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Frankfurt am Main, 18. März 2015

20. März 2015
von Peter Porsch

Im Internet finde ich bei t-online.de ein Video mit dem Titel „Autos und Barrikaden brannten“. Sie brannten in Frankfurt am Main. Anlass war die Eröffnung des neuen Hauptquartiers der EZB, das mehr als eine Milliarde Euro gekostet hat. Demonstriert sollte werden. Ein internationales Bündnis von Parteien, Gewerkschaften, Initiativen unter Führung von Blockupy hatte dazu aufgerufen. Friedlich und bunt sollte es werden. Das ging schon früh am Tage in gewaltsamem Aufruhr unter. Genossinnen und Genossen, die ich schätze, wenden sich bei facebook gegen sinnlose Gewalt. Ich drücke den Knopf für „Gefällt mir“. Die online-Ausgabe der österreichischen Kronenzeitung titelt: „Verletzte, Verwüstung, Festnahmen. EZB-Prunkbau eröffnet: Protestwelle in Frankfurt am Main“. Ein Leser kommentiert: „blickt man in der menschheitsgeschichte zurück, so gab es immer revolutionen, kriege und blutvergießen, wenn die schere zwischen arm und reich zu groß wird … die breite masse läßt sich lange viel gefallen, aber irgendwann läuft das faß über und dann …“ Mir fällt ein, das war in Frankfurt am Main schon öfter der Fall. Man kann wahrscheinlich gar nicht aufzählen, wie oft. So war das z. B. auch am 3. April 1833. Etwa hundert Angreifer versuchten die Frankfurter Hauptwache der Polizei und die Konstablerwache zu stürmen. Es sollte der Auftakt zur Revolution in ganz Deutschland werden. Es blieb ein kurzer Aufruhr, blutig niedergeschlagen.
Im Jahre 1833, da war ein Mann namens Georg Büchner gerade 20 Jahre alt, fünf Jahre älter als Karl Marx. Dieser Büchner verfasste und verbreitete ein Jahr später ein Flugblatt unter dem Titel „Der Hessische Landbote“. Statistisch wurde bewiesen, wie die hessische Landbevölkerung vom Adel ausgebeutet und unterdrückt wird. Der Text gipfelte im Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ Der Autor sollte verhaftet werden, wurde steckbrieflich gesucht und konnte schließlich aufgrund auch der Verbindungen seines Vaters nach Straßburg entkommen. Sein Compagnon Weidig wurde eingesperrt, gefoltert und starb schließlich, wie offiziell gemeldet wurde, durch Selbstmord, an den kaum jemand glaubte. Der „Krieg den Palästen“, er war für damals gescheitert. Hundert Jahre später wird vielmehr und ebenda ein Prunkbau des Kapitals eröffnet. War deshalb aktuelle Gewalt, an deren grundsätzlicher Kritik ich mich öffentlich beteiligt habe, nicht doch ein Akt verständlichen, ja folgerichtigen Widerstandes in den Traditionen der Stadt?
Die Traditionen der Stadt mögen passen. Aber, „cui bono?“ Wem nützt es? Wo ist der Erfolg im Krieg gegen die Paläste und noch mehr für den Frieden der Hütten? Mag sein, es war wieder einmal ein Fass übergelaufen, weshalb dem Leser der Kronen-Zeitung auch alles folgerichtig erscheint. Die Polizei war darauf vorbereitet. Das Ende war also auch absehbar – der neue Palast steht. Die Hütten haben das Nachsehen. Dem bunten, friedlichen Protest gegen den Prunkbau und seine „Bewohner“ waren öffentliche Sympathie und Aufmerksamkeit entzogen. Aufruhr ist nicht Revolution. Das hätten die Frankfurter spätestens seit 1833 wissen können. 1847/48 verfassten Karl Marx und Friedrich Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Sie sprachen nicht nur das Elend der Massen an, sondern analysierten den Kapitalismus in seinem inneren Zusammenhalt und seinen inneren Widersprüchen, die seine Überwindung möglich machen könnten. Damit waren sie weiter als Büchner, wenn vielleicht auch schwieriger zu verstehen. Das Kapital weiß längst, dass es an seinen selbst produzierten Widersprüchen zugrunde gehen könnte. Es verhält sich deshalb klug, wo es sein muss, brutal, wenn es anders nicht geht, skrupellos in jedem Fall. Geschmacklos bleibt es immer. Das einschlägige Video zum 18. März 2015 bei t-online beginnt mit einer „kurzen Werbung“. Im Wechsel bietet man uns ein unkompliziertes online-banking, weil ohne TAN, oder einen schnelleren Zugang zum Netz. Beides macht uns jeweils – oh Freude – mobil, auch wenn wir zu Hause bleiben. Ist auch besser so, denn draußen brennen, wie in der Folge zu sehen, die Autos. Herrn Draghi sei aber gesagt: Auch wenn er eine „Einweihung ohne Pomp“ versuchte, der Palast wird dadurch nicht zur Hütte. Das bleibt weithin sichtbar!

