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Zweitausend Jahre – und nichts geändert

24. Mai 2017
von Peter Porsch

Aufmerksame Leserinnen und Leser meiner Kolumnen werden sich erinnern, einen ähnlichen Titel gab es schon mal. „Zweieinhalbtausend Jahre – und nichts geändert“ hieß es 2013 in der Novembernummer von „Links“. Es ging damals um die hinterhältig-schmeichelhafte Rede des römischen Konsuls Mennenius Agrippa, mit der er die sich verweigernden Plebejer zur Sicherung römischer Herrschaft wieder nach Rom zurück lockte. Sie waren auf den Heiligen Berg ausgewandert. Das alles hatte für mich große Ähnlichkeit mit Bemühungen verschiedener Parteien im Bundestagswahlkampf, die Einheit aller Deutschen zwecks Sicherung und Ausbau deutscher Stärke zu beschwören.
Heute setzen wir etwa 500 Jahre später an. Um die Zeitwende hatte das Römische Reich bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Gut 500 Jahre zuvor hatte man das Königtum durch eine geniale republikanische Staatsform abgelöst. Alle Ämter durften nur für ein Jahr bekleidet werden und waren doppelt besetzt, bis in die Staatsspitze. An der standen zwei Konsuln. Nur in Krisenzeiten, bei Krieg, innerem Aufruhr oder für bestimmte protokollarische Pflichten, wurde für eine begrenzte Zeit (maximal 6 Monate, oft aber auch nur für Stunden oder Tage) eine Einzelperson als Diktator ernannt. Das funktionierte lange ganz gut, wurde der Republik aber schließlich doch zum Verhängnis. Lassen wir alles zuvor Passierte im Schoße der Geschichte ruhen und kommen wir ins Jahr 44 vor unserer Zeit. Nachdem Gaius Julius Caesar eine Reihe von Kriegen und Machtkämpfen geführt und gewonnen hatte, wurde er schließlich auf sein Betreiben hin vom Senat zum „dictator perpetuus“, zum „Diktator auf Lebenszeit“ ernannt. Seiner Macht entledigte man sich wieder – durch Mord. Seinem Nachfolger Augustus konnte man nicht mehr entkommen. Er erfand das „Prinzipat“ und wurde im Jahr 27 vor der Zeitwende von einem hilflosen und willfährigen Senat mit Sondervollmachten ausgestattet, die pro forma immer wieder erneuert wurden, aber de facto für immer galten. Damit waren die Grundlagen des Römischen Kaiserreiches gelegt, das gut 600 Jahre andauern sollte.
Wem jetzt noch immer nicht der Franzose Emmanuel Macron oder der Österreicher Sebastian Kurz eingefallen ist, dem und der ist nicht zu helfen. Ich will es dennoch versuchen. Übrigens kann man auch noch den polnischen Präsidenten Jaroslaw Kaczynski oder den ungarischen Premier Victor Orban in der Reihe nennen. Sie ist damit längst nicht komplett. Die Wege dieser Männer waren und sind verschieden, das angestrebte Ende ähnelt aber immer dem der römischen Geschichte. Bei Macron und Kurz ist es nicht gleich ein Ende für ihr Land, aber zumindest für ihre Parteien. Macron ließ sich vom Volk die Vollmacht geben, Erster im Staate zu sein. Das ist gelungen. Danach erst hat er eine Partei gegründet, in der er alle Vollmachten hat und die ihm den endgültigen Sieg, den Sieg bei den Parlamentswahlen geben soll. Er bestimmt allein die Regierung und allein die Kandidatinnen und Kandidaten zur Parlamentswahl. Der zornige junge Mann Kurz ging umgekehrt vor. Er bemächtigte sich zuerst der altehrwürdigen Österreichischen Volkspartei und stellte ihr sieben Bedingungen, deren Erfüllung ihm das alleinige Sagen in der Partei gibt. Der Putsch war erfolgreich. Die Parteigranden gaben klein bei wie einst der Römische Senat bei Caesar und Augustus. So ausgestattet will er nun die nach seinem Willen vorgezogenen Nationalratswahlen im Herbst gewinnen. Es ist überhaupt nicht abwegig anzunehmen, dass Macron und Kurz, wenn ihnen ihre Vorhaben glücken, den Staat nicht anders regieren werden als ihre Parteien – autokratisch. Ich will keine platten Vergleiche anstellen, doch wehret möglichen Anfängen. Ähnlich begann das Verhängnis in der Zwischenkriegszeit in Italien und Deutschland. Ein Sieg bei Wahlen brachte Männer an die Macht, die die Diktatur wollten und schließlich auch durchsetzten. Zeus entführte einst die schöne Frau Europa. Was Europa jetzt bleibt ist die Hoffnung, dass jene Frauen, die von den Herren zwar umgarnt, aber letztlich auch nur auf streng quotierte Listen „entführt“ wurden, sich wehren und so mögliche schlimme Vorhaben der „starken Männer“ verhindern könnten.
(Geschrieben für „Links“ Juni 2017, 21.05.2017)

