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„Nach Golde drängt …

15. Januar 2019
von Peter Porsch

am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen“. Das sagt Goethes Margarete im ersten Teil des Faust. Sie sagt es so bei sich und bangt um Gretchen, die sich vom Schmuck, den Mephisto herbeigebracht hat, betören lässt. Die weise Margarete weiß, dass dem nur Unheil folgen kann. Zu selten und nur für Wenige kam es jemals anders.
Da war zum Beispiel der König Midas. Er fing Silenos ein, dessen Weisheit er sich zu eigen machen wollte. Dionysos aber musste, zwecks Befreiung seines alten Lehrers, Midas den Wunsch erfüllen, dass alles zu Gold würde, was Midas berührte. Die Freude war kurz: Midas berührte seine Tochter und sie wurde zu einer leblosen Statue aus Gold. Midas selbst drohte zu verhungern und zu verdursten, denn alles was er anfasste wurde ja zu Gold. Gold kann man nicht essen. Das weiß das Volk, das keines hat. Im Tod nützt es übrigens auch nichts. Das letzte Hemd hat keine Taschen.
Mit der Zeit wähnte man sich schlauer. Nicht durch Berührung sollte Gold entstehen; ging nicht und war ja auch zu gefährlich. Einen „Stein der Weisen“ sollte es aber geben, der jedes unedle Metall zu Gold machen könnte. Die Alchimisten und die Könige glaubten daran, weshalb die Herrscher die Alchimisten für sich arbeiten ließen, sie gut versorgten, aber sicherheitshalber auch gefangen hielten. Wer weiß wohin und wozu die entflohen wären, wenn sie denn das Geheimnis gelüftet hätten? Ein solcher Alchimist war auch Johann Friedrich Böttger, der seine Freiheit aufgab, sich August dem Starken verschrieb und sich ans Werk machte. Lange wurde nichts und Böttger ahnte auch, dass es wohl nie etwas werden würde. Flucht war sinnlos, immer wieder wurde er eingefangen. Der „Stein der Weisen“ entpuppte sich als „Stein der Dummen“. Das kommt öfter vor. Böttger gewann jedoch an Weisheit, verlegte seine Bemühungen und erfand das Porzellan – nach seinem Wert „weißes Gold“, wie sich herausstellte.
Die Gier nach Gold war aber deshalb nicht befriedigt. Der Besitz von Gold war immer noch der Ausweis von Reichtum. Als man die „neue Welt“ Amerika entdeckte, fand man zunächst Indianer vor, die kaum wer brauchte, weil sie sich nicht zur Arbeit einspannen und ihrer Freiheit berauben lassen wollten. Am Gold lag ihnen nichts und auch nicht an Porzellan. In ihren Flüssen und Bergen war Gold jedoch vorhanden. Einigen brachte das Reichtum, vielen Unglück, den Indianern zumal. Ist aber im Grunde alles bekannt, mitsamt der Schießereien und den dazugehörigen Revolverhelden. Es ist also schwierig, zum Gold Neues zu erzählen, selbst wenn man es umfärbt. „Schwarzes Gold“, auch Erdöl genannt, brachte wiederum wenigen Reichtum, der Menschheit aber viel Elend.
Weil unbelehrbar, hat es unlängst wieder jemand in besonderer Weise mit Gold versucht. Der Protz hat nicht hinterm Berg gehalten, dass er sich so manches leisten kann und sich deshalb von armen Schluckern – und sicher auch Schluckerinnen – nicht ins Essen spucken lässt. Sie mögen sich vermehren, er sagte es vulgär, ihn aber in Ruhe lassen. Seine Speise war ja auch höchst exquisit – nicht ganz aus Gold, aber doch mit Gold gespickt. Der Preis war dementsprechend angemessen für einen Fußballprofi. In seinem Verein verdient man das Geld dafür. Dass der Präsident des Vereins wegen der hohen Gagen für seine Spieler gleich „Steuervermeidung“ betreiben musste, soll ein Gerücht sein. Weil ihm der Betrug aber Gold in die Taschen brachte, sperrten ihn die Herrschenden in bewährter Manier ein, damit er seine Kunst nicht verriete, ihnen aber etwas abgebe. Der Fußballer, ein für seinen Charme berühmter Franzose, kann hingegen mit seinem Geld machen, was er will. Der Skandal ist, dass man mit Dribbeln und auf den Ball Treten so viel Geld verdienen kann, dass es für goldbelegte Steaks locker reicht. Das zerschlägt Porzellan bei den Fans, schafft überdies nicht selten Neid bei jenen, die kein Geld für Gold haben. Das ist allerdings kein gutes Ende. Dionysos gelang ein besseres. Als Midas zu verhungern und zu verdursten drohte, tauchte er ihn in den Fluss Paktolos. Das erlöste Midas. Der Fluss indes war fürderhin der goldreichste in ganz Kleinasien. Wer aber meint, jetzt wäre das Gold gleichmäßig zu verteilen gewesen, der oder die irrt – siehe die Goldwäscher im „Wilden Westen“. „Ach wir Armen!“

