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Der Morgen danach

27. Mai 2019
von Peter Porsch

Die Nacht war lang. Der Schlaf war unruhig. Europa war nach rechts gerückt. Deutschland war grün geworden, Europa ebenso, aber alles auch brauner. Zeitig begrüßte mich der Morgen mit dem vorläufigen Wahlergebnis in Leipzig – für die Europawahl und für die Kommunalwahl. Der Unterschied zwischen den beiden Wahlergebnissen konnte nicht größer sein und nicht symptomatischer für die Situation unserer Partei: Im Stadtrat sollte DIE LINKE stärkste Partei werden, die Grünen auf dem zweiten Platz, dann die CDU und die AfD erst Vierter.
Mag sein, es hat sich noch etwas geändert. Der Unterschied zum Ergebnis der Wahl zum Europaparlament war deutlich und ist es sicher auch geblieben: Diese Wahl gewannen in Leipzig die GRÜNEN vor CDU und AfD. Für DIE LINKE blieb hier nur der vierte Platz. Ich tippte meine erste Reaktion unter diese Wahlergebnisse in facebook. „Für die ‚großen‘ Fragen sind offenbar andere zuständig, wir sollen die vielen ‚kleinen‘ Sorgen, die in Summe den Alltag beschwerlich machen, lösen. Die Dinge hängen doch zusammen. Wie können wir das deutlich machen?“ Wir haben tapfer gekämpft und nichts von den Gemeinheiten ausgelassen, die uns der Kapitalismus so alltäglich beschert – wachsende Armut und wachsender Reichtum, Wohnungsnot, Bildungsnotstand, Pflegenotstand, abgehängter Osten, die Geschlechterfrage, Krieg und Frieden, damit verbundene Fluchtursachen und das für uns wichtige „Refugees welcome“ und noch und noch. Ich bin stolz darauf. Wir kennen die Welt und ihre Verästelungen bis in unseren Alltag. Hat es was gebracht? Für Europa im Bund und im Land herbe Verluste, in den Kommunen viel erfreuliche Gewinne. Die beiden Sieger für Europa haben etwas anders gemacht als wir: Sie haben die Vielfalt der Symptome beschwerlichen Lebens im Kapitalismus jeweils reduziert auf ein bis zwei Hauptthemen, denen dann alles andere zugeordnet wurde. Die GRÜNEN griffen die Klimakatastrophe auf, gingen damit auf die Wurzeln ihrer Partei zurück, waren dadurch authentisch und glaubwürdig und gewannen so vor allem massenhaft Jugendliche, die ja gerade das Thema auf der Straße eindrucksvoll thematisierten und als ihr herausgehobenes Zukunftsthema darstellten. Das war beneidenswert realpolitisch. Zur AfD ist nicht viel zu sagen. Sie und ihre Gesinnungsgenoss*innen überall spielten zumeist erfolgreich mit den Ängsten der Menschen, verbanden sie mit den Migrationsbewegungen und im Osten Deutschlands noch mit der realen und deshalb auch gefühlten Zweitklassigkeit gegenüber dem Westen. Sie wurden Erste in Brandenburg und Sachsen. Die Warenkörbe der Volksparteien konnten dem nur wenig entgegensetzen. Der LINKE ging es nicht anders, wenn auch aus anderen Gründen und mit einem anderen „Warenkorb“; siehe oben. Offensichtlich haben Wählerinnen und Wähler den Zusammenhang unserer kritischen Vielfalt mit unserer kapitalismuskritischen Grundfrage nicht wahrgenommen. Oder sie haben vielleicht – besser als wir – den Charakter von Wahlen in parlamentarischen Systemen begriffen. Da geht es nämlich nicht so sehr um Grundsätzliches, sondern um die nächsten vier oder fünf Jahre. Da greift man auf, was einem unter den Nägeln brennt und verändert werden muss; ob im ökonomischen und politischen System oder gegen dieses System. Lothar Bisky hat einmal bemerkt, wir wären Systemopposition. Ja, das sollten wir sein und bleiben. Das alltägliche Leben zwingt uns dazu und liefert uns die Begründungen dafür. Rosa Luxemburg nennt die Kunst, Systemopposition und Alltag zu verbinden, „revolutionäre Realpolitik“. Das ist die Kunst, die wir beherrschen müssen.

