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Was sich haben soll, das kriegt sich auch (deutsches Sprichwort)

19. Juli 2015
von Peter Porsch

„Alles fließt“, wussten schon die alten Griechen und Römer, „es gibt nichts auf der Welt, das für immer so bleibt, wie es gerade ist“, führten sie deshalb weiter aus! Warum sollte das eigentlich ausgerechnet für die Ehe nicht gelten? Konservative Politiker und Politikerinnen wollen uns in der aktuellen Debatte um die Zulassung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partner/innen genau das aber weismachen. Ihr Argument knallhart auf den Punkt gebracht: Ehe ist eine Fortpflanzungsgemeinschaft und die kann es natürlicher Weise nur zwischen Mann und Frau geben. Klingt wie Einsicht in die Notwendigkeit, ist aber gewollt oder ungewollt ein grobes Missverständnis über das Wesen der Ehe. Ja, der Ehe entsprangen über die Jahrtausende und entspringen heute meist auch Kinder. So entstehen Familien. Sie waren und sind etwas anderes als Ehen. Wer das nicht glaubt, suche im Internet einmal nach Aphorismen, Sprichwörtern und Zitaten zur Ehe. Zu kaum einer menschlichen Institution gibt es so viele überlieferte Weisheiten wie zur Ehe. Aber man wird kaum etwas finden, was der Ehe das Kinderkriegen als ihren wesentlichen Zweck zuordnet. Natürlich stimmt es, dass hinter allen Weisheiten – sozusagen unausgesprochen – Ehe als die traditionelle Verbindung von Mann und Frau verstanden wird. Viel wichtiger ist aber, dass eben diese Verbindung immer als eine Verbindung dargestellt wird, in der sich zwei erwachsene Menschen zueinander bekennen und miteinander auskommen müssen, im günstigen Fall auch miteinander und aneinander wachsen. „Denke daran, dass eine gute Ehe von zwei Dingen abhängt: 1. den richtigen Menschen zu finden und 2. der richtige Mensch zu sein“, ist zum Beispiel eine solche alte Einsicht. Friedrich Nietzsche, kein Freund der Ehe und deshalb mit einem umso verlässlicheren Blick auf Ehen, meint: „Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf. Dazu helfe dir der Garten der Ehe“.
Ehe ist etwas sehr Intimes zwischen Menschen. Das ist anthropologischer Natur, berührt etwas allgemein Menschliches, tendenziell Unveränderliches. Dass es immer nur zwei Menschen sind und dass diese verschiedenen Geschlechts sein sollen, ist ein kultureller Tatbestand, hat also Geschichte und ist veränderlich. „Ehe ist (nur) das öffentliche Bekenntnis einer streng privaten Absicht“. Auch so wird Ehe aphoristisch umschrieben. Es ist noch nicht lange her, da war die Dominanz des Mannes auch und nicht zuletzt im europäischen Verständnis vom Institut der Ehe festgeschrieben. Der Mann war „Haushaltsvorstand“. Er hatte Macht über die Frau, bestimmte den Wohnsitz, unterschrieb ihren Antrag für einen Reisepass und entschied über ihre Berufstätigkeit. Später war es immerhin schon die Person, die mehr zum gemeinsamen Einkommen beitrug. Heute wird auf solchen Quatsch gepfiffen. Selbst die „eheliche Pflicht“ gibt es nicht mehr, wohl aber den Tatbestand der Vergewaltigung in der Ehe – alles fließt! Es änderte sich nicht nur das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe. Es änderte sich jetzt auch die kulturelle Festlegung auf Partner unterschiedlichen Geschlechts. Konservative im schlechten Wortsinn wehren sich dagegen, können Veränderung nicht denken und noch weniger aushalten. Wirklich Konservative schätzen die Veränderung, weil nur sie menschlichen Bedürfnissen auf Dauer Rechnung trägt. Die Zulassung von Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ohne irgend eine Einschränkung steht also auf der Agenda unserer Entwicklung. Familien entstehen dann anders als nur durch Geschlechtsverkehr. Wenn Frau Kramp-Karrenbauer, die saarländische Ministerpräsidentin, befürchtet, es könnten irgendwann auch drei oder mehr heiraten wollen oder Verwandte – mag sein. Wir sind wieder bei Nietzsche und seiner Forderung an die Ehe, sich in ihr „hinauf zu pflanzen“ – wer auch immer mit wem. Und um Frau Kramp-Karrenbauer einen richtigen Schreck einzujagen, überlege ich, mich selbst zu heiraten, und wenn ich mich überlebt habe, Hinterbliebenenrente zu kassieren.

