Skip to content

Vom Reden, Gerede, Gestammel und Schreien

26. Januar 2015
von Peter Porsch

Gibt es denn darüber was zu sagen? Der Volksmund weiß, „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Der Volksmund weiß freilich auch, dass jemand „Blech“ daherreden kann. Also was denn? Silber oder Blech? Bestimmte Leute (deren „Markennamen“ werde ich nicht durch Wiederholung propagieren), bestimmte Leute wollten in Dresden zunächst gar nicht reden. Sie wollten sich mit ihrem Schweigen vergolden als „patriotische Europäer“ und Goldmedaillengewinner werden im Rennen gegen die Islamisierung Europas. Das wurde jedoch nicht so richtig, weshalb sie dann doch redeten – und jetzt war es Blech. Blech kann aber gefährlich werden. Es hat scharfe Kanten, die verletzen. Blech wurde in der vorelektronischen Zeit auch für Theaterdonner verwendet. Es zeigte das Blech überlaut ein Unwetter an, das nur vorgetäuscht ist. Das Unwetter soll die Islamisierung sein. Wer glaubt denn so etwas? In der österreichischen Stadt Graz werden z.B. von den Menschen, die dort wohnen, im Alltag ungefähr 150 Sprachen gesprochen. Man redet einfach, wie einem der Schnabel gewachsen ist. In der Regel kommt man aber mit Deutsch oder dem, was das Steirervolk manchmal so dafür hält, am besten durch das Leben und durch das Reden. Die Stadt ist bunt, geprägt durch Menschen aus aller Herren Länder, kenntlich an ihrer Hautfarbe, an ihrer Kleidung und auch an ihrem Reden. Es gibt moslemische Bethäuser. Eine Moschee soll gebaut werden; und dennoch wird man am Sonntag durch das Läuten der christlichen Kirchenglocken geweckt, nicht durch den Muezzin. Man grüßt sich christlich mit „Grüß Gott!“. Gerade die Christinnen und Christen denken sich aber selten etwas dabei. Für sie ist es einfach landesüblich. Es hält zusammen und grenzt vom „Guten Tach“ der Piefke ab.
„Es hält zusammen und grenzt ab“? Das machen Grüße überhaupt. Auch wenn sie nur so daher geredet werden. Der Gruß teilt nichts mit. Er stellt eine soziale Beziehung her, bekräftigt und stabilisiert sie. Reden ist eben oft mehr, als etwas wörtlich gemeint mitzuteilen. Wenn da nun welche in Dresden oder anderswo schreien, „wir sind das Volk“, verkünden sie der Welt am wenigsten eine Tatsache. Nein, sie versuchen damit, sich selbst als genau dieses Volk, das sie nicht sind, zu konstituieren und andere vom Volk auszuschließen. Solches muss man nicht vor sich selbst begründen. Das gemeinsame Schreien reicht. Das ist Handeln mit sozialen Folgen. Es gibt ein gutes Gefühl, ein Gefühl des Erfolges, der Übereinstimmung, der Überlegenheit. Deshalb schreien anderswo welche „Toooor!“ Das teilt auch nicht wirklich mit, dass jetzt ein Tor gefallen ist – hat das doch jede und jeder gesehen, ob Freund oder Gegner. Eine gemeinsame Gefühlswelt kommt vielmehr zum Ausbruch. Man gehört zusammen! „Wir sind das Volk!“ Das war tatsächlich einmal eine wörtlich zu nehmende Mitteilung an jene, die behaupteten, „alles mit dem Volk, alles für das Volk und alles durch das Volk“ zu machen. Doch sie hatten das Volk längst enttäuscht, weil sie sich selbstgefällig über dieses erhoben hatten. In Dresden ist der Ruf nur ein diffuser Ausdruck von amorphem Frust, den man oft gar nicht in Worte fassen kann. Wir sind wir und die anderen sind die Anderen! Wir fühlen uns schlecht, warum auch immer, aber uns gehört das Land, und es sind zu viele da, die nicht dazu gehören, bloß unser Geld kosten und unser Brot essen.
Gerede, Geschrei und Gestammel haben ihr Ziel erreicht, zumindest bei „denen da oben“. Die beeilen sich, die unliebsamen Fremden als Fremde zu behandeln. Freilich wollen sie auch reden, reden mit denen, die das eigentliche Reden so lange verweigerten. „Der Redner regiert den Haufen“, sagte schon im 16. Jahrhundert der Magdeburger Pastor Georg Rollenhagen. Die Machtfrage ist gestellt! Welcher Redner regiert den Haufen? Das vorbestrafte Hitlerdouble, für den Menschen „Viehzeug“, „Gelumpe“ oder „Dreckspack“ sein können, oder der gesittete Ministerpräsident? Es besteht der Verdacht, dass auch Letzterer mit seinem Reden nicht mehr bezweckt, als die Leute auf seine Seite zu ziehen, ohne ihre eigentlichen Probleme wirklich zur Kenntnis zu nehmen oder gar lösen zu wollen. Man nennt das „schwindelig reden“. Der falsche Feind des „Haufens“ kommt da sehr gelegen.

