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Warm und kalt aus einem Mund

17. Januar 2018
von Peter Porsch

Im Unterinntal, so zwischen Innsbruck und Rosenheim, erzählt man sich seit jeher eine bemerkenswerte Sage: Zu einem Mann, der im eiskalten Winter Holz schlug, gesellte sich ein Waldmännchen. Weil dem Holzfäller an den Händen mächtig fror, hauchte er sich immer wieder in die hohlen Pranken. Das Waldmännchen wunderte sich, was das sollte. Auf seine Frage bekam es die Antwort, dass der Mann sich mit seinem Hauch die Hände wärmen konnte. So weit so gut. Als die Mittagszeit kam, entfachte der Holzschläger ein Feuer und bereitete sich eine Suppe. Bevor er aber nun die Suppe aß, pustete er immer wieder auf den Löffel. Dem Waldmännchen war das nicht geheuer. Es sei doch die Suppe vom Feuer her heiß genug. Warum blies dann der Gute noch daran, wie an seine frierenden Hände? Der Holzfäller erklärte, dass er dies mache, um die heiße Suppe abzukühlen. Da erschrak das Waldmännchen: „Du bist ein ganz unheimliches Wesen; aus deinem Mund kommt bald warm, bald kalt, bei dir mag ich nicht länger verweilen.“ Und augenblicklich ging das Waldmännchen davon.
Wieso fällt mir diese Geschichte gerade jetzt ein? Ich hatte sie in der Grundschule im Lesebuch kennengelernt. Assoziationen sind nicht zufällig und Erinnerungen tauchen nicht beliebig auf. Ich glaube, ich habe noch vor Kurzem gehört: „Für eine Große Koalition stehen wir nicht zur Verfügung!“ „Vor Neuwahlen haben wir keine Angst“, habe ich auch noch im Ohr. Es war wohl kalt geworden für die SPD nach der Bundestagswahl, aber man ließ es sich nicht verdrießen und hauchte sich in die Hände, um sich warm und für die künftigen Fällarbeiten fit zu halten. Als aber dieser Lindner von der FDP seinen Anspruch auf eine würzige jamaikanische Suppe plötzlich aufgab, steckten weitere Anwärter ihre Löffel weg. Ein paar Zurückgebliebene hielten hingegen das Feuer am Brennen und lockten mit Suppe und einem Platz am Tisch. Die mit den kalten Händen erinnerten sich früherer Wärme. „Ergebnisoffene Verhandlungen wären möglich“, hörte man ein Raunen. Und wenn die Suppe zu heiß würde, könnte man sie ja kühler blasen. Die Suppe war heiß. Es konnte kaum noch kalt genug aus dem Mund kommen, der gerade noch warmen Hauch von sich gegeben hatte. Schließlich meinte man aber doch, die Suppe, die man auslöffeln sollte, auf erträgliche und genießbare Temperatur gebracht zu haben. Weil man sich jedoch nicht ganz sicher war, ließ man auch Umstehende kosten. Vielen von denen schmeckte die Suppe freilich nicht. Sie war zu lau geworden. Man hielt es wie das Waldmännchen aus der Sage für unheimlich, wie es aus den Mündern der zu Tisch Gelockten mal warm und mal kalt gekommen war und ging davon.
Wenn es anfängt, geht es meist munter weiter. Das Erinnern der Sage war geklärt. Wer hat sie mir verraten? … Nein, keine Kalauer. Allerdings fielen mir weitere Geschichten ein – längst bekannte, nie vergessene und neu ins Gedächtnis geratene. Es war ein Witz dabei. Aber wer sagt denn, dass Witze nicht auch, zumindest auf vergleichsweise Art, Wirklichkeit werden können: Graf Bobby besuchte seinen Freund Rudi und zeigte ihm seinen neuen Spazierstock. Der war schön. Vor allem der kunstvoll gearbeitete silberne Knauf an seinem oberen Ende. Einen Makel hatte der Spazierstock dennoch, er war viel zu lang und ragte Graf Bobby bis über den Kopf. Deshalb war dieser traurig. Er müsse den Stock wohl um ein Stück kürzen und dabei auch den schönen Silberknauf mit wegschneiden. Rudi wandte ein, dass man von dem Stock doch auch unten etwas abschneiden könnte. Bobby schüttelte verwundert den Kopf, ob solcher Einfalt: „Unten passt er doch, oben ist er zu lang“. Er schritt zum Werk und kürzte den Stock – von oben und mit dem Silberknauf; alle Schönheit und aller Wert waren verloren. Herr Schulz und die anderen von der SPD kamen auch mit einem Spazierstock mit gediegenem Oberteil: Bürgerversicherung, Nachzug von Flüchtlingsfamilien, gesicherte Rückkehr aus Teilzeitarbeit, Reichensteuer, armutssichere Rente und vieles andere mehr waren ihr Edelmetall. Es lag gut in der Hand. Auf der falschen Seite den Stock gekürzt ließ das Silber verschwinden und machte die ganze Gehhilfe unbrauchbar.