(Geschrieben für „Links“ Februar 2019, 10.01.2019)

Ich bin kein Nazi, aber …

30. November 2018
von Peter Porsch

Wie oft höre ich das. Aber was nach dem „aber“ kommt, verstört mich. Es verstört mich politisch und grammatisch. In der Grammatik gilt „aber“ als adversative Konjunktion. Das heißt, sie leitet nach der ersten Aussage zumindest eine die erste Aussage einschränkende oder ihr gar widersprechende Aussage ein. In unserem Fall verwahrt man sich mit dem „aber“ gegen die Einordnung als Nazi, nur weil man etwas sagt, was dies für andere oder auf den ersten Blick unterstützt.
Ich will mich also auseinandersetzen mit dem, was nach „aber“ kommt und warum es nicht für die Qualifizierung als Nazi reichen sollte: Nach 1945 versuchte man sich sowohl in der entstehenden Bundesrepublik und in Österreich als auch in der DDR zumindest antinazistisch oder sogar konsequent antifaschistisch zu definieren. Man berief sich dabei auf unterschiedliche Begründungen. In Österreich und der BRD war es vor allem der brutale Antisemitismus, der im Holocaust, in der Shoa gipfelte. In der DDR hob man den kommunistischen antifaschistischen Widerstand und seine unbestrittenen Heldentaten in einem unmenschlichen Alltag hervor. Das war zwar beides nicht alles, es wirkte aber (!) doch so, dass damit alltägliche faschistische und faschistoide Auffassungen und Praktiken in den Hintergrund traten, unbeachtet blieben. Es begegnete mir als Heranwachsender in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts z.B. ein unkritisch reproduzierter Antisemitismus. Er fiel kaum auf, wenn der lärmenden Schulklasse vom Schuldirektor ein „hier geht es zu wie in der Judenschule“ entgegengeschleudert wurde. Wer assoziierte schon die todbringenden Vorurteile eines Antiziganismus, wenn der unaufgeräumte Raum mit einem „hier sieht es ja aus wie bei den Zigeunern“ beschrieben wurde? Es gibt freilich noch Subtileres. Das Patriarchat behauptete sich. Der Mann blieb noch lange gesetzlicher Haushaltsvorstand. Obwohl juristisch aufgehoben, benehmen sich auch heute noch viele Männer so. Männliche Gewalt in der Familie ist deshalb nicht verschwunden, im Gegenteil, sie ist Alltag für viele Frauen und Kinder geblieben. Für Kinder ist das auch so wegen des Weiterbestehens strenger autoritärer Erziehungskonzepte. Wenn die DDR freudig verkündete, den Frauen mit Waschmaschinen ihre „zweite Schicht“ zu erleichtern, so sagt das sicher auch etwas über die weit verbreitete familiäre Arbeits- und Rollenverteilung. Gesellschaftlich dominante Homophobie macht Heterosexualität nicht nur zur einklagbaren Normalität im Alltag, sondern verdrängt Homosexualität oder Transsexualität in das Ghetto des zu Verbergenden. „Schwul“ ist heute in vielen Milieus immer noch ein Schimpfwort; alles trotz gesetzgeberischer Toleranz vorerst in der DDR, später auch in der BRD und in Österreich. Junge Leute wissen kaum noch von den „Rosa Winkeln“ in den KZs. Ethnozentrismus, die Auffassung von der Überlegenheit des westeuropäischen „weißen Mannes“ ist nicht verschwunden. Im österreichischen Gymnasium verkündete uns der Geografielehrer das „Kulturgefälle von West nach Ost“. Bei einer Zugfahrt in der DDR, Anfang der 1980er Jahre, hörte ich zum ersten Mal die Wörter „Brikett“ für Schwarzafrikaner und „Fidschi“ für Vietnamesen. Das unfreiwillig wahrgenommen, weil ungeniert laut ablaufende, Gespräch junger Männer belehrte mich, dass „Neger“ in der Straßenbahn nicht sitzen dürften, wenn Deutsche stehen, und dass es doch verboten werden sollte, dass sich Vietnamesen für ihren Arbeitslohn Mopeds kauften und in ihre Heimat schickten. Die gehörten doch den Deutschen. Der Beispiele hätte ich noch viele. Der Sprachwissenschaftler weiß, es sind die sogenannten „frames“, die Rahmen, in denen sich das Bild von Welt und Gesellschaft im Alltagsbewusstsein sprachlich verfestigt. Einzelne Wörter sind dort in einen Zusammenhang gebracht, der ihre Bedeutung bestimmt und damit auch die möglichen Textbedeutungen formt, wenn man sie verwendet. Jene frames, in denen meine Beispiele eingerahmt sind, haben Platz gehalten für die Wiederauferstehung eines alten Faschismus. Sie machen Dinge plötzlich wieder aussprechbar, die wir als lange überwunden glaubten. Es passt doch ins gut gerahmte Weltbild. Nein und nochmals Nein! Lasst uns aus dem Rahmen fallen.