(geschrieben für Links Februar 2014, 25.01.2015)

Von Wölfen, Hündchen und Drachen

24. November 2014
von Peter Porsch

Man weiß ja nicht, warum und mit welcher Absicht Väter und Mütter die Vornamen ihrer Kinder auswählen. Der Gründe gibt es sicher viele, von Familientraditionen über Wohlklang im Verein mit dem Nachnamen, bis hin zur Hoffnung, der Name könnte ein Vorzeichen abgeben für das Leben, das Leben in seinem Verlauf prägen. „Nomen est omen“ meinten deshalb die alten Römer. Wollen wir uns aber nicht zu sehr versteigen. Solche Namenssymbolik ist sicher nicht weit weg von Astrologie. Sein kann aber doch, dass Eltern einen Namen wählen, um den Charakter des Sprößlings zu formen.
Warum nennt einer z.B. seinen Sohn Wolf? Ein häufiger Name war das nie und ist es heute nicht. Ganz selten ist er aber auch nicht. Der Wolf bedeutet den Menschen etwas. Nicht immer Gutes. Doch er ist auch „Isegrimm“. Das kommt von „Eisen“ und „grimmig“ und ist etwas, worauf man sich verlassen kann. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, könnte einer denken und kann es auch erfahren haben; erfahren, so wie es heute gemeint ist: dass nämlich die Wölfe des Kapitals einen Werftarbeiter kräftig beißen, wenn er nicht spurt, am Ende sogar den Juden zu Tode hetzen, weil 1936 der schlimmste dieser Wölfe schon „Adolf“ heißt, was zynischer Weise „edler Wolf“ bedeutet. In solcher Zeit kann man sich schon einen Wolf wünschen, der zurückbeißt. Mag sein? Ich weiß es nicht! Der Wolf war aber nun mal da. Und er wusste vom Vater, mit wem er zu heulen und wen er zu reißen hatte. Deshalb wechselte er schließlich sogar das Rudel und den Bau.
Die Geschichte könnte jetzt zum guten Ende gekommen sein – und wenn er nicht gestorben ist, dann heult und beißt er heute noch. Nun, gestorben ist er nicht, er heult noch und beißt und beißt um sich. Aber wie das so ist mit dem Wechsel des Rudels. Fremd bleibst Du dennoch. Das Rudel freut sich über Dich, zum Alpha-Tier taugst Du aber nicht. Im fremden Bau muss der übergelaufene Wolf feststellen, dass es eine sehr feste Ordnung gibt, die ihm gar nicht behagt, und dass Stolz und Eitelkeit und Ehrgeiz nicht erwünscht sind. Das Rudel ist alles – und Schluss! Wer das nicht kapiert und immer wieder dagegen löckt und heult, wird eines Tages rausgeschmissen aus der Wolfshöhle und findet sich – hast Du nicht gesehen – wieder im alten Bau und beim alten Geheul. Solches Schicksal darf keine Niederlage sein oder wenn, dann eine für die andere Seite. Ist sie ja auch. Schon deshalb, weil plötzlich noch so mancher Wolf das Rudel der vorgeblich Guten verlässt. Deren Höhle und ihre Herrscher können jetzt nicht schrecklich genug besungen werden. Am Ende werden die Wölfe von dort immer größer und immer schlimmer. Schließlich sind sie Drachen und Drachenbrut und der verstoßene Wolf wird zum Drachentöter. Die ersehnte Prinzessin hat er dafür nicht gekriegt. Eigentlich – so erzählt man zumindest – sollte es eine Margot sein. Der Name ist eine Abwandlung von Margarethe und bedeutet „Perle“. Sie blieb die Perle des Alpha-Tiers im alten Bau …
In Karl Friedrich Wilhelm Wanders „Deutsches Sprichwörter-Lexicon“ (erschienen in fünf Bänden in Leipzig von 1867 bis 1880) findet man 662 Sentenzen zum Wolf, freilich keine, in der der Wolf Drachen tötet. Seine Opfer sind die Schafe. „Der Wolf frisst das Schaf und die Zeit die Lüge“, finde ich bei Wander. Und so muss der alte Wolf einen Ausweg suchen, um sich die Anerkennung als Drachentöter zu erhalten. Als einsamer Steppenwolf will er nicht sterben. Was ist denn aus den so gefährlichen, gefräßigen, grausamen Wölfen geworden? Die Menschen nahmen sich ihrer an und sie wurden ihre treuesten Begleiter. Sie beißen noch, sie bellen und heulen, dem menschlichen Herren jedoch unterwerfen sie sich, egal was und wie der ist. Den Wolf unserer Geschichte ereilte sein Schicksal. Er bellt gegen die Drachenbrut und ist das Hündchen seiner neuen Herren. Diese geben ersehnte Anerkennung und Streicheleinheiten. Den Nachkommen der „Drachen“ aber sage ich: Drachen waren einst sehr gefürchtet, und nur mit List zu bezwingen. Heute hält man sie für niedlich und lieb. Sie wollen wie der Drache Grisu Feuerwehrmann werden, statt Feuer zu speien. Alle Achtung! Aber auch – Achtung! Das könnte manchmal dem Weg vom Wolf zum Schoßhund gleichen.