(Geschrieben für DISPUT, Juli 2015)

Sein und rechtes Sollen

25. Juni 2015
von Peter Porsch

Wir müssen es zur Kenntnis nehmen: Gerade in den wohlhabenden europäischen Ländern wie vor kurzem in Dänemark, in Österreich, in Frankreich oder Finnland, aber auch in Ungarn und nicht zuletzt auch bei uns feiern rechtspopulistische, nationalistische, ausländerfeindliche, antiislamische Parteien und Bewegungen bei Wahlen und auf der Straße Erfolge. Übersehen kann man dabei nicht, dass die rechten Agitatoren Ängste schüren, die angesichts zuvor lange nicht gekannter Flüchtlingsströme nach Europa bei nicht wenigen aufkommen. Das Buhlen um die Ängstlichen und das irrationale Bestätigen ihrer Ängste hat System. Eine Partei, die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) heißt, tut sich in dieser Sache besonders hervor, ist Vorbild für ähnliche Parteien in anderen Ländern, entwickelt unheilvolle Initiativen auch auf europäischer Ebene. Der jüngst erfolgte Zusammenschluss einschlägiger Parteien zu einer Fraktion im Europaparlament geht maßgeblich auch auf diese Partei zurück. Sie nennt sich gerne „soziale Heimatpartei“. Mit Losungen wie, „Fremd im eigenen Land“, „Heimat und Werte erhalten“ oder „Heimatland in Heimathand“, suggeriert sie Heimatverlust und zumindest Gefahr für Hab und Gut durch Überfremdung. Bei den Gemeinderatswahlen in der Tiroler Hauptstadt Innsbruck verstieg sich der Spitzenkandidat der FPÖ auf seinem Plakat zu dem Spruch, „Heimatliebe statt Marokkanerdiebe“. Das Plakat musste auf Initiative der marokkanischen Botschaft eingezogen werden.
Mit Forderungen wie „Wohnungen statt Moscheen“ oder „Grenzkontrollen sofort“ hat diese Partei bei Landtagswahlen in den österreichischen Bundesländern Steiermark und Burgenland kürzlich ihre Stimmenanteile fast verdreifacht. Im Burgenland gingen daraufhin die Sozialdemokraten (SPÖ), die knapp vor den Konservativen (ÖVP) und eben der FPÖ die Wahlen gewonnen hatten, eine Koalition mit der FPÖ ein. Das bringt der SPÖ derzeit eine Zerreißprobe. Der SPÖ-Bürgermeister von Wien, wo im Herbst Wahlen anstehen, hält die Koalition für einen Fehler und distanzierte sich deutlich, wie nicht wenige in seiner Partei, von diesem Bündnis. „Grenzkontrollen sofort“, brachte der FPÖ den Erfolg im Burgenland mit seiner Grenze zu Ungarn. Gerade die Öffnung dieser Grenze wurde 1989 bejubelt und läutete das Ende des „Staatssozialismus“ in Europa ein. Ein neuer „Eiserner Vorhang“ wird gerade mit österreichischer Hilfe zwischen Ungarn und Serbien errichtet. In der Steiermark musste der Wahlsieger SPÖ den Posten des Landeshauptmannes (vergleichbar unseren Ministerpräsidenten) an die zweitstärkste ÖVP abgeben, um eine Koalition ohne FPÖ zu retten.
Halbherzige Politik bereitet den Boden für den Erfolg. Ein einschlägiger Journalismus steht den Angstmachern der FPÖ zur Seite. So weit, so schlecht! Neuerdings wurde jedoch eine unglaubliche, in ihrem Zynismus kaum mehr zu übertreffende Steigerung Realität: Die steirische Landeshauptstadt Graz erlebte am 20. Juni eine fürchterliche Tragödie. Die Stadt ist bunt, sie besitzt südländisches Flair und zeigt Bodenständigkeit, ist steirisch und weltoffen zugleich. Studierende aus vielen Ländern machen sie jung. Dazu kommen aus den unterschiedlichsten Gründen