(Geschrieben für „Links“, Dezember 2018/Januar2019, 20.11.2018)

„Ungewisse Gewissheiten“ – „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ nach 35 Jahren auf der Hälfte des Weges.

25. Oktober 2018
von Peter Porsch

Es wurde einst ein Wörterbuch übersetzt, das „Dictionnaire Critique du Marxisme (Kritisches Wörterbuch des Marxismus)“, herausgegeben von Georges Labica und Gérard Bensussan. „Herausgeber der deutschen Übersetzung war Wolfgang Fritz Haug. An der französischen Fassung des Wörterbuchs waren über 60, an der deutschen Übersetzung fast 40 Autoren beteiligt.“ (WIKIPEDIA) Das geschah in den Jahren von 1983 bis 1989 . Bald stellte sich heraus, dass zum Verständnis des im Kontext der französischen Marx-Rezeption entstandenen Werks für vorrangig deutsche Benutzer Hilfe nötig ist. Sie sollte mit sogenannten „Supplementbänden“ gewährt werden. Ein schwieriges Unternehmen, wie wir im ersten Band (1994) der nun zum „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ (HKWM) mutierten „Supplemente“ erfahren: „Alle an Marx anschließenden Richtungen waren zur Mitarbeit eingeladen. Als sich das Projekt zwischen dogmatischem Bannfluch und sozialliberalen Berührungsängsten im damals noch zweistaatlichen Deutschland blockiert fand, internationalisierte es sich und suchte nicht zuletzt, soweit möglich, die Zusammenarbeit mit Intellektuellen aus dem >>Trikontinent<< Asien, Afrika und Lateinamerika. Bald wurde die Form eines Supplements gesprengt, schon aus dem äußerlichen Grund, daß es im Umfang auf ein Mehrfaches des übersetzten Werkes angewachsen war.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 1, Berlin 1994, S. I) Als eigenes Projekt gegründet wurde das Wörterbuch am Rande der Veranstaltungen zum hundertsten Todestag von Karl Marx in der DDR. Durch eine Neugründung und der endgültigen Festlegung auf den Namen „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ überlebte das Projekt den Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus. Der erste Band erschien, sehr viel später als geplant, nämlich 1994. Fertig wollte man etwa im Jahr 2000 sein. Nun ist das Projekt in seinem 35. Jahr und gerade mal bis zur Hälfte des Alphabets gediehen. Mir liegt 2018 der Band 9/I vor: „Maschinerie bis Mitbestimmung“. Wann und mit wem das Werk zu Ende gebracht sein wird, ist wohl offen. Aber ich sage es gleich: Zu Ende gebracht werden sollte es. Wurde es ihm zunächst um 1990 auch prophezeit, so ist der Marxismus längst nicht tot. Wolfgang Fritz Haug war sich 1994 sicher: „Sowenig die Geschichte des Christentums mit dem Sturz der ersten christlichen Herrschaft beendet war , so wenig wird die theoretisch-praktische Suche nach solidarischer und umweltverträglicher Vergesellschaftung beendet sein mit dem Sturz der kommunistischen Herrschaft.“ (HKWM, Vorwort, Band I, 1994, S. II) Und er meinte zu Recht: „Das Besserwissen, das sich nach einer Niederlage einstellt, ist nicht unbedingt besseres Wissen.