(geschrieben für Links, April 2015, 18.03.2015)

Horch mal, wer da spricht!

26. Februar 2015
von Peter Porsch

Vor kurzem wurde in der Sendung TV-Total versucht (sicher mit guter Absicht) nachzuweisen, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft besser Deutsch können als solche ohne. Ein blondes Mädchen wurde vorgeführt, weil es Fragen zur Konjugation von Verben falsch beantwortete, während ein Migrantenkind alles richtig löste. Das Mädchen war der Lächerlichkeit preisgegeben. Konnte es wirklich nicht Deutsch? Die Antwort ist einfach. Sie konnte natürlich Deutsch. Sie sprach Deutsch. Sie wusste nur nicht so viel über die deutsche Sprache, über deren Grammatik wie der Junge. Schlimm?
Eine Pegida-Demonstrantin wurde vom Sender „eins plus“ gefragt, was sich eigentlich ändern sollte in Deutschland.1 Nach einer kurzen Pause der Verlegenheit kam die zögerliche Antwort, „na alles!“ Die Nachfrage, was denn „alles“ sei, wurde wieder sichtlich verlegen mit, „na die Politik“, beantwortet. Und dann kam der abweisende Zusatz: „Ich bin nicht so gut im Reden, ich kann das nicht so sagen …“
Wer jetzt meint, Dummheit, fehlende Bildung wären Erklärungen einer Peinlichkeit, sollte vorsichtig sein. Der bekannte Soziologe Oskar Negt hat bereits vor fast 50 Jahren in einer Arbeit zur Theorie der Arbeiterbildung2 darauf hingewiesen, dass von einfachen Menschen oft eine Sprache gefordert wird, deren Mittel nicht von Ihresgleichen und für sie gemacht sind. Es sind folglich die Mittel zu strukturierter Erfassung und ebensolcher Darstellung der Welt nicht für sie und von Ihresgleichen gemacht. Solche Menschen weichen deshalb oft auf so genannte „Topoi“ aus. Es steht dann hinter einem Wort ein ganzes Universum von Lebenserfahrung. Mit Topoi hat die Frau geantwortet: „Alles“, „die Politik“. Zwei Wörter nur! Sie stehen jedoch für ihr ganzes „Wissen“ von der Gesellschaft und für alle ihre Problemen mit und in dieser. Sie will gehört werden und ruft deshalb, „Wir sind das Volk!“. Sie versteht jene nicht, die ihr die Welt erklären wollen, und ruft deshalb „Lügenpresse!“ Es rufen viele. Das schweißt zusammen im Vertrauen auf die gleichen Erfahrungen. Die Masse schreit sich etwas von der Seele, aber redet nicht wirklich über dieses „Etwas“ – jedenfalls nicht so, dass es jene, die nicht „ihresgleichen“ sind, verstehen. Nicht Dumme kollidieren hier mit Gebildeten. Nein, zwei soziale Welten treffen aufeinander. Eine, in der, institutionell gefördert, Einsichten in Bildung verwandelt und in Sprache ausgedrückt werden können, und die andere, in der mit diesen Einsichten und deren Sprache wenig anzufangen ist, Selbstreflektion und ihr adäquate Sprachlichkeit mangels unterstützender Ressourcen jedoch nur bedingt zustande gebracht werden. Die Menschen dieser Welt reden nicht über sich, sondern es bricht aus ihnen heraus. Das ist gefährlich, gebiert Arroganz auf der anderen Seite! Zu solchen Menschen kann man auch sprechen, in der Absicht, gar nicht verstanden zu werden. Die Medien wurden nicht müde, anlässlich des Todes von Richard von Weizsäcker aus seiner Rede vom 8. Mai 1985 zu zitieren. Wohlgesetzte, zweifellos bewundernswürdige Worte vom sich nicht aufhetzen lassen gegen andere und vom Kriegsende als einem Tag der Befreiung. Worte für die Bildungsbürger. Die unterscheiden freilich zwischen Moralisieren beim Festakt und dem Durchsetzen von Interessen. Man zitiert, man lobt – und geht zur Tagesordnung über. Auf dieser stehen Geschichten vom „bösen Russen“, vom „faulen Griechen“, vom „Wirtschaftsflüchtling“, „Sozialschmarotzer“, „kriminellen Ausländer“. Die Geschichten sind einfach formuliert , gaukeln soziale Erfahrung vor. Die Folge sind Topoi der Unmenschlichkeit, Topoi der Angst, geboren aus einem wenig geordneten Blick auf die Welt.

