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Hatschi Bratschi

23. Juni 2018
von Peter Porsch

„Was kommt dort durch die Luft geflogen und immer näher hergezogen? Es ist, man sieht es deutlich schon, ein großer roter Luftballon. Drin sitzt, die Pfeife in der Hand, ein Zauberer aus dem Morgenland. Der böse Hatschi Bratschi heißt er, und kleine Kinder fängt und beißt er. O Fritzchen, Fritzchen, lauf davon, sonst kommst du in den Luftballon!“ So beginnt eine gereimte Geschichte, die mich, wie viele andere Generationen seit 1904, in meiner Kindheit begleitete und vor dem Bösen warnte, das zuerst aus dem „Türkenland“ oder später „Morgenland“, weil „Türkenland“ zu konkret war, kommt. Erschienen ist das Buch in verschiedenen Verlagen, zuletzt 1968. Der Autor heißt Franz Karl Ginzkey, ein Mensch sehr wechselhaften rechten Lebens, bis dass dieses 1871 begonnene 1963 der Tod in Salzburg gnädig beendete. Sein Leben kann man googeln und wird erstaunt sein, wie man sich über alle Wellen eines k. und k. Patriotismus, eines Austrofaschismus, der Sympathien für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, schließlich auch für den Nationalsozialismus in einen beschaulichen, rechtem Denken frönenden Lebensabend im schönen Salzburg retten konnte. Bleiben wir aber bei Hatschi Bratschi. Dieser Zauberer fängt das ungehorsame, trotz Verbots auf eine Wiese gelaufene Fritzchen. Als sich der Zauberer später aus dem Korb beugt, um ein weiteres Kind zu fangen, nutzt Fritzchen die Gunst der Stunde, gibt ihm einen Schubs, Hatschi Bratschi fällt in einen Brunnen und kommt nicht wieder. Fritzchen ist nun allein dem Flug des Ballons ausgesetzt, der zielsicher das Morgenland ansteuert. Es warten Abenteuer auf der Fahrt, zum Beispiel ein Gewitter oder die Hexe Kniesebein, die sich Fritzchens bemächtigen will, schließlich aber abstürzt, in einen Schornstein fällt und verbrennt. Gefährlich sind auch Menschenfresser, die, eine Menschenkette eine Palme hinauf bildend, den Ballon entern wollen und erst im letzten Moment ihr Ziel verfehlen und ins Meer stürzen. Die „Menschenfresser“ waren später Gegenstand von Kritik und wurden durch Affen ersetzt. Man könnte natürlich auch sagen, sie wurden mit Affen gleichgesetzt und deshalb mit solchen austauschbar, was Rassismus versteckte, allerdings nicht wirklich überwand. Fritzchen aber erreicht nach all den Abenteuern das Schloss von Hatschi Bratschi. Die Diener Hatschi Bratschis anerkennen Fritzchen als den neuen Herren und unterwerfen sich ihm. Dieser befreit alle gefangen Kinder, die glücklich nach Hause laufen. Fritzchen war der Held, die Mutter schloss ihn küssend in ihre Arme, der Vater wartete aber mit dem Rohstock auf ihn wegen des ungehorsamen Beginns.
Das Buch wurde mir nicht gefährlich. Ich weiß um seine unverhohlenen rassistischen und zumindest faschistoiden pädagogischen Ladungen. Ich bin ihnen nicht verfallen. Andere, die Kinder ihren Eltern entführen, brauchen das Buch wiederum gar nicht. Ziemlich sicher hat es Donald Trump nicht gelesen und dennoch hat er jüngst dafür gesorgt, dass mir die Geschichte wieder in den Sinn kam. Er wurde mir in empörter Phantasie zum Hatschi Bratschi. Dieser Hatschi Bratschi Trump hat keinen Luftballon, Er fängt aber ebenso Kinder. Er fängt sie an der Grenze zwischen den USA und Mexico. Wenn dort in Not verzweifelte Eltern mit ihren Kindern diese Grenze überschritten, dann kamen seine Schärgen, stellten die Grenzverletzer, trennten Eltern und Kinder und sperrten die Erwachsenen ein. Die Kinder weinten herzzerreißend, wurden aber gnadenlos in Camps verfrachtet, wo ihr verzweifeltes Weinen und Schreien von zynischen Bewachern als „Konzert“ bezeichnet wurde, dem nur der „Dirigent“ fehle. Menschen in aller Welt wandten sich gegen diese Grausamkeiten, selbst die Gattin von Hatschi Bratschi Trump und seine Tochter. Dieser sehr abendländische Hatschi Bartschi meint aber, dass die Schuld bei den Eltern läge. Sie hätten ja nur in Mexico bleiben müssen, um nicht von ihren Kindern getrennt zu werden. Hätte, hätte Fahrradkette – Fritzchen hätte ja auch nicht auf die Wiese laufen sollen. Gehorsam statt Spieltrieb, Unterwerfung, statt Kind-Sein hätten ihn gerettet? Nein, auch das hilft nichts! Die Welt ist voller Hatschi Bratschis. Ihre kleinen Opfer werden ausgebeutet, liegen zerschossen und ersoffen herum, bekommen, manchmal zwangsweise neue Eltern oder werden selbst bewaffnet und zum Kriegführen gezwungen …