(Geschrieben für „Links“, Februar 2018, 16.01.2018

Aufpassen beim Anpassen

26. November 2017
von Peter Porsch

„In der Sachversicherung ergeben sich ab dem 1. Januar Änderungen aufgrund von Anpassungsmaßnahmen.“ Das teilte mir meine Versicherung unlängst mit. Die „Anpassungsmaßnahmen“ waren nichts anderes als eine Erhöhung der Beiträge für die vertraglich vereinbarten Versicherungen. Warum kann man da eigentlich nicht schreiben, „erhöhen wir die Beiträge“? Die Beiträge haben sich ja nicht selbst erhöht oder vornehm gesagt „angepasst“. Ehrlich formuliert weiß man doch auch genau, wer über Zuwachs von Geld und wer über seinen Verlust quittieren kann. Solche Briefe bekommen gegen Jahresende viele, und fast immer ist von „Anpassung“ die Rede und nicht von „Erhöhung“, obwohl diese meistens der Fall ist. Ich suche in den Wörterbüchern und in einschlägigen Artikeln im Netz nach der Bedeutung von „anpassen“ und nach Synonymen. „Erhöhung“ kommt als Synonym nicht vor. Im DUDEN-Deutsches Universalwörterbuch finde ich als passende Bedeutungsvariante, „etwas einer Sache angleichen; etwas auf etwas abstimmen“. Bei DUDEN.de finde ich, „sich nach jemandem, etwas richten.“ Wonach richtet sich meine Versicherung? Sie richtet sich, so richtet sie mir aus, nach den „gestiegenen Zahlungen für Leistungsfälle“. Aber ist damit schon alles erklärt? In der Zeitung lese ich, dass das Studentenwerk Chemnitz-Zwickau 2018 „Preisanpassungen“ vornehmen muss. Der dunklen Rede heller Sinn: Die Mieten pro Wohnheimplatz werden 2018 um sieben Euro steigen. Woran werden die Mieten angepasst? Sie werden angepasst (so lerne ich aus der Zeitung), um die Unterkünfte „wirtschaftlich“ betreiben zu können. Merke: Die Möglichkeit, etwas wirtschaftlich betreiben zu können, ist der Auslöser der „Anpassung“. Da muss man also nach der Bedeutung von und Synonymen für „wirtschaftlich“ fragen. DUDEN bietet mir im Wörterbuch und im Internet als eine Bedeutungsvariante von „wirtschaftlich“ an, „sparsam mit etwas umgehend“. Sieh’ da! Um sparsam mit etwas umgehen zu können, zum Beispiel mit Wohnheimplätzen, muss man mehr Geld verlangen. An wessen Sparsamkeit werden dann die Mieten für solche Plätze angepasst, wenn sie de facto erhöht werden? An die der Studierenden sicher nicht! Die Synonyme bei DUDEN.de klären mich auf, „wirtschaftlich“ steht beispielsweise für „gewinnbringend“, „lohnend“, „profitabel“, „lukrativ“. Zu guter Letzt lässt DUDEN vollends die Katze aus dem Sack und bietet als sinnverwandtes Wort noch „fett“ an. Mag sich jede und jeder jetzt selbst ihre und seine Gedanken machen, welche Erkenntnis über die herrschende Ökonomie darin steckt und wen „fett“ zu machen in dieser Wirtschaftsweise „Anpassungen“ dienen.
Die gewählten Beispiele sind jedoch noch harmlos, denke ich aktuell, an dem Tag, an dem ich diesen Text schreibe, an Siemens. Siemens passt an. Das heißt, Siemens macht sich gewinnbringend, lohnend, profitabel, lukrativ. Deshalb wird Siemens siebentausend Mitglieder seiner Belegschaft abbauen. Siemens wird allein in Sachsen zwei Werke schließen und in Erfurt eines vielleicht verkaufen. Das ist „Anpassung“ an die veränderte Nachfrage nach Kraftwerksausrüstungen, die den Profit schmälern könnte. Der ist doch gerade um 11% auf über sechs Milliarden gestiegen. Da darf es keine Verminderung geben. So hieße ja „Anpassung“ plötzlich Einbuße beim Konzern. Wir haben aber doch gerade gelernt, dass „anpassen“ für Unternehmen „gewinnbringend“ meint, andere aber bezahlen. Im konkreten Fall (und in vielen anderen auch) sind es die von der Firma abhängigen Lohnempfängerinnen und -empfänger. Kaum war die Nachricht von den „Anpassungen“ bei Siemens raus, stieg der Aktienkurs. Er passte sich an die „wirtschaftliche“ Lösung der Probleme an. Und wenn das den Belegschaften nicht passt, so schlägt ihnen die Personalvorständin vor, vom Protestmodus auf den Kooperationsmodus umzustellen, sich also an die Situation anzupassen. Frühverrentung, eine Auffanggesellschaft, Qualifizierung für eine andere Arbeit sind die Zaubermittel der Anpassung. Die Aktionäre gewinnen. Die Belegschaft muss Entlassungen, drastische Einkommenseinbußen und Veränderungen bis hin zum Umzug an andere Arbeitsorte hinnehmen. Man muss wirklich aufpassen beim Anpassen.

