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Jurij Brezan – 100 Jahre

26. Juni 2016
von Peter Porsch

Das sorbische Volk, ob in der Niederlausitz oder in der Oberlausitz, ist gar nicht arm an bedeutenden Schriftstellern, die ihren unverwechselbaren Anteil an der Bewahrung von Sprache und Kultur dieses kleinen, noch dazu in zwei Varianten existierenden Volkes haben. Das gilt für Vergangenheit und Gegenwart. Mit einigem Stolz kann deshalb der Sorbische Künstlerbund Ende Juni, Anfang Juli 2016 schon sein 38. Fest der sorbischen Poesie feiern. Natürlich ragen, wie in jeder Sprachgemeinschaft, einige aus der Menge heraus. Dazu gehört sicher Jurij Brezan. Der Einzige ist er natürlich nicht. Wenn man nach ihm fragt, wird fast jede und jeder im Osten sagen, „natürlich, den kenne ich.“ Was man von ihm gelesen hat, steht vermutlich schon auf einem anderen Blatt. Wie man sich seiner erinnert, zehn Jahre nach seinem Tod und zu seinem 100. Geburtstag, steht erst recht etwas fragwürdig im Raum.
Brezan beginnt seinen Roman „Krabat oder die Verwandlung der Welt“ mit einem sehr dialektisch gedachten und zugleich so berührend bildlich dargestellten Zusammenhang von engster landschaftlicher Bindung und Welt: „Genau im Mittelpunkt unseres Kontinents – wie viele hierzulande irrtümlich glauben, also auch der Welt – entspringt die Satkula, ein Bach, der sieben Dörfer durchfließt und dann auf den Fluß trifft, der ihn schluckt. Wie die Atlanten, so kennt auch das Meer den Bach nicht, aber es wäre ein anderes Meer, nähme es nicht auch das Wasser der Satkula auf.“ Das mit dem „anderen Meer“ steht auch auf dem Grabstein Jurij Brezans und meint mit Recht, die Welt wäre eine andere, gäbe es die Sorben nicht. „Ihr lebt vom Brot Eurer Enkel“ und „Jeder kennt bloß noch die Hektare und keiner mehr die Krume“, setzt er maßloser Ausbeutung bodenständiger Lebensgrundlage seines Volkes entgegen. Man kann hier Brezans Hinterlassenschaft sicher nicht ausreichend und umfassend würdigen. Es ist auch nicht meine Absicht. Einen Hauch davon konnte man jedoch bei einer Veranstaltung aus Anlass des hundertsten Geburtstages Jurij Brezans im Bautzener Steinhaus verspüren. Jurij Brezan, der auf sorbisch wie auf deutsch gleichermaßen souverän beglückend, bereichernd und in Einmaligkeit schreiben konnte, wird sicher nicht zu Unrecht oft der bedeutendste Dichter der Sorben im 20. Jahrhundert genannt. Das heißt nicht, dass er unumstritten wäre. Nein dies ist sogar unvermeidliches Element seiner Größe. Seine Poesie überzeugt alle, die das Herz dafür offen haben. Sein politischer Weg durch die Labyrinthe seiner Lebenszeit ist für manche Anlass zu Ablehnung oder wenigstens Skepsis. Wer ihn versteht, findet aber gerade in der Poesie die Erklärungen dafür, geboren aus einer ständigen Auseinandersetzung mit sich selbst, der engsten Heimat, ihrer Landschaft, ihren Geschichten, ihren Menschen. Eingebettet ist darin die Auseinandersetzung mit der Welt.
Den 95. Geburtstag des 2006 kurz vor seinem 90, Geburtstag Verstorbenen hatte seine Familie einst im engen Kreis in Horni Hajnk gefeiert. Man hoffte auf größere Ehrungen zum Hundertsten. Das wurde nicht ganz so. Sein Tod war allseits bemerkt worden, eine Ehrung zum 100. Geburtstag, ja auch nur eine ehrende Erwähnung blieben weitgehend aus. Die Stadt Bautzen rang sich nie zur Ehrenbürgerschaft durch, obwohl beantragt. Wo ist die Jurij-Brezan-Gasse in Bautzen, Kamenz oder anderswo im obersorbischen Siedelgebiet? Wo ist wenigstens eine Ehrentafel? Caren Lay und Heiko Kosel, Abgeordnete aus der Region im Bundes- und Landtag für DIE LINKE, ergriffen die Initiative, organisierten die Ehrenveranstaltung und ersparten so mögliche Enttäuschung. Der Stellvertreter des Bautzener OBM hielt die Laudatio, in einer Podiumsdiskussion erfuhren wir bisher Unbekanntes über die Rezeption von Jurij Brezans Werk, von persönlichem Zugang und von Privatem. Florian Brezan präsentierte Jurij Brezans auf obersorbisch verfassten „Brief an meine Enkel“ in eigener sensibler Übersetzung. Menschen aus lokaler und sächsischer Kultur und Politik lasen aus Texten Brezans und machten damit ihre durchaus unterschiedlich begründete Zuwendung deutlich. Alles in allem eine nicht nur notwendige, sondern auch sehr gewinnbringende Veranstaltung.