“ (ebenda, S. III) Um „besseres Wissen“ geht es. Da steht an erster Stelle die Erkenntnis, dass „Marxismus“ keine monolithische Denkschule, kein enges Korsett des Möglichen ist. Für so manche vielleicht etwas Neues, aber sicher Richtiges - Marxismus ist vielmehr ein pluralistisches Projekt. „Gemessen an der Geschichte marxistischen Denkens gehört zum Neuen heute nicht die Wiederherstellung einer >> geschlossenen Weltanschauung<<, sondern die Wahrnehmung der >> unganzen Ganzheit<< (Sartre) …“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 2, 1995, S. I) Hierin sehe ich den dominanten Wert der Unternehmung. Es öffnet sie für Divergenzen und Differenzen im Theoretischen, für solche im praktisch-politischen Bezug und erweitert die Sichtweise des „Marxistischen“ auf die sich verändernde Welt, ohne sich im Grundsätzlichen aufzugeben. Der Titel des Wörterbuches verdeckt das etwas. Es müsste konsequent eigentlich als ein „Historisch-kritisches Wörterbuch der Marxismen“ angeboten werden. Das Wörterbuch verschreibt sich der Aufgabe, „…die Täuschungen innerhalb marxscher Theoreme und ihre Ideologisierung durch die Marxismen an der Macht historisch-kritisch aufzuarbeiten. Nicht weniger aber gilt es, die Arbeit an der marxistischen Theorie fortzusetzen. Der Sinn des historisch-kritischen Projektes ist die Gewinnung der Zukunft.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 4, 1999 S. III) Diesen Weg geht man gerne mit. Es ist ein Weg auch in ungewisse Gewissheiten. Es war am Anfang des Projektes nicht vorherzusehen, welche Begriffe im Verlauf der Zeit und des Alphabets sich in den Weg stellen würden. Vor allem der „Brückenschlag in die Gegenwart zu neuen sozialen Bewegungen“ (Walter Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 6, 2004, S. III) brachte Neuigkeiten. Wer hätte 1998 schon gedacht, dass im Jahr 2004 Stichwörter wie „Homosexualität“ und „Heteronormativität“ in ein solches Wörterbuch aufzunehmen sind. Wer hätte zu Beginn gedacht, dass 15 Jahre später neben dem Stichwort „Heimat“, „Horror“ oder „Jeans“ auftauchen würden. Überraschen könnten manche und manchen vielleicht auch die Artikel zu „Himmel“, „Hölle“, „Jenseits“, „Diesseits“, „Hexe“. Wer die Artikel liest, wird schnell feststellen, dass eine marxistische Perspektive notwendig ist. „Islamische Revolution“, „islamischer Fundamentalismus“ sind wohl keine Überraschung mehr. Eine große Bereicherung erfährt das Wörterbuch durch die Durchdringung mit marxistisch-feministischer Begrifflichkeit. Hauptsächlich verantwortlich zeichnet dafür Frigga Haug. Die in den ersten sechs Bänden enthaltenen einschlägigen Artikel liegen übrigens zusammengefasst vor in „Historisch-kritisches Wörterbuch des Feminismus“ (Hamburg 2003) Das Wörterbuch vermittelt nicht einfach gesichertes Wissen. Woher sollte es kommen? Es folgt vielmehr dem Pluralismus der „Marxismen“, spaltet sie in ihren relevanten Begrifflichkeiten auf, vermittelt das damit verbundene „bessere Wissen“ aber nie als „Besserwisserei“. Das Werk bleibt sich treu in einer Besonderheit. Wo die Divergenzen offensichtlich und groß sind, schreiben mehrere jeweils ihren Artikel zum gleichen Begriff. Nur so ist auch der Anspruch der Weiterentwicklung der Theorie einzulösen. Wolfgang Fritz Haug bekennt 2015: „Im Blick auf die Widersprüche des Marxismus und des Marxistseins haben wir uns mit aller Kraft bemüht, in der Beobachtung genau und in der Darstellung rücksichtslos offen zu sein. Dass wir das nicht im zeugenlosen Selbstgespräch, sondern öffentlich tun, grenzt an Tollkühnheit.