Not macht erfinderisch

18. April 2017
von Peter Porsch

Das weiß das einfache Volk im Vertrauen auf die eigene Kraft. Dass es oft so ist, kann man am Einzelfall belegen, und dass es dazu manchmal mehr der Not als technischer Raffinesse bedarf, auch. So wurde zum Beispiel vor gerade 200 Jahren etwas erfunden, was – glaubt man wieder dem Volk und seinen Weisheiten – nicht noch einmal erfunden werden muss: das Fahrrad. Zwar war es damals eher so etwas, was man heute als Laufrad kennt und nur mehr für Kinder bestimmt ist, aber es fuhr; und es fuhr schneller als man laufen konnte. Es verwertete also den möglichen Energieaufwand eines Menschen für die Fortbewegung besser als die Fußläufigkeit. Die Not dafür war durch eine Missernte gegeben, die vor 200 Jahren nicht nur die Menschen hungern und sterben ließ, sondern auch Pferde. Pferde und ihre Haltung wurden sehr teuer und damit auch das damals übliche Transportwesen. Ein Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn ersann Abhilfe und baute das Laufrad – aus Holz und eben ohne Pedale. Die Pedale und der Kettenantrieb kamen erst 50 Jahre später aus Frankreich, Dazwischen gab es quasi eine Sackgasse der Entwicklung zu höherer Geschwindigkeit, das Hochrad. Dem Kettenantrieb folgte die Gangschaltung usw,, bis das uns heute bekannte Fahrrad mit all seinen Finessen fertig war. Neu erfunden werden musste das Fahrrad tatsächlich nicht mehr, weiterentwickelt und verbessert wurde es sehr wohl. Aber auch seine Nutzung veränderte sich. Vom Hochrad als Statussymbol Wohlhabender wurde es mehr und mehr zum erschwinglichen privaten Verkehrsmittel, und als es als solches in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts vom Auto abgelöst wurde, eröffneten sich die Wege zum Freizeitvehikel einerseits und zum Massensportartikel andererseits.
Und heute? Ja, heute droht neue Not. Der dichte Autoverkehr auf Autobahnen, Schnellstraßen, Fernverkehrsstraßen, mit Autos vollgestopfte und verqualmte Städte, Parkplatznot und immer teurer werdender Brennstoff für die Motoren sind auch durch immer raffiniertere technische Entwicklungen nicht mehr zu bewältigen. Der vorläufige Ausschluss bestimmter motorischer Antriebsarten und die Umstellung auf Elektrofahrzeuge werden nicht die erhoffte Erlösung von der Not bringen. Und weil Not eben erfinderisch macht, erinnert man sich plötzlich wieder der Tatsache, dass man mit dem Fahrrad nicht nur überschüssige Pfunde abbauen kann oder mit ihm irgendwelche Siege und Rekorde zu erringen sind, sondern dass man ja dabei immer auch von einem Ort, von einem Punkt zum anderen kommt. Das Fahrrad wird wieder interessant als einfaches Verkehrs- und Transportmittel. Die Erfinder stehen schon auf der Matte. Die einen erfinden fahrradgerechte Straßen. Sie erfinden sogar Fahrradautobahnen. Die Erkenntnis der Vergleichbarkeit von Fahrrädern mit Autos ist in der eigentlich paradoxen Benennung aufgehoben. Andere suchen neue, leichte Materialien für die Fahrräder, neue, effizientere Kraftübertragungen als den Kettenantrieb und neue Schaltungen. Ganz Schlaue haben das Elektro-Fahrrad (E-Bike) erfunden. Nun mal sehen, wohin das führt.
Karl Drais war 1818 wegen seiner Erfindungen zum Professor der Mathematik berufen worden. Das war just in dem Jahr als ein anderer Karl, nämlich der Karl Marx, in Trier geboren wurde. Jener sah die Not der Proletarier. Er wurde deshalb nicht zum Erfinder, wohl aber zum Analysten. Er ergründete die Ursachen der Not und fand sie in kapitalistischer Ausbeutung. Vor 150 Jahren legte er den ersten Band seiner umfassenden Analysen und der Aussicht auf Lösung der Not in einem künftigen Sozialismus und Kommunismus vor: „Das Kapital“. Danach versuchten viele die Weiterentwicklungen der Gedanken von Marx und auch ihre praktische Umsetzung. Kleinere Versuche scheiterten und auch der erste globale Großversuch, der Staatssozialismus, endete wie das Hochrad wegen der Diskrepanz zwischen Ziel und Mittel in einer Sackgasse. Sage aber niemand, das sei das Ende der Bedeutung von Karl Marx. Neue Not mit dem real existierenden Kapital, seiner Ausbeutung und seinen Kriegen macht die Fähigkeit, Straßen in eine Zukunft ohne Not bauen und angemessen nutzen zu können, wieder nötiger denn je.

