ist es gang und gäbe, den Kriegsgrund in Wahrnehmungen zu suchen, die Wirklichkeit nur vortäuschen. Ich seh‘, ich seh‘, was Du nicht siehst, und das sind – Polen, die den Sender Gleiwitz überfallen, nordvietnamesische Schnellboote, die zwei US-amerikanische Zerstörer im Golf von Tonking angreifen, irakische Massenvernichtungswaffen usw. Gesehen hat es niemand, so getan, als ob, haben viele: Politiker, Feldherren, Diplomaten, Journalisten, einfache Leute. Sie trugen die Schleppe, die gar nicht da war, und es begannen der 2. Weltkrieg, der Vietnamkrieg, der Irakkrieg. Die Liste ist wohl beliebig verlängerbar.
Aber was hat das alles mit Genscher zu tun, dem unumstrittenen Helden von Prag? Dort war ihm keine Täuschung nachzusagen. Wohl aber der Führung der DDR, die die Welt wider alle Fakten sehen lassen wollte, dass die Leute legal über Dresden aus der DDR ausreisten. Diese Führung stand bald nackt da. Zu Genscher, dem späteren Chodorkowski-Befreier, müssen wir dennoch zurück, denn da gibt es noch eine andere Geschichte. Sie trug sich 1977 in Argentinien zu und zwischen Argentinien und Deutschland. Im Jahre 1976 war in dem südamerikanischen Land eine Junta von Generälen an die Macht gekommen. Sie legitimierten ihren Putsch mit einem Kampf gegen Terroristen. Solche gab es dort zwar kaum, aber die Welt und das Volk sollten sie sehen. Denn wer sie nicht sah, war entweder dumm oder für Geschäfte mit Argentinien nicht geeignet. Beweise sollten beigebracht werden. Dafür taugten europäische Studentinnen und Studenten vorzüglich. Es war die Revolte der 68er noch in guter Erinnerung, und es verbreitete gerade die RAF in Deutschland mit ihrem Terror Angst und Schrecken. Wer aus Europa zu dieser Zeit in Argentinien studierte, war hoch gefährdet, der Junta „neue Terroristen“ abzugeben, zumal wenn man sich gegen Unterdrückung wandte oder sich gar früher im Umfeld von Rudi Dutschke bewegt hatte. Die Deutsche Elisabeth Käsemann, eine junge Frau, war eine von ihnen. Sie wurde verhaftet, gefoltert, vergewaltigt, unter der Hand aber der Bundesrepublik auch zum Freikauf angeboten. Die deutschen Verantwortlichen taten jedoch so, als sähen sie nur die vorgebliche Terroristin. Andere Länder verhielten sich anders. Dem deutschen Außenminister – es war Herr Genscher –, seinem Botschafter – einem Herren Kastl – und auch dem Präsidenten des Deutschen Fußballbundes – Herrn Neuberger – war das Schicksal von Frau Käsemann, wie es aussieht, egal. Sie wollten doch geschäftsfähig bleiben, ein Freundschaftsspiel der Nationalmannschaften und die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft nicht gefährden. Jegliche Intervention schlug man aus. Elisabeth Käsemann wurde bei einem fingierten Kampf gemeinsam mit 15 anderen Gefangenen erschossen. Getroffen im Genick und Rücken. Das war 1977 (!). Die ARD berichtete am 05. Juni 2014 (!) zu später Nacht ausführlich. Klaus von Dohnanyi und Hildegard Hamm-Brücher gehörten einst auch zu den Schleppenträgern von Genscher. Er meinte nun, „man hätte etwas tun müssen“. Ihr war damals „schon ein wenig mulmig.“

(Geschrieben für Links Juli/August 2014, 24.06.14)

Warum und zu welchem Ende entführt man Europa?