(Geschrieben für Links, Juli/August 2018, 20.06.2018)

Spielchen, deal und kein Vertrag

5. Juni 2018
von Peter Porsch

Sprachgeschichtsforschung kann wohl sehr genau beschreiben, was sich in Sprachen im Laufe der Zeit so alles verändert. Fragt man sie aber nach den Ursachen, so wird sie deutlich schweigsamer Auf einer relativ sicheren Seite ist man, wenn man von Vorbildern spricht. Die Römer brachten den Germanen mit ihren primitiven, aus gewundenen Ästen und dann mit Lehm verschmierten Wänden die Mauer aus Ziegeln sowie die Wörter dafür (murus, tegula). Die Lautveränderungen, die aus den lateinischen Wörtern letztlich deutsche machten, kann man zwar benennen und beschreiben, ursächlich jedoch nicht erklären. Die Römer brachten die gesamte Terminologie des Weinbaus und manch anderes noch. Sächsisch verlor seine Vornehmheit und Vorbildlichkeit nach dem Sieg der Preußen im Siebenjährigen Krieg. Französisch wurde zur Sprache bevorzugter Kultur und viel davon findet sich sogar immer noch in den Dialekten – auch die „Fischilanz“ der Sachsen.
So ist das auch heute: Neuerdings hört man in der Sprache der Politiker und Politikerinnen, durch die Medien in unseren Alltag transportiert, häufig das Wort „Deal“. „Häufig“ zu sagen, reicht eigentlich nicht, es muss schon von inflationärem Gebrauch gesprochen werden. Ich lese vom „Friedensdeal“ in Kolumbien, der in Gefahr geraten könnte. Die Obamas haben angeblich einen „Mega-Deal“ unterschrieben, um bei Netflix Filmproduzenten zu werden.
Wie kommt das? Es muss wohl ein Vorbild mit hohem Prestige geben – und es gibt eines. Der Mann heißt Donald Trump. Er ist immerhin Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Trump ist ein „Dealmaker“ habe ich gerade gelesen. Hat man früher in der Politik und Diplomatie normalerweise von „Verträgen“ gesprochen, die Staaten untereinander geschlossen haben, so spricht plötzliche alle Welt mit Donald Trump von Deals beziehungsweise deals. Es gab einen „Atomwaffensperrvertrag“, der noch immer gilt. Die NATO ist „the North Atlantik Treaty Organisation.“ „Treaty“, so belehren mich alle Wörterbücher und Übersetzungshilfen ist auf Deutsch mit Vertrag zu übersetzen. Donald Trump kündigte jedoch einen deal mit dem Iran zur Abwehr seiner geplanten
Atombewaffnung. Es wäre der schlechteste deal aller Zeiten gewesen, glaubt man dem Präsidenten. Jetzt möchte er zeigen, was er kann. Er verspricht uns einen deal mit Nordkorea zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Dazu will er sich mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim-Jong-un, dem Obersten Führer Nordkoreas, treffen. Es geht also wieder um einen deal. Für englisch „deal“ wird mir stets als erste Übersetzung deutsch „Deal“ angeboten. Nun suche ich in einsprachigen Wörterbüchern nach der Bedeutung. Solche für Englisch sagen mir, dass das Wort ziemlich problemlos für „contract“, „agreement“, „treaty“(!), „pact“ verwendbar ist. Wenn der Trump also unbedingt will, so soll er halt bei seinem „deal“ bleiben. Es ist eher amerikanisches Englisch und es ist eher das Englisch der Geschäftsleute. Moment, da stutze ich doch. Ist Politik neuerdings ein Geschäft? Vielleicht auch eines, bei dem man sich möglichst gegenseitig übers Ohr haut? Wenn das so ist, verstehe ich fast Trumps Misstrauen gegenüber dem „deal“ mit dem Iran. Trumps Absicht bei „deals“, die er aushandelt, blitzte kurz auf, als er die Absage seiner Gesprächsabsage mit Kim-Jong-un als „Spielchen“, welche alle betreiben, bezeichnete. Nordkoreas Kim sollte nicht zu vertrauensselig sein. Spielchen haben auch die Produzenten von Diesel-Motoren mit uns betrieben. Für sie war es beim Verkauf dieser Motoren auch noch ein guter Deal.
Jetzt hatte ich keine Wahl. Ich musste „Deal“ groß schreiben. Im Deutschen kann man das Wort nicht unbeschädigt mit seiner Bedeutung 1:1 aus dem Englischen übernehmen, jedenfalls nicht, wenn man Wörterbüchern vertraut: Im von mir schon oft zitierten DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch finde ich nämlich unter „Deal“ mehrere Hinweise darauf, dass es sich dabei um zweifelhafte Geschäfte handelt. Dafür kommen natürlich Spielchen gerade recht und Trumps deals sind so unverdächtig auch nicht mehr, entfernen sich offensichtlich von dem, was man anständigerweise unter Verträgen versteht.