Zugewanderte. Die Stadt ist sichtbar multikulturell, ohne ihr traditionelles Gesicht auch nur im Ansatz verloren zu haben, und in der Mehrheit ihrer Bewohner erfreulich tolerant. In dieser Stadt tobte an besagtem Tag ein Amokfahrer mit seinem Auto durch die samstäglich belebte Innenstadt. Er hinterließ ein Schlachtfeld, drei Tote (eine Frau, ein Mann und ein vierjähriges Kind) und 36 zum Teil schwer Verletzte. Die Stadt stand und steht noch immer unter Schock. Ein Heinz Christian Strache, seines Zeichens Bundesvorsitzender der FPÖ, nutzte jedoch die Gunst der Stunde. Als – warum eigentlich? – gemeldet wurde, der Amokläufer sei österreichischer Staatsbürger bosnischer Herkunft, war seine prompte Botschaft: „Wahnsinnstat in Graz! Der Täter ist aus Bosnien. Ein religiös begründetes Attentat wird nicht ausgeschlossen.“ „Wird nicht ausgeschlossen“ – von wem eigentlich? Wie sich herausstellte, nur von Herrn Strache und einem Journalismus, der seine Instrumentalisierung des unendlich Tragischen subtil unterstützt.
Der 26-jährige Wahnsinnstäter war in Bosnien geboren, aber bereits im Alter von vier (!) Jahren mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem Krieg in Jugoslawien nach Österreich gekommen. Die Motive für die Tat lagen offensichtlich in unbewältigten familiären Problemen. Das meldeten die Ermittlungsorgane und alle seriösen Medien. Ob sie in voller Absicht und wütend geplant begangen wurde oder psychotisch gelenkt war, blieb auch in der Woche danach noch offen. Die in diesen Dingen niemals zimperliche „Kronen-Zeitung“ beförderte jedoch in ihrer Berichterstattung eine andere Richtung: „Laut derzeitigem Ermittlungsstand ist der 26-jährige Amoklenker zwar kein Mitglied einer Islamistengruppe, doch sein blindwütiges Vorgehen gegen völlig unbeteiligte Passanten trägt leider auch die schreckliche Handschrift von Dschihadisten-Einzelkämpfern“ (12.Juni, S. 5). Der Verdacht ist eröffnet! Jetzt kann es munter weitergehen. Man erinnert an eine Großaktion der österreichischen Polizei im Herbst des Vorjahres, als in mehreren Städten Österreichs, so auch in Graz, eine Großrazzia gegen die „Islamistenszene“ (Deckname „Palmyra“) stattfand. „Noch kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem gebürtigen Bosnier um einen ,Schläfer‘ … handelt …“. Man sichert sich freilich ab und bestärkt zugleich den Verdacht: „Fix ist nur, dass der Amoklenker NICHT zu den Verdächtigen im Islamisten-Fall ,Palmyra‘ zählte“ (ebenda). Sonst ist aber wohl alles möglich? Am Tag darauf legte man nach: „Alen R. soll neue Freunde kennengelernt haben und öfters in eine Moschee gegangen sein“ (22. Juni, S. 11). Die Absicherung folgt wieder auf dem Fuß: „Dass er dort radikalisiert worden ist, ist Spekulation“ (ebenda). Möglich ist aber bei solchem Umgang alles: „Die Diagnose, er könnte unter einer Psychose leiden, beruht auf der Vermutung einer Polizeiärztin“ (ebenda). Was weiß die schon? Das fügt sicher so mancher und manche in Gedanken hinzu. Leserbriefe und viele Kommentare zur Berichterstattung in der Internetversion der Zeitung bestätigen dies: „… und wenn es doch Terror war und die uns nur beruhigen wollen …?“ “Soll”, “zwar”, “wenn”, “doch”, “leider”, “nur” …; vorsichtshalber also doch “Ausländer raus!”? – Die giftige Soße ist angerührt.