(geschrieben für DISPUT, Februar 2015 – siehe dort S. 11)

Vom Reden, Gerede, Gestammel und Schreien

26. Januar 2015
von Peter Porsch

Gibt es denn darüber was zu sagen? Der Volksmund weiß, „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Der Volksmund weiß freilich auch, dass jemand „Blech“ daherreden kann. Also was denn? Silber oder Blech? Bestimmte Leute (deren „Markennamen“ werde ich nicht durch Wiederholung propagieren), bestimmte Leute wollten in Dresden zunächst gar nicht reden. Sie wollten sich mit ihrem Schweigen vergolden als „patriotische Europäer“ und Goldmedaillengewinner werden im Rennen gegen die Islamisierung Europas. Das wurde jedoch nicht so richtig, weshalb sie dann doch redeten – und jetzt war es Blech. Blech kann aber gefährlich werden. Es hat scharfe Kanten, die verletzen. Blech wurde in der vorelektronischen Zeit auch für Theaterdonner verwendet. Es zeigte das Blech überlaut ein Unwetter an, das nur vorgetäuscht ist. Das Unwetter soll die Islamisierung sein. Wer glaubt denn so etwas? In der österreichischen Stadt Graz werden z.B. von den Menschen, die dort wohnen, im Alltag ungefähr 150 Sprachen gesprochen. Man redet einfach, wie einem der Schnabel gewachsen ist. In der Regel kommt man aber mit Deutsch oder dem, was das Steirervolk manchmal so dafür hält, am besten durch das Leben und durch das Reden. Die Stadt ist bunt, geprägt durch Menschen aus aller Herren Länder, kenntlich an ihrer Hautfarbe, an ihrer Kleidung und auch an ihrem Reden. Es gibt moslemische Bethäuser. Eine Moschee soll gebaut werden; und dennoch wird man am Sonntag durch das Läuten der christlichen Kirchenglocken geweckt, nicht durch den Muezzin. Man grüßt sich christlich mit „Grüß Gott!“. Gerade die Christinnen und Christen denken sich aber selten etwas dabei. Für sie ist es einfach landesüblich. Es hält zusammen und grenzt vom „Guten Tach“ der Piefke ab.
„Es hält zusammen und grenzt ab“? Das machen Grüße überhaupt. Auch wenn sie nur so daher geredet werden. Der Gruß teilt nichts mit. Er stellt eine soziale Beziehung her, bekräftigt und stabilisiert sie. Reden ist eben oft mehr, als etwas wörtlich gemeint mitzuteilen. Wenn da nun welche in Dresden oder anderswo schreien, „wir sind das Volk“, verkünden sie der Welt am wenigsten eine Tatsache. Nein, sie versuchen damit, sich selbst als genau dieses Volk, das sie nicht sind, zu konstituieren und andere vom Volk auszuschließen. Solches muss man nicht vor sich selbst begründen. Das gemeinsame Schreien reicht. Das ist Handeln mit sozialen Folgen. Es gibt ein gutes Gefühl, ein Gefühl des Erfolges, der Übereinstimmung, der Überlegenheit. Deshalb schreien anderswo welche „Toooor!“ Das teilt auch nicht wirklich mit, dass jetzt ein Tor gefallen ist – hat das doch jede und jeder gesehen, ob Freund oder Gegner. Eine gemeinsame Gefühlswelt kommt vielmehr zum Ausbruch. Man gehört zusammen! „Wir sind das Volk!“ Das war tatsächlich einmal eine wörtlich zu nehmende Mitteilung an jene, die behaupteten, „alles mit dem Volk, alles für das Volk und alles durch das Volk“ zu machen. Doch sie hatten das Volk längst enttäuscht, weil sie sich selbstgefällig über dieses erhoben hatten. In Dresden ist der Ruf nur ein diffuser Ausdruck von amorphem Frust, den man oft gar nicht in Worte fassen kann. Wir sind wir und die anderen sind die Anderen! Wir fühlen uns schlecht, warum auch immer, aber uns gehört das Land, und es sind zu viele da, die nicht dazu gehören, bloß unser Geld kosten und unser Brot essen.
Gerede, Geschrei und Gestammel haben ihr Ziel erreicht, zumindest bei „denen da oben“. Die beeilen sich, die unliebsamen Fremden als Fremde zu behandeln. Freilich wollen sie auch reden, reden mit denen, die das eigentliche Reden so lange verweigerten. „Der Redner regiert den Haufen“, sagte schon im 16. Jahrhundert der Magdeburger Pastor Georg Rollenhagen. Die Machtfrage ist gestellt! Welcher Redner regiert den Haufen? Das vorbestrafte Hitlerdouble, für den Menschen „Viehzeug“, „Gelumpe“ oder „Dreckspack“ sein können, oder der gesittete Ministerpräsident? Es besteht der Verdacht, dass auch Letzterer mit seinem Reden nicht mehr bezweckt, als die Leute auf seine Seite zu ziehen, ohne ihre eigentlichen Probleme wirklich zur Kenntnis zu nehmen oder gar lösen zu wollen. Man nennt das „schwindelig reden“. Der falsche Feind des „Haufens“ kommt da sehr gelegen.

(geschrieben für Links Februar 2014, 25.01.2015)