(geschrieben für Links, Juni 2019, 27. Mai 2019)

Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben …

19. Mai 2019
von Peter Porsch

Es ist Wilhelm Tell, zum Mord an Gessler bereit, der in Schillers Drama dem friedfertigen Stüssi in dessen Feierlaune eben diesen Satz entgegenhält und ihm mit seiner Warnung, „wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, erst den misstrauischen Sinn gibt. Die Sehnsucht beider sprach zuvor der Stüssi aus: „Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh, und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.“ Udo Jürgens konnte sich das wohl vorstellen, wusste aber von einer Realität, die dem Tell recht gab und nicht dem Stüssi: 1974 besang er nach einem Text von Michael Kunze ein „ehrenwertes Haus“, in dem er am Ende nach dem Willen der anderen Bewohner nicht mehr wohnen sollte und schließlich auch nicht mehr wollte. Das Haus war voller Lügen und Intrigen; „ehrenwert“ nur nach außen. Drinnen lebten Gewalt, mehr Hundeliebe als Kinderliebe, Rassismus und Sexismus, Denunziation und Despotismus, Heuchelei. Liebe war nur mit der Versicherungspolizze Trauschein gestattet. Eine bittere Abrechnung mit der Kleinbürgerlichkeit der Gesellschaft bis in ihre Spitzen. Roland Kaiser amüsierte sich auf seine Art über ein solches Haus: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn ihm die schöne Nachbarin gefällt … Ich bin versucht, der Versuchung nachzugeben, wenn nebenan die Sünde wohnt.“ Eindringen in die Gefilde anderer, es ist so alltäglich, und es ist auch im Leben der Völker nebeneinander nicht anders. Das war immer so. Musste das wirklich immer so bleiben?
Michail Gorbatschow war es, der damit Schluss machen wollte. Am 10. April 1987 verkündete er deshalb in Prag zum ersten Mal seine Vision eines friedlichen, ungeteilten Europa, verpackt in die Metapher vom „gemeinsamen Haus Europa“. Die Idee des sowjetischen Staatsmannes weckte 43 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg „Hoffnung auf Entspannung, Frieden und Überwindung der machtpolitischen Blöcke.“. Ich zitiere Rolf Bachem und Kathleen Battke, die über diese Metapher und ihre Wirkung in der Zeitschrift MUTTERSPRACHE, Heft 3/1989 auf den Seiten 110 bis 126 nachdachten. Nach beiden ließ die Metapher offen, welches Haus denn gemeint sein könnte oder zustande kommen würde. Sollten es vorgefertigte, langweilig normierte und normierende Wohnblocks sein oder bequeme, weltoffene holländische Landhäuser, mit großen Fenstern, ohne Vorhänge. Vielleicht würden es auch nur britische Reihenhäuser, immerhin gleich für alle einerseits und geeignet, sich nach eigenen Vorstellungen einzurichten, andererseits. Wir hatten die Chance. Heute – 32 Jahre später – können wir über ihre Nutzung abrechnen. Nun, erst glaubte man, die Wohnung der Gorbatschows ausräubern zu können. Ein Trinker hatte sich dort eingenistet. Das kam gelegen. Als dem ein Riegel vorgeschoben wurde, begann die neue Feindschaft. Man verbündete sich gegen den „bösen Nachbar“. Einig war man sich im „ehrenwerten Haus“, die müssen raus. So etwas ist freilich ansteckend. Die mit den großen und gut eingerichteten Wohnungen, machten den Kleinen Angst, holten sich mit Drohungen und Versprechungen, was sie brauchten. Das Misstrauen zwischen allen wuchs. In jeder Wohnung gab es welche, die die Türen verrammeln wollten. Zerstritten ist die Hausgemeinschaft. Einige versuchten sogar mit dem „bösen Nachbar“ heimlich zu paktieren. Der gemeinsame Hausname gilt nicht mehr. Gastfreundschaft ist zu einem Fremdwort geworden. Alles nur mehr zynische Reminiszenzen. Die Macht der Mächtigen wird wohl sesshaft bleiben wollen. Egoismen werden sich jedoch aufbauschen, anbiedern und sich um der Macht der Mächtigen willen gegeneinander hetzen lassen. Das Haus steht da. Das Haus ist in Gefahr. Viele rütteln an seinen Grundfesten. Der Stüssi greift zu kurz. Der Stüssi ist ein Feigling. Wer möglichst nur sein Feld bestellen will und meint, dann könne er ungekränkt daheim sitzen bei den Seinen, der irrt. Solche überhören, wie die Axt an ihre eigene Tür gesetzt und die Wohnung in Gefahr gebracht wird. Mir geht es wie dem Tell mit Gessler: „Ich lebte still und harmlos … Du hast aus meinem Frieden mich heraus geschreckt … Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt.“ Dagegen komme ich nicht alleine an. Es ist Enteignen angesagt. Das Haus als Ganzes ist von anderen in Besitz zu nehmen, die Türen sind zu öffnen und Frieden ist zu schließen unter Nachbarn, so dass das Haus endlich allen Nutzen bringt.