(Geschrieben für Links, Juni 2018, 28.05.2018)

Vom Geld

25. April 2018
von Peter Porsch

Bei facebook fragte unlängst wer: „Was ist der Grund für die weltweite Abwesenheit von Frieden?“ Eine Antwort war: „Diese Regierungsform ‚Geld regiert die Welt‘ ist der Grund.“ Und sollte wer fragen, warum sich gerade diese „Regierungsform“ durchgesetzt hat, so gab es eine weitere Antwort: „Mit Frieden lässt sich schlecht Geld, und zwar sehr viel Geld schnell, ja überschnell machen!“ Wer sich also an schneller, überschneller Geldmacherei beteiligt, fragt nicht nach Herkunft des Geldes, fragt nicht danach, ob Blut daran klebt oder ob es übel riecht. Das Volk ist erfahren und weiß: „Wer alles bloß des Geldes wegen tut, wird bald des Geldes wegen alles tun.“ Nun sagt man freilich auch, „Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts“. Dem Volk kommt es wieder weise aus dem Mund, „Liebe zum Geld erzeugt die eine Hälfte der Übel in dieser Welt, Mangel an Geld die andere.“ Kurz zusammengefasst: „Geld verdirbt den Charakter“ – vielleicht nicht jedem und jeder, wohl aber so vielen, dass die Welt darunter leidet. Vor kurzem las ich von einem Wirtschaftsboss, der meinte, er bekäme die hohen Boni zu recht, weil man als Topmanager immer mit einem Bein im Knast stünde. Charakterloses Wirtschaften!

Einschlägige Experimente bringen merkwürdige Ergebnisse zutage. Da gibt man zum Beispiel verschiedenen Personen harmlose Aufgaben am Bildschirm zu lösen. Nach einer Weile kündigt man ihnen weitere Aufgaben an, die aber mit jeweils einer zweiten Person gemeinsam zu lösen sind. Bis zum Eintreffen dieser Personen bekommen die bereits anwesenden Personen als Bildschirmschoner entweder Fische oder einen Berg Geld zu sehen. Neben sie stellt man einen zweiten Stuhl für die zu erwartende Person. Und siehe da, die Menschen, die Geld zu sehen bekamen, rücken von ihrem Partner oder ihrer Partnerin ein Stück ab, etwa einen halben Meter. Jene, die Fische gesehen hatten, brauchen diese Distanz nicht und lassen ihren Stuhl einfach so stehen, wie er steht.

Aber es geht noch weiter. Für ein anderes Experiment wurden Personen aus verschiedenen Einkommensschichten ausgewählt, reiche und solche aus bescheideneren Verhältnissen kommende. Sie konnten elektronisch würfeln, der Wurf erschien auf einem Bildschirm. Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht wussten und auch nicht sehen konnten, bei allen wurde immer die gleiche Augenzahl erreicht. Gefragt nach ihrem Erfolg beim Würfeln waren die aus der wenig wohlhabenden Schicht aber ehrlicher als die Reichen. Letztere schummelten ihr Ergebnis nach oben. „Geld fährt auf hohen Schlitten, Armut muß zu Fuße geh’n“, lehrt uns ein altes Sprichwort.

Im Jahr 2017 gab es geschätzt, wer weiß das noch ganz genau, 31 Kriege in der Welt. Sie produzierten 65,6 Millionen Flüchtlinge – geschätzt, denn wer weiß das noch ganz genau. Der Verkauf von Kriegsgeräten belief sich auf 374,8 Milliarden US-Dollar. Ein guter Grund für die Abwesenheit von Frieden. Aber wer will das schon zugeben. Man muss andere Kriegsgründe erfinden, denn, „wo das Geld spricht, schweigt die Wahrheit“. Zur Wahrheit gehören auch 157.000 Kriegstote im Jahr 2016. Allein in Syrien starben von 2011 bis Mitte 2017 etwa 332.000 Menschen an der von Geld übertragenen „Epidemie“ Krieg. Ausgeheckt werden die „Krankheitsüberträger“ in den Labors der Staatskanzleien, Königshöfe, Präsidentenpaläste. Man nennte diese Labors auch Geheimdienste. Die wissen angeblich warum und wer. Letztlich artikulieren sich die Interessen an Geld. Gut 100 abgeschossene Raketen auf Syrien in einer Nacht, 71 davon angeblich abgefangen. Sie müssen ersetzt und verbessert werden, Angriffsraketen wie Abfangraketen, was gute Gewinne bringt. „Aus vielen Beuteln ist gut Geld zählen.“ Es sind die Beutel der Ausgebeuteten in aller Welt.

Schon der alte Cicero wusste: „nervus belli, pecunia infinita“ – „die Sehnen des Krieges, unendlich viel Geld.“ Das Gegenteil von Unendlichem ist Nichts oder etwas mehr als 3%. Das ist die nächste Rentenerhöhung. Es bleibt noch genug Geld für sichere Anlage in Kriege übrig.

(Geschrieben für Links, Mai 2018, 20.04.2018)