(geschrieben für Links, Dezember 2014, 23.11.2014)

Die Geschichte von der Geschichte

9. November 2014
von Peter Porsch

Manchmal dümpelt Geschichte vor sich hin, über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende oder wenigstens 40 Jahre, und manchmal legt sie ein Tempo vor, dass Du mit dem Moped nicht hinterher kommst. Da verlässt man z.B. am Montagabend der Herbstmessewoche 1989 das Uni-Hochhaus in Leipzig gegen Sechs und bis nach Hause ist schon alles anders.
Es war noch ein lauer Frühherbsttag. Dennoch war es geraten, für die Fahrt abends mit dem Moped bereits eine Jacke über dem Jackett zu tragen. Fahrtwind ist selbst bei nur 50 km/h etwas Kaltes und Unangenehmes, wenn die Luft sich in die Gegend der 10-Grad-Marke abkühlt. Auf dem Jackett unter der Jacke, links am Revers steckte das Parteiabzeichen. Das wärmte nicht, auch wenn es gleich bis auf die Haut brennen sollte. „Genossen! Für dieses Abzeichen sind Menschen in den Tod gegangen“ tönte vor nicht all zu langer Zeit der Kreissekretär jenen entgegen, die auch in der Parteiversammlung kein solches Abzeichen sehen ließen. Da waren schon zu viele in der Partei, weil halt eine Hand die andere wäscht. Das musste man nicht auch noch vor sich hertragen mit den verschlungenen Händen auf dem kleinen ovalen Ansteckmedaillon. Ich trug es jedoch und war der Meinung, meine Hände wären sauber ohne anderer Hände Zutun. Nur, was einer meint, was wirklich der Fall ist und was andere so denken, das sind dreierlei Dinge. Da ist es manchmal gut, wenn die drei Dinge schon aufeinander treffen sollten, dass man nicht gleich erkennt, dass da einer ist, den man es ausbaden lassen könnte. Denn kaum rechts abgebogen aus der Goethestraße war ich plötzlich eingekeilt und zum Anhalten gezwungen. Eine bewegte Menschenmenge, kam von mehreren Seiten auf mich zu, rannte an mir vorbei, wollte hin zum Bahnhof. Der Motor lief. Das war wahrnehmbar. Das Abzeichen nicht. Es steckte nicht mehr nur so, sondern jetzt muss man sagen zum Glück oder gar Gott sei Dank, unsichtbar unter der Jacke. Wer weiß, was es in diesem Moment anzurichten imstande gewesen wäre. Die Montagsbeter waren ausgerissen. Nicht gleich bis zum Ziel ihrer Träume, dem Westen, aber doch aus der Absperrung um die Kirche, hinaus in die Stadt, hin zum Bahnhof eben. Das waren keine Freunde derer, die das Abzeichen trugen. Und je weiter sie rannten, desto mehr rannten mit ihnen. Es ging eben los, worauf schon viele gewartet hatten. Das Signal dafür war nicht vereinbart und funktionierte doch wie die Muttersprache, die für jeden Menschen plötzlich da ist und zuvor keiner Absprache bedarf.
Der Motor lief und die Menschen liefen. Das vertrug sich irgendwie nicht: „Komm, mach aus. Das dauert jetzt etwas länger“, meinte jovial ein Vorbeieilender zufrieden schmunzelnd und drückte dabei jenen Hebel an meinem Moped, der den Motor zum Verstummen brachte. Und zu Ende war mit dem abgewürgten Motor, was zuvor für dauerhaft gehalten war. Es war mir plötzlich im ganzen Körper spürbar, dass ab jetzt nichts mehr so bleiben konnte, wie es war und lange genug gedauert hatte.
Die Fahrt konnte ich ziemlich bald fortsetzen. Es waren alle im Bahnhof untergekommen. Da drinnen brodelte es. Die Straße war wieder frei – jedenfalls für ein Moped. Im Rosenthal wurde es ein holprig-ängstlicher Ritt durch das Dunkel des Parks und der kommenden Geschichte. Mein Scheinwerfer und die Straßenlichter ließen nicht viel nach vorne erkennen. Meine Gedanken auch nicht. Ich sah den Erlkönig, und trug mich selbst durch die Nacht und den Fahrtwind. Die Hoffnung, mit mir selbst im Arm lebendig anzukommen, war dem Ritt mit dem Moped und der eben begonnenen Reise in eine in einer kurzen halben Stunde mit Gewissheit schon ungewiss gewordenen Zukunft gemeinsam. Es ist alles vorbei und es wird alles anders und wir wissen nicht, was aus uns wird. Das war die Nachricht, die ich am Ende dieses Tages einer noch ahnungslosen Frau und einem nichts ahnenden Kind nach Hause brachte. Dass sich die Ereignisse in den nächsten beiden Monaten überstürzen würden, war noch nicht vorstellbar, auch nicht der neue Anfang, schon gar nicht der lange Weg bis heute.
(geschrieben für Links, November 2014, 28.09.2014)