24. Mai 2014
von Peter Porsch

Diese Glosse schreibe ich eine Woche vor der Wahl zum Europäischen Parlament. Da kann man die Antwort auf die Frage natürlich für offen erklären. Dann muss man aber auch daran glauben, dass dieses Europäische Parlament wirklich über das Schicksal Europas entscheiden kann. Wenn die Glosse in “Links” erscheint, ist die Wahl gelaufen. Auf die Frage zu antworten wird deshalb nicht einfacher geworden sein.
Die älteste Antwort findet sich in der griechischen Mythologie. „Europa“ war eine phönizische Königstochter, auf die Zeus eine Auge geworfen hatte. In Gestalt eines Stiers entführt er sie schwimmend nach Kreta und verführt sie dort endgültig. Europa – schön, erotisch, sexy – wie Conchita Wurst? Nun, das Europa von heute scheint komplizierter zu sein, selbst komplizierter als das reale Fabelwesen Conchita. Man weiß schon nicht, wer und was ist Europa. Die österreichische „Kleine Zeitung“ titelte am Sonntag vor der Europawahl, „Europa hautnah erlebt“. Es ging nicht um Erotik und Sex, auch wenn „hautnah“ fett und größer als die anderen Worte gedruckt wurde. Im Untertitel stand vielmehr die Aufforderung: „Lesen Sie in Nahaufnahme, wie es sich in und mit der EU lebt.“ Aha! Die EU ist gleich Europa? Nein, das noch nicht, aber verführerisch für den Rest, der noch nicht zur EU gehört? Zum Anbeißen attraktiv wird diese EU jedenfalls in insgesamt 10 Beiträgen dargestellt. Wer kann da widerstehen, gar einen Haken vermuten? Soll ja auch keiner und keine! Man lässt sich doch gerne entführen in ein Europa, in dem ein slowenischer Junge, der sieben Sprachen spricht, das Gymnasium im benachbarten österreichischen Städtchen besuchen kann. Natürlich erweitert das das Weltbild, und nebenbei erfährt man noch, dass er in Österreich schon als Siebzehnjähriger Bier trinken darf, was ihm in Slowenien erst mit 18 Jahren erlaubt wäre. Eine junge Frau erzählt von ihren Heimaten. In Serbien wurde sie geboren. In Zagreb leben die Großeltern. In Wien hat sie trainiert, um schließlich für Österreich die Goldmedaillen aus dem Wasser zu fischen. An anderer Stelle lesen wir von einer ukrainischen Studentin; wie sie das Europa der EU erlebt und deshalb auch die Ukraine diesem Charme erliegen sollte. Und, und, und … Künstler, Unternehmer, Bauern … verführerische Chancen!
Um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ich finde ein solches Europa toll. Deswegen werde ich aber nicht gleich zum Stier wie der verliebte Zeus. Zum „Stier“ wird man nämlich hierzulande nicht aus Liebe. Zum „Stier“ wird man vielmehr auf spanische Art, wenn eine Sache sich zum „roten Tuch“ wandelt und man ihr wütend den Kampf ansagt. Genau auf solche Weise werde ich zum Stier, wenn ich feststelle, dass die „Verführer“ Europas ganz andere sind als nur sympathische Studentinnen, Gymnasiasten, Sportlerinnen, Künstler oder Bauern. Dieses Europa ist längst entführt zu anderem Vorteil und anderen Zwecken. Bei einer Podiumsdiskussion im Vorfeld der Europawahlen ging es um die Frage, ob man nicht vielleicht aus der EU austreten sollte. Könne man so nicht dem Einfluss des großen Geldes und seiner Banken entgehen, die sich Europas bemächtigt haben und es schändlich für ihre Zwecke missbrauchen? Kapital und Banken hörige Politiker und Politikerinnen rühmen und verteidigen den Burgfrieden im Inneren und verhalten sich aggressiv und kriegerisch nach außen. Und hinter der Ecke lauern zu allem Überfluss noch die USA mit einem Freihandelsabkommen zur Entführung der Entführten. Dem allen könne man nur durch Austritt entgehen und hätte es leichter, im nationalstaatlichen Rahmen eine soziale, gerechte, ökologische und demokratische Gesellschaft durchzusetzen. Doch schon bei Zeus war die Devise gegenüber der schönen Europa klar und deutlich: „Bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt!“ Glaubt wer im Ernst, das eigentlich herrschende Kapital ließe die Wahl, nicht mehr mitzumachen? Nein, aus diesem Serail entführen können ihr schönes Europa nur die Menschen selbst, um sich zu befreien zum Widerstand von unten für ein Europa der Menschen und ihrer Kulturen!

(geschrieben für Links Juni 2014, 18.05.2014)