(Geschrieben für Links Juli/August 2016, 20.06.16)

Nomen est omen ?

24. Juni 2016
von Peter Porsch

Es ist Sommer und ich will leichte Kost bieten; zum Lesen im Liegestuhl oder im Bett an einem verregneten Urlaubstag. Namen sind öfter Zeichen, sind öfter Lebensprogramm, als man denkt. Fangen wir doch gleich mit dem Wetter an. Es bereitet nicht selten Kummer. Christa Kummer heißt auch die Wetterfee des 2. Programmes im österreichischen Fernsehen. Da ziehe ich doch Tim Frühling, einen Meteorologen der ARD „tagesschau“, vor. Aber auch er kann uns vor Schwankungen des Wetters nicht bewahren, weshalb er einen Kollegen namens Karsten Schwanke hat. Wetter ist immer. Manchmal kommt es schrecklich daher. Notlandungen von Flugzeugen sind seltener, doch immer schrecklich. Von einer solchen im Hudson River berichtete ein Jim Schreckengast bei t-online. Ein Gastwirt in Landsberg, Sachsen-Anhalt, heißt Rausch. Der Wirt einer Berggaststätte in der Schweiz trägt den Namen Alexander von Almen. Eine Frau Lackner besitzt einen Malereibetrieb. Das ist für Frauen selten, weshalb sie, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, ihren Betrieb in der Weiberfeldgasse in Graz hat. Admira Wien hatte einen Fußballtrainer namens Knaller. Die Mannschaft ist derzeit immerhin Vierter in der obersten österreichischen Liga. Ohne Knaller auf das gegnerische Tor geht das wohl nicht. Eine Assistenztrainerin der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft muss wiederum mit ihrem Namen Ballweg zurecht kommen. Amor ist der Gott der Liebe. Ein Frater Rafael Amor sprach im Bayrischen Fernsehen über den Zölibat und den Verzicht auf Familie. Gelernte DDR-Bürgerinnen und -Bürger wird es nicht wundern. Wir wussten, dass es neben der körperlichen Liebe auch noch die Liebe zur Sowjetunion gab. Der fromme Mönch hat da sicher auch Ersatz. Schmerzt ihn der Zölibat dennoch hin und wieder, sein Vorname tröstet: Rafael ist hebräisch und bedeutet „Gott heilt“. Versucht ihn der Teufel, hilft die Pastoralamtsleiterin der für den Mönch zuständigen katholischen Erzdiözese, Frau Prüller-Jagenteufel. Der Mönch kann sich darauf verlassen, dass die Sache gut ausgeht. Die Pastoralamtsleiterin trägt den Vornamen Veronika, die „Siegbringerin“. Dass ein Schweizer Literaturkritiker Zweifel heißt, wundert uns jetzt gar nicht mehr. Ein Herr Klingler ist Glockenbetreuer in einem Tiroler Dorf. Das gibt es in keiner Moschee. Die leichte Kost könnte jetzt allerdings schwerer werden, wenn mir die Namen der Pflichtverteidiger der NSU-Kurtisane Beate Zschäpe einfallen: Heer, Stahl und Sturm.
Ich habe noch viele Namen in meiner Sammlung. Die Sache gerät aber ins Delikate. Ein Prof. Uwe Hartmann heilt erektive Dysfunktionen und eine Frau Kastrati protestierte mit Damenbinden, auf denen feministische Botschaften standen. Lassen wir den Rest also in „Schwarzen Löchern“ verschwinden, die, bevor man sie entdeckt hatte, ein Karl Schwarzschild schon vorausgesagt hat. Es ist ja auch nicht alles originell, selbst wenn es die Bedingung für das nomen est omen erfüllt. Alexander Gauland träumt möglicherweise noch von einer Zeit, zu der in deutschen Landen Gaue Verwaltungseinheiten waren. Das sollte 1000 Jahre halten, zwölf schlimme waren es dann immer noch. Träumen wird er, der Gauland. Erinnern braucht man ihn daran nicht. Er kann sich gewöhnlich an nichts erinnern. Sein Gedächtnis ist unerforschlich wie Gottes Wege und wie die Wege des Sigmar Gabriel von der SPD. Dessen Namenspatron, der Erzengel Gabriel, verkündete einst Mariäen ihre „unbefleckte Empfängnis“. Eine solche nimmt er für sich ebenso in Anspruch, wenn er so manche CDU-Einfälle mit in die Welt setzt. Sein Name kommt aus dem Hebräischen. „Gott hat sich stark gezeigt“ oder „Mann Gottes“ bedeutet Gabriel. So mancher Geldsack hält ihn für einen solchen wegen seiner Absage an die Vermögenssteuer. Neuerdings erinnert sich der Gabriel wieder der Mühseligen und Beladenen und eines „linken Lagers“. War ja nicht immer so. Aber Gott macht die Seinen offensichtlich stark in Wahlzeiten. Wohlan Sigmar! Bist Du nicht (wenigstens auf althochdeutsch) der, „der den Sieg verkündet“, der, „der für den Sieg berühmt ist“? – Mal sehen, ob jetzt nomen auch gleich omen?