(Geschrieben für Links, Juli/August 2015, 25.06.2015)

Nach den Anschlägen vor allem in Tunesien und Frankreich, aber auch in Kuwait vom 26. Juni 2015 füge ich hinzu: Wer alle unsere Mitmenschen mit ausländischer Herkunft unter Generalverdacht stellt, bekämpft tatsächlich bedrohlichen Terrorismus nicht, sondern treibt ihm Menschen in die Arme, zumal wenn sie persönliche Probleme haben.

Ein Schelm, der Böses dabei denkt …

20. Juni 2015
von Peter Porsch

Der Schelme (und Schelminnen) gibt es offensichtlich sehr viele, zumindest wenn es darum geht, Wirklichkeit und Wahrnehmung von sexueller Vielfalt in der Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen. BILD bildet da zum Beispiel in besonderer Weise: „Linke kämpft für mehr Schwul-Unterricht“. Das war eine Überschrift in der Dresdner Ausgabe vom 10.06.2015. „Schwul-Unterricht“? Was war geschehen? Der Untergang des Abendlandes sollte im Sächsischen Landtag heraufbeschworen werden. Da waren sich BILD mit ihrer Überschrift und die Abgeordneten von CDU und AfD einig. Sie dachten sich unisono Böses bei einem Antrag der Fraktion DIE LINKE, der die Sexualbildung in den sächsischen Schulen modernisieren wollte. Es sollte Schülerinnen und Schülern die reale Vielfältigkeit sexuellen Lebens nicht vorenthalten und auch die real längst in Frage gestellte binäre Kategorisierung der Geschlechter in Mann und Frau problematisiert werden. Wir wissen alle, dass mit den alten Erzählungen von sexueller „Normalität“ Ausgrenzungen und Diskriminierungen verbunden sind, mit zum Teil fatalen Folgen für Betroffene. Warum sollte das in der Schule nicht thematisiert werden? „Schwul-Unterricht“ war da nicht vorgesehen, wohl aber zum Beispiel und unter anderem die Unterrichtung über die Realität von Schwul-Sein. Die Schelme, männlich und weiblich, wollten das aber nicht wahrhaben. Die Vermutung des Bösen, dem unsere Kinder in der Schule ausgeliefert werden sollten, trieb seltsame Blüten. „Die Schule darf nicht zum Experimentierfeld des Zeitgeistes werden“, empörte sich Herr Sebastian Fischer von der CDU. Der Bezug zur Wirklichkeit sexueller Vielfalt wurde als eine „ideologisch verordnete Sexualbildung an Schulen“ denunziert. Von der AfD kam die Mahnung, dass die Kinder in der Schule Rechnen, Lesen und Schreiben zu lernen hätten und das Abfassen sprachlich korrekter Bewerbungsschreiben. Ihre Sexualität sollten sie aber selbst entdecken. Auweia! Das tut wirklich weh! Rechnen, Schreiben, Lesen – das ist Zeitgeist der Kaiserzeit. Mehr war für Untertanen und künftige Soldaten damals nicht nötig. Befähigung oder gar Ermutigung zu einem selbstbestimmten Leben war gleichgestellt mit Gotteslästerung. Sexualität dient einzig der Fortpflanzung. Lust ist Sünde!
„Die Sexualität selbst entdecken“ – das heißt doch letztlich die Kinder und Jugendlichen mit ihrer Sexualität alleine zu lassen, mit all den frühen Überraschungen, aber auch Nöten, verqueren Phantasien und Schuldgefühlen, sie letztlich der Aufklärung auf der Straße und tollpatschigen Ersterlebnissen mit sich selbst und anderen zu überantworten. Das war Zeitgeist vor noch nicht allzu langer Zeit und sehr wohl auch Unterrichtsprinzip in den Schulen. „Schwul-Unterricht“? Wenn es den überhaupt geben kann, dann fand er in einem anderen Typ Schule statt. Es wird sich im Osten Deutschlands kaum noch wer vorstellen können, wie es in Knaben-Schulen (und sicher auch in Mädchen-Schulen) zuging. Ich habe 12 Jahre Knaben-Schule durchlaufen. Dort wurde in der Pubertät Homosexualität zum heimlichen Notprogramm heterosexuell veranlagter Menschen, was übrigens der Diskriminierung von Homosexualität auch noch Vorschub leistete, weil die Heteros ihre Ausflucht als „beschämend“ und ihren eigentlichen Sehnsüchten widersprechend empfanden. Liebe Leute von CDU und AfD und BILD, habt ihr denn übersehen, dass es eine Entwicklung gibt: Ehebruch (einst § 195 StGB) ist längst nicht mehr strafbar. Hoteliers müssen gemeinsam übernachtende Paare nicht mehr nach der Eheurkunde fragen, weil sie sich ansonsten des Verdachtes der Kuppelei aussetzten. Der § 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe stellte, existiert nicht mehr. Aber Frau Andrea Kersten von der AfD sagt: „Die Ideologie ,Gender‘ ist durch die Bürgergesellschaft nie legitimiert worden“. Natürliches Geschlecht unterliegt aber sozialer Prägung, und ist auch soziale Konstruktion, die an der Realität der eigenen sexuellen Einordnung von Menschen vorbeigehen kann. Frau Kersten aber schließt (mit Christian Morgenstern) „messerscharf – (dass) nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Eine Schule, die so an die Welt herangeht, sollten, nein müssen wir unseren Kindern wirklich ersparen. Das gilt übrigens nicht nur für die Sexualität!

(Geschrieben für Links Juli/August 2015 – 16. Juni 2015)