“ (HKWM, Vorwort zu Band 8/II, 2015, S. II) Herzlichen Dank für den Mut dazu! Genau deshalb kann man sich über das Wörterbuch selbst kritisch in die Marxismen einbringen. Man lernt zu unterscheiden zwischen „positivem Nichtwissen“ und Pseudowissen. Es ist in jeder Zeile des bisher Erschienenen die persönliche Verantwortung der jeweiligen Autorin oder des Autors für das Ausgeführte und seine möglichen Konsequenzen erkennbar. Obwohl in sich widerstreitend ist damit wohl auch ein Subjekt des Marxismus oder zumindest ein wichtiger Teil dieses Subjektes erkennbar. Damit wird das HKWM zu einem Bekenntnis persönlicher menschlicher Verantwortung für den Fortgang und konkreten Verlauf der Geschichte unter marxistischen Vorzeichen. Es unterscheiden sich damit im HKWM nachlesbar marxistische Theorie und Praxis und ihre Akteure und Akteurinnen fundamental von jenen des Kapitalismus. Sie erfüllen eine historische Aufgabe. Den Herausgeberinnen und Herausgebern, den Institutionellen Unterstützungen, den Sponsorinnen und Sponsoren sei deshalb gesagt. Es lohnt alle Mühe: „Wer, wenn nicht in marxscher Kritik der politischen Ökonomie gebildete, kapitalismuskritische Geister sollte sich die brennende Problem-, Konflikt- und Krisenwelt des Kapitalismus aufladen? Die Kapitalisten, ihre staatlichen >Gesamtkapitalisten< und ihr intellektueller Anhang sind absorbiert vom Unmittelbaren des Moments bzw. vom absehbaren Unmittelbaren der nahen Zukunft. Sie müssen sich der Weltprobleme nur insofern annehmen, als diese die Grundlage des Weiter-so unmittelbar gefährden. Der Gefahr, die der Kapitalismus selbst darstellt, kehren sie den Rücken zu. Da Kapitalismus eine in ständiger Wandlung sich reproduzierende, prozessierende Struktur antagonistischer Akteure ohne einheitliches Subjekt ist, muss niemand für ihn die Verantwortung übernehmen.“ (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 8/II, 2015, S. IIf.) Freilich, wer die marxsche Kritik in die Gesellschaft tragen will, wer möglichst viele in der Gesellschaft dazu befähigen will, muss in der Gesellschaft verstanden werden. Die Sprache des HKWM ist dazu eher selten unmittelbar geeignet. Alltagssprache ist zwar in vielen Stichwörtern präsent, sehr viel weniger jedoch in den Artikeln. Das ist ein Problem der Arbeitsteilung in der Gesellschaft, die akademische Eliten kennt. Genau dies muss aber von Marxistinnen und Marxisten auch aufhebbar sein. Es kann werden, je mehr marxistische Gesellschaftskritik greift, weil die Arbeitsteilung selbst als Ausbund des Kapitalismus natürlich auch Gegenstand der Kritik werden muss. Das HKWM kann schon in seiner heutigen Qualität eine Gehhilfe sein beim Weg in eine Gesellschaft, „… wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." (Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 33,) Akademische Debatten in politische Bildung verwandeln, ist eine aktuelle Aufgabe. Das HKWM sollte sich auf der zweiten Hälfte seines Weges etwas mehr bemühen, ohne Qualitätsverlust an der Lösung dieser Aufgabe mitzuwirken. Artikel zu „Sprachkritik“ oder „Soziolinguistik“ könnten da noch zur Selbsthilfe beitragen. (25.10.2018)