(Für Links vorgesehen, Juni 2019, 18. Mai 2019)

Von der fliegenden Britin und der schönen Europa

12. April 2019
von Peter Porsch

„Uns ist in alten mæren wunders vil geseit“. So beginnt das Nibelungenlied. Und wer es nicht versteht, Karl Simrock hat es übersetzt: „Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit“. Ja, das ist so. Der Märchen- und Sagenschatz der Völker und Kulturen der Welt ist voller Berichte über Wundersames. Es ist vor langer, langer Zeit geschehen. Kein Augenzeuge lebt mehr. Keine Aufzeichnung, kein Bild gibt uns authentische Kunde von den Ereignissen. Begeben haben sie sich aber doch. Wir wissen es, weil sie weitererzählt und weitererzählt wurden. Freilich hat jeder Erzähler, jede Erzählerin der Anschaulichkeit und Lebendigkeit halber das Seine und Ihre und dem Publikum Gefällige hinzugefügt. Die Vorkommnisse wurden oft aus der Geschichte genauer bekannten Personen zugeordnet, von denen man indes auch nicht mehr alles wusste. Das Erzählte wurde dadurch aber glaubwürdiger. Und so kommen sie zustande, die „Wunderdinge“ der Alten. Mit dem heute Möglichen muss das nicht immer übereinstimmen.
Jetzt will ich aber eine wundersame Geschichte erzählen, die gerade beginnt und erst in der Zukunft ein merkwürdiges Ende nehmen wird: Es ist ein Schiff, ein riesengroßes Schiff, das seit langem vor der Küste des europäischen Festlandes liegt. Die Mannschaft ist gut ausgebildet, in der Seefahrt erfahren. Viele Kapitäne und Offizieren lösten sich schon ab – immer erfolgreich und zeitweilig die ganze Welt beherrschend, obwohl sie ihr Schiff nie bewegten, nur mit, wenn auch gewaltigen, Beibooten in See stachen. Das Hauptschiff lag jedoch so fest vertäut, dass es die Mannschaften, die Kommandanten und auch die backbord liegenden Europäer für eine Insel hielten. Die Stimmung auf der Insel nannte man „splendid isolation“ – „wunderbare Isolation“. Eines Tages nun entstand an Bord der Streit, ob denn das Schiff sich endgültig als unverrückbare Insel an der Seite Europas verstehen sollte und vor allem im Handel und in der Zusammenarbeit mit Europa sein Heil suchen könnte. Man wagte den Versuch. Nur, als man das geraume Zeit ausprobiert hatte, wurde ein Teil der Mannschaft und der Offiziere unzufrieden. Man wäre ja gar nicht mehr Herr des eigenen Schiffes. Die Entscheidungen fielen ja ganz woanders und die Kapitäne sowie ein Teil der Mannschaft und der Offiziere mache das munter und von der Bequemlichkeit der Nähe der vorgeblichen Partner angesteckt einfach mit. Es kam zur Meuterei und es kam zur Abstimmung darüber, ob man denn nicht neue Fahrt aufnehmen sollte und neuen Kurs einschlagen. Im Schiff als Ganzes gab es eine Mehrheit dafür: Losfahren und neuen Kurs aufnehmen. Damit war freilich das Problem noch nicht gelöst. Die Frage blieb offen, wie trennt man die schon so fest gewordenen Bindungen an das Festland und wohin sollte die Fahrt eigentlich gehen. Das Schiff hatte gerade eine Kapitänin. Sie wollte den Willen der Mehrheit erfüllen. Allerdings fand sie keine Mehrheiten mehr für auch nur irgendeinen Kurs der Reise. Entschlossen versuchte sie die aufgebrachte Besatzung zu entwaffnen. Sie wollte es Vasco da Gama gleichmachen, dem die Mannschaft beim Umsegeln des Kaps der Guten Hoffnung die Gefolgschaft verweigerte. Er machte sie hilflos und schleuderte ihnen entgegen, „jetzt ist Gott der Steuermann.“ Gesagt, getan und es kam, wie es bei dem holländischen Kapitän Bernad Fokke in ähnlicher Situation gekommen war. Die Kapitänin hatte sich entschieden. Die Mannschaft und auch die betrogenen Europäer verfluchten sie. Der Fluch aber verdammte sie, mit ihrem Schiff, so groß wie eine Insel, loszufahren über alle Meere und keinen Hafen mehr zu finden. Das Festland verlor sein Gegenüber. Es war zwar immer mal noch sichtbar, jedoch nicht mehr erreichbar. Sollte es keine Rettung mehr für Kapitänin und Mannschaft geben? Doch! Am 11. April 2019 prophezeite im Sender Bayern 3 der Weise Theo Weigel, der einst das britische Schiff fest an Europa gekettet hatte, dass mit den Jahren Schiff und Mannschaft und Kapitänin erlöst werden könnten – es würde auf dem Schiff wieder reine Liebe zu Europa aufkommen. Da ist was dran, würde sie denn erwidert. Europa ist ja in Wirklichkeit eine schöne Königstochter. Wen dabei die Kapitänin stört, der oder die denkt wie in alten mæren. Alles neu macht die May. Ähnlichkeiten mit der Geschichte vom Fliegenden Holländer sind hingegen rein zufällig.

(Geschrieben für Links. Mai 2019, am 12.04.2019)