(geschrieben für Links Juli/August 2016, 14. Juni 2016

Von den Feiglingen in den Laufgittern

26. Mai 2016
von Peter Porsch

Unlängst habe ich im Theater einen Monolog gehört, der in seiner Bildhaftigkeit sehr alltäglich war, in seinem Gehalt aber auf unglaublich eindringliche Weise eine Wahrheit verkündete. Das Ganze fand nicht auf der großen Bühne statt. Es waren Schauspielstudierende, deutschsprachige und holländische, die ein Stück selbst entwickelt hatten und darin und damit ihrem Verhältnis zu sich, ihrem Beruf und zur Welt, in der sie leben – leben müssen – nachgingen. Revolution war ein großes Thema. Einer der Schauspieler stellte fest: Wir leben auf der reichen Seite der Welt und wir leben wie Kinder im Laufgitter, versehen mit reichlich und gutem Spielzeug. Genau deshalb sollten wir aber Revolution machen. In einem revolutionären Akt sollten wir unsere Eltern zwingen, uns aus dem Laufgitter herauszuheben. Wir wollen doch wissen, wie die Welt draußen ist. Ja, wir wollen und brauchen eine Revolution, war zunächst die Quintessenz; eine Revolution gegen jene, die uns ins im Laufgitter in ungewollter Sicherheit und ungeliebtem Wohlbefinden halten. Doch dann kam plötzlich die Angst vor der eigenen Courage. Es kam die Angst auf, was passieren könnte, wenn alle aus den vielen Laufgittern in dieser großen Welt herauskämen. Man würde sich begegnen. Will man das? Was würde einem dann widerfahren? Würde uns was streitig gemacht? Wer weiß das schon? Da bleiben wir doch lieber drin in unseren Laufgittern. Wir spielen doch eigentlich ganz gern mit all unserem schönen Spielzeug. Deshalb – so der Schluss – wird es wohl auf unserer, der schönen, der reichen Seite der Welt zu keiner Revolution kommen. Die Dialektik von zorniger Kritik eines jungen Mannes und bereits an der Realität emporgewachsener Resignation liegt auf der Hand.
Offensichtlich sind in unserem Teil der Welt zu viele der Meinung, sie könnten mehr verlieren als nur ihre Ketten. Die Sicherheit der „Laufgitter“ ist verlockender als eine Welterfahrung, von der man nicht weiß, was sie bringt. Rundum bewegt sich aber doch etwas. Es findet Geschichte statt und zu viele haben Angst davor. Einmischung erscheint gefährlich, sich einschließen wähnt man für sicherer. Geschichte soll draußen stattfinden. Nur, das wird nicht funktionieren und es funktioniert schon lange nicht. Feiglinge sind am Werk; Feiglinge, und wenn sie noch so großmäulig auftreten. Sie schließen sich ein in den Laufgittern der Nationen. Sie reduzieren sich die Welt auf das Spielzeug ihrer Kultur. Sie liefern sich dem Schutz von „Eltern“ aus, die sie in Wirklichkeit ebenso feige gefangen halten. Der österreichische Literat und Essayist Robert Menasse hat recht, wenn er sagt: „Alle politischen Herausforderungen, die wir heute demokratisch gestalten müssen, sind längst transnational: die Finanzströme, die Wertschöpfungsketten, die Bedingungen des Welthandels, die ökologischen Probleme, die Migrationsbewegungen, die modernen Kommunikationsmittel mit ihren Gefahren wie Überwachung und Datenmissbrauch, die Friedenssicherung, und ewig so weiter. Es gibt nichts mehr, das innerhalb der Grenzen eines Nationalstaates geregelt oder an den Grenzen abgehalten werden kann“ (Kurier, 22.05.2016, S. 9). Wir beschwören die globalisierte, die eine Welt und zugleich versucht man uns weis zu machen, dass man sich hinter neuen Stacheldrähten verschanzen könnte, um unausweichlicher Veränderung entgehen und längst unbrauchbar Gewordenes bewahren zu können. Die Gefahr ist groß und zum Teil auch schon Wirklichkeit, dass aus stacheldrahtbewehrten Laufgittern der Feiglinge Schützengräben werden und aus den Spielzeugen Kanonen. War es denn nicht zu oft schon so, dass die Verteidigung der Idylle des Gewohnten gegenüber der Geschichte dazu führte, dass schließlich kein Stein auf dem anderen blieb? Was nützt es, wild um sich zu schlagen, wenn das Laufgitter fällt. Das kann keine linke Lösung sein. Wir müssen die Herausforderungen annehmen. Akzeptieren wir die Notwendigkeit von Veränderungen in globalem Maßstab. Machen wir unsere Geschichte selbst – mutig, friedlich und mit allen Menschen, in dieser einen Welt!

(Geschrieben für Links, Juni 2016, 25.05.2016)