(Geschrieben für Links, Mai 2017, 17.04.2017)

Winter ade …

8. März 2017
von Peter Porsch

In einer österreichischen Zeitung lese ich: „Der kalte Winter ließ die Heizkosten in die Höhe schnellen. Der Verbrauch liegt um 10 bis 20 Prozent über den Vorjahreswerten.“ Das wird anderswo in Europa, das wird in Sachsen wohl so ähnlich gewesen sein. Dabei war der diesjährige Winter nur ein wenig kälter als die vorhergehenden eher milden. Im Schnitt – so lese ich auch – machen die Heizkosten rund 200 Euro mehr pro Haushalt aus. Für Fernwärmekunden war es billiger; 60 Euro mehr im Schnitt. Was die heizenden Menschen belastet, freut die Wärme- und Brennstoffproduzenten. Vor Kälte muss man sich schützen. Der Schutz kostet Geld. Das belastet viele und bringt wenigen Profit So ist das eben!
So ist das eben? Nun es ist so, wenn man erstens eine beheizbare Bleibe hat und zweitens Geld, auch wenn es knapp ist, manchmal vorne und hinten nicht reicht und der kalte Winter die Schulden in die Höhe treibt. Was ist aber, wenn man erstens keine beheizbare Bleibe hat und zweitens gar kein Geld, was selbst das Schuldenmachen unmöglich macht? Wenn das so ist, dann sitzt man zum Beispiel als Flüchtling in Belgrad fest und fragt sich: „Was tun?“ Viel geht da nicht. Der Bahnhof selbst – ein etwas verbrauchtes Prunkgebäude des 19. Jahrhunderts – kann für Tausende keine Wärmestube sein. Nun, Bahnhöfe haben Wirtschaftsgebäude, die oft leer stehen. Davon gibt es in Belgrad aber kaum noch welche. Das alte weitläufige Bahnhofsgelände ist eine Trümmerwüste. Ich war im Herbst dort und habe das gesehen. Was an noch leidlich warmen Septemberabenden fast noch romantisch aussieht, wenn die Lagerfeuer der Flüchtlinge zwischen den Trümmer brennen, was bei der aufkommenden Kühle noch wärmt, kann im Winter keine Erleichterung bringen. Wie wird das im Winter, habe ich mich im Herbst gefragt. Die Welt hat es damals noch nicht interessiert. Die Antwort gab die Realität. Einige Ruinen, die noch defekte Dächer tragen, helfen da auch nicht weiter. Das Heizmaterial ist feuchtes, verschimmeltes Holz oder gar Plaste. Der Qualm treibt die Leute sehr bald in die Kälte. Es bestand bereits damals und es besteht im Winter noch sehr viel mehr eine große Diskrepanz zwischen der lebendigen jungen Stadt, dem aufkommenden Tourismus über Donau und Save und dem „Leben“ der Flüchtlinge. Es besteht unabhängig von der Jahreszeit ein grausiges Missverhältnis zwischen der Trümmerwelt, in der die Flüchtlinge Schutz suchen, und einem neu entstehenden Prunk-Boulevard unmittelbar daneben an der Save. Der Boulevard ist nur der Anfang. Der derzeitige Bürgermeister will ein ganzes Prunk-Viertel bauen. Die Zerstörung des Bahnhofareals macht dafür Platz. Das wird dann ein Quartier, in dem sich auch die Belgrader und Belgraderinnen keine Wohnungen werden leisten können. Es gibt nämlich auch noch viele andere Probleme in Serbien, die vor allem junge Menschen bewegen. Eine Fahrt mit der S-Bahn, voll von jungen Studierenden, von Novi-Sad nach Belgrad, belehrt Dich: Auch diese Menschen sind meist nur mehr auf Abruf in ihrer Heimat. Sie wollen weg an die vermeintlich vollen Futtertröge Westeuropas. NATO und EU machen im ehemaligen Jugoslawien „ganze Arbeit“. Die Region ist zersplittert, die Völker sind verfeindet, es sind jedoch überall die gleichen Konzerne, die ihre Geschäfte machen und die Zersplitterung für sich ausnutzen. Prinzip: zerteile und herrsche. Zu verdienen gibt es da für die Einheimischen nicht viel. An Serbien zerrt neben der EU auch noch Putins Russland. Und nicht nur in der S-Bahn merkt man bei Gesprächen, dass das die Bevölkerung in ihren Sympathien für die einen oder den anderen spaltet – oft Jung und Alt. Der Jugoslawienkrieg und die Bombenangriffe auf das Land sind noch nicht von allen vergessen.
Aber zurück zu den Flüchtlingen. Politikerinnen und Politiker in Österreich und Deutschland schwadronieren von Auffanglagern in Nordafrika. In Belgrad ist ein solches im Wildwuchs bereits seit längerem entstanden. Die Menschen kommen nicht weiter, weil – wie die gleichen Politiker und Politikerinnen mit Stolz verkünden – die Balkanroute geschlossen ist. Dieser hinterhältigen Politik vertrauen sich die Flüchtlinge nicht an. Sie hoffen auf Frühling. Ich mache das auch und schäme mich dabei.

(Geschrieben für „Links“, April 2017, 07.03.2017)