(Geschrieben für Links, Dezember/Januar 2017/8, 23.11.2017)

Von Narren und Narrativen

11. Oktober 2017
von Peter Porsch

Es ist sicher schon 15 Jahre her, da fragte mich ein Freund, der damals seine Brötchen als Kommunikationstrainer verdiente, welche Erzählung die PDS eigentlich anbietet. Das mit der „Erzählung“ war ziemlich neu. Es stand, kurz gesagt, für Kritik und Problemlösungsangebote. Dafür hatte man anno dazumal noch Programme, Grundsatzpapiere, Thesen usw. Heute braucht man dafür „Narrative“, also Erzählungen. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, von „narrare“ – erzählen. Kein Text, in dem nicht diese Narrative oder Erzählungen erwähnt werden, die die einen oder die anderen haben oder haben sollten. So weit so gut! Aber was hat es mit „Narren“ zu tun? Wortgeschichtlich hängen die beiden Wörter nicht zusammen. Woher das Wort Narr kommt, weiß man gar nicht genau. Manche leiten es vom spätlateinischen „nario“, der „Nasenrümpfer“ ab, manche meinen, es sei ein schallnachahmendes frühneuhochdeutsches Wort: Im 15. Jahrhundert sagte man für „knurren“ oder „nörgeln“ eben „narren“ oder „nerren“. Artikulatorisch bilden die beiden Wörter durch die gleichen Anlautsilben eine schöne Alliteration, einen Stabreim. Inhaltlich fällt einem vielleicht ein närrischer Nachahmungstrieb bei der gehäuften Verwendung von „Narrativ“ und ein unbedingtes Streben nach Modernität auf. Das macht mir die Sache aber nun nicht nur sprachpflegerisch, sondern auch politisch interessant.
Warum?
Ich frage, welche Narrative haben eigentlich die Politikerinnen und -politiker der AfD anzubieten und wie närrisch ist es ihnen zu folgen? Herr Höcke von der AfD singt das Warnlied vor dem drohenden Verlust einer ethnischen deutschen Zukunft: das Narrativ vom Mischvolk. Herr Meuthen bekräftigt das. Er erzählt uns, zu wenig Deutsche zu sehen, wenn er durch unsere Städte geht. Da geht ihm wohl Rasse verloren? Das bedrückt Herrn Gauland. Er beklagt in seiner Erzählung bereits den Verlust von Deutschland, will es uns aber zurückholen. Deshalb bläst er zur Jagd; zur Jagd auf die angeblich Schuldigen an diesem Verlust. Das ist zugleich ein schönes Beispiel für die Produktivität deutschen Volksliedgutes bei ihrem Übergang in die Politik: „Fuchs Du hast die Gans gestohlen …“ Knapp vor dem Übergang in heitere Stimmung ob solch närrischer Parallelität bleibt mir aber das schon aufkommende Lachen im Hals stecken. „Mischvolk“, „zu wenig Deutsche“, „Deutschland zurückholen“? Wo nehmen die das her? Wo führt das hin? Es gibt ein Buch, das heißt „Mein Kampf“. Der Autor war Adolf Hitler. Auch dieses Buch handelt von der Jagd, von der Jagd auf Fremdvölkisches und Fremdrassiges. Ein Herr Göring hatte dieses Buch gelesen, und als er Preußischer Innenminister wurde, teilte er dem Volk in einem Propagandafilm mit: „Die Städte müssen wieder gesäubert werden von ihren volks- und rassetrennenden Erscheinungen, die durch ihre zersetzende Tätigkeit deutsche Sitten untergraben.“ Herr Göring folgte nur der Stimme seines Herrn. Hitler schrieb im Nachwort von „Mein Kampf“: „Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muss eines Tages zum Herrn der Erde werden.“ Nun, Herren der Erde wollen die von der AfD (noch) nicht werden. Sie begnügen sich vorderhand mit Deutschland. So zum Beispiel auch das Mitglied der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag, Frau Wilke: „Damit wir nicht zu Fremden im eigenen Haus werden – holen wir uns unser Land zurück …“ (Blaue Post, Nr. 10, Seite 4). Sie treibt die Sache weiter: „Solange ich die Rechte eines anderen nicht verletze, kann mich niemand zur Toleranz verpflichten. Mehr noch, jeder hat das Recht zu diskriminieren, also Unterschiede zu machen.“ (ebenda) Hallo, das vergewaltigt aber die deutsche Sprache, und nicht nur diese: Die Bedeutung des Fremdwortes „diskriminieren“ beinhaltet „herabwürdigen“. Unvollständig übersetzt, um Dumme zu fangen und böse Absicht zu verbergen? Es gibt noch ein Narrativ, nämlich dass nicht alle Nazis seien, die die AfD gewählt haben. Das wird wohl stimmen. Dass sie aber offensichtlich Wegbereiter zurück zu den Nazis gewählt haben, könnte eine gefährliche Narretei gewesen sein.

(Geschrieben für Links, November